Wilhelm Busch, Selbstportrait (hf0611)Zum 100. Todestag von Wilhelm Busch: Wo die Moral nicht zu Hause ist
 - Von der niedersächsischen Provinz in die Welt: Wilhelm Busch (1832-1908), genialer Zeichner, heimlicher Landschaftsmaler, Dichter für alle Lebenslagen. Am Mittwoch, 9. Januar, hat der bitterböse Satiriker 100. Todestag.
Von Wolf Scheller aus dem Münchner Merkur, 04.01.2007:

Der kürzeste Heiratsantrag, den man aus der Literatur kennt, stammt von Wilhelm Busch: „Mädchen ­ - spricht er - sag mir ob”/ „Und sie lächelt: Ja, Herr Knopp!” Nun hören sich manche solcher Reime bei Busch ziemlich schräg an, aber dennoch provozieren sie Gelächter, das einen irgendwie entfesselt, animalisch, tränentreibend wirkt, ein kreatürliches Lachen, das sich von Generation zu Generation fortzusetzen scheint. Dabei ist Buschs Komik immer näher an der Katastrophe als bei der Idylle. Hans Huckebein erhängt sich aus Versehen. Max und Moritz enden als Entenfutter. Der Eispeter bricht in einen gefrorenen See ein, erstarrt zum Eiszapfen, schmilzt beim Auftauen zu einer Pfütze und wird von seinen Eltern auf einem Kellerregal eingelagert, in einem Einmachglas mit der Aufschrift „Peter”.

„Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.”
aus der „frommen Helene”

Mit Humor oder gar Heiterkeit hat das alles nichts zu tun. Buschs Komik entfaltet sich in Regionen, in denen die Moral nicht zu Hause ist. Dennoch werden immer wieder alle Klischees über ihn wie Witwe Boltes Sauerkohl aufgewärmt. „Mein Lebenslauf ist bald erzählt. In stiller Ewigkeit verloren / schlief ich, und nichts hat mir gefehlt, /Bis dass ich sichtbar ward geboren,” heißt es in seiner Grabschrift, die er sich selbst zu Lebzeiten, als Gedenkgedicht zu seinem 75. Geburtstag, seinem letzten, geschenkt hat.

Als er geboren wurde ­ 1832, im Jahr des Hambacher Festes ­, war Goethe gerade gestorben. Aufgewachsen in Wiedensahl, einem Kaff bei Hannover, wurde er vom neunten Lebensjahr an von einem Onkel mütterlicherseits erzogen, dem Pastor Georg Kleine. Busch erfuhr bereits sehr früh Heimatlosigkeit und wurde darüber zum Einzelgänger. Später wird er sich nur an zwei Kindheitserfahrungen erinnern: Wie der Vater ihn schlägt und wie er, Wilhelm, mit der Großmutter morgens früh zusammen in der stillen, warmen Küche sitzt. Auf einem Zettel notiert er sich: „Durch die Kinderjahre hindurchgeprügelt.” Dennoch wird bei Busch nicht nur bei „Max und Moritz” auf drastische Weise bestraft. Er bevorzugt den autoritären Küchenreim : „Von Birken eine Rute, gebraucht am rechten Ort, befördert oft das Gute, mehr als das rechte Wort.”

„Wie aber verträgt sich dieses Plädoyer der „schwarzen Pädagogik” mit der eigenen Erfahrung: „Mein Vater empfing mich an der Tür und lud mich ein, ihm auf den Speicher zu folgen. Hier ergriff er mich am linken Flügel und trieb mich vermittels eines Rohrstockes im Kreise umher...” Daraus folgert Busch im Alter: „Ich, der in den Kinderjahren die Bangigkeit gründlich studiert hat.” Wie Busch das Thema Züchtigung mit Pinsel, Bleistift und Feder schon in den frühen Karikaturen, in seinen Bildergeschichten, in Prosaarbeiten behandelt, rückt das Strafen, die Lust an der geplanten Exekution ins Zentrum. Auch die Lyrik bleibt davon nicht frei.

„Einszweidrei! im Sauseschritt / Läuft die Zeit; wir laufen mit.”
aus „Julchen”

So heißt es in der Lyriksammlung „Zu guter Letzt” von 1904 unter der Überschrift „Nicht Artig”: „Es saust der Stock, es schwirrt die Rute. Du darfst nicht zeigen, was du bist. Wie schad, o Mensch, dass dir das Gute im Grunde so zuwider ist.” Busch hat von „meinen Phantasiehanseln” gesprochen. Und doch sind bei ihm Kinder stets böse. Auch die Frauen, wenn sie nicht auch noch dumm sind.

Busch verinnerlicht ein zutiefst pessimistisches Welt- und Menschenbild. Sein Publikum ­ allzu mal in Deutschland ­ hielt sich aber immer an seinem typisch humorigen, romantisierenden und herzerwärmenden Ton fest. Es ist jene Ausdrucksform, die namentlich im Ausland vielfach als typisch deutscher Humor angesehen wird. Busch ­ der Komiker als angewandter Pessimist.

Die häufigste Freude ist bei Busch die auf Kosten anderer. Er hat seine Lust an der bösartigen Sicht der Dinge. Bereits mit 15 Jahren hat er Kants „Kritik der reinen Vernunft” gelesen. Mit Hilfe der Lektüre Schopenhauers hat er sich dann zum Pessimisten ausgebildet: „Jedes legt noch schnell ein Ei. Und dann kommt der Tod herbei.”

Wenn es ans Sterben geht, dann kann man sich bei Busch auf allerlei gefasst machen. Man wird von Messern aufgespießt, durchbohrt von Scheren, Bleistiften, Regenschirmen. Es wird verbrannt, geköpft, vergiftet, erhängt, erschossen, erschlagen. Unfälle aller Art ­ mit Sprengstoff, Feuer oder diversen Gerätschaften: „Rums, da geht die Pfeife los...”

Viele seiner Geschichten, eigentlich fast alle, handeln vom Zusammenprall von Eitelkeit und Missgeschick, Natur und Mensch, Naivität und Bosheit. Ein die Nachtruhe störender Floh wird am dünnen Bein in die Kerzenflamme gehalten, die „bösen Buben von Korinth”, die den Diogenes ärgern, werden von seiner Tonne platt gemacht. Es gibt keine Bewährung. Alles wird zum Massaker. „Man ist ein Mensch und erfrischt und erbaut sich gern an den Verdrießlichkeiten und Dummheiten anderer Leute.”

„Und wie das mit Recht geschieht,/ Auf die Kunst folgt der Profit”
aus „Plisch und Plum”

Auch die Juden kriegen ihr Fett weg, was Busch den Vorwurf des Antisemitismus eingetragen hat. Für diesen Verdacht gibt es aber in seinem Werk nur geringen Anlass. Zum Beispiel in „Die fromme Helene”: „Und der Jud mit krummer Ferse/Krummer Nas und krummer Hos/Schlängelt sich zur hohen Börse/ Tiefverderbt und seelenlos.” Oder in dem Bilderepos „Plisch und Plum”, in dem die Jungen Paul und Peter die jungen Hunde Plisch und Plum vor dem Ertränken durch den bösen Kaspar Schlich retten. Da heißt es zu Beginn des fünften Kapitels: „Kurz die Hose, lang/ Krumm die Nase und der Stock,/ Augen schwarz und Seele grau,/ Hut nach hinten, Miene schlau.” Fazit: „Das ist Schmulchen Schievelbeiner. (Schöner ist doch unsereiner!)” Golo Mann meinte dazu, ein „arger Antisemit” sei Busch nicht gewesen. „Natürlich war er es ein klein bisschen, wie zu seiner Zeit alle Deutschen und alle Franzosen auch... In seinen Erfolgswerken kommen die Juden nicht überdurchschnittlich oft vor, sondern überdurchschnittlich selten.”

Im Alter lebte Busch zurückgezogen im Pfarrhaus seines Neffen in Mechtshausen am Harz. Er starb 1908 „bei verschneiter Landschaft”, wie Gudrun Schury in „Ich wollt, ich wär ein Eskimo” schreibt.

Im Rückblick mochte man ihn in seiner Erzählung „Eduards Traum”(1891) erkennen. Hier wird Eduard alias Busch im Traum zum Punkt und tritt eine fantastische Reise an, die ihn durch die Dimensionen bis ans Ende der Welt und darüber hinaus führt. Diese Geschichte ist auch eine Absage an die Utopie: Denn wo immer Eduard hinkommt, trifft er nur auf Nullen und aufgeblasene Punkte, Windbeutel, Schaumschläger. Es herrschen Eigennutz, Niedertracht, Dummheit. Eine Gesellschaft, in der es gerecht zuginge, böte den Menschen nichts zu lachen. Denn Lachen ­ so das Fazit ­ ist immer Verlachen: „O weh! Ich war im Kreis gelaufen, Stand wiederum am alten Platze, Und vor mir dehnt sich lang und breit, Wie ehedem die Ewigkeit.”

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0108 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Münchner Merkur