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Der Poltergeist mit der Liebe zur Kunst
Kampferprobter Schriftsteller, Sammler und Verleger: Zum Tod von Lothar-Günther
Buchheim
Von Wolf Scheller aus den Nürnberger
Nachrichten vom 24.02.2007:
«Also, dann mach’s gut!» «Ja, du auch –
viel Glück!» So knapp geht’s in einem seiner letzten Romane zu, wenn Männer
voneinander Abschied nehmen. «Abschied» hieß auch das Buch. Nach
jahrzehntelanger Freundschaft, nach gemeinsam erlebten Kriegsabenteuern, draußen
auf stürmischer See, im Boot (so hieß sein populärstes Buch, «Das Boot»,
das auch ein großer Filmerfolg wurde) unter Wasser eingeschlossen, von
feindlichen Torpedos leckgeschossen, mit letzter Not nach St.Nazaire gerettet.
Das vergisst man eben nicht.
Der Krieg als Vater aller Männerfreundschaft, die gemeinsam im
Marine-Casino-Ton gepflegte Abneigung gegen die braunen Parteibonzen. Nein, die
Herren U-Boot-Fahrer waren aus anderem Holz. Und Lothar-Günther Buchheim, der
Schriftsteller, Maler, Verleger, Kunstsammler, war einer von ihnen, ein
Berserker mit dem Wahn, der Welt annähernd Herr zu werden. Jetzt hat er endgültig
von ihr Abschied genommen. Wenige Tage nach seinem 89. Geburtstag ist der
wortgewaltige und kampferprobte «Poltergeist» von Feldafing, der nach einer
Operation immer eine Augenklappe trug, an Herzversagen gestorben.
Buchheim, der scheinbar Unverwüstliche, weltberühmt, von vielen aber auch
wegen seiner Zornausbrüche und Skandale gefürchtet, eine Wutspritze, wie man
ihn genannt hat, aber auch ein Romantiker, der jahrzehntelang für ein Museum
gekämpft hat, in dem er seine äußerst wertvolle und international hoch
geachtete Sammlung des deutschen Expressionismus und seine Volkskunstschätze
zeigen wollte. Realisiert wurde das «Museum der Phantasie» schließlich 2001
in Bernried am Starnberger See.
«Ich grapsche alles zusammen, wie ein Eichhörnchen,» pflegte er zu sagen. Den
Grundstock seiner Sammlung hatte er in der NS-Zeit zusammengetragen, als die als
«entartet» gebrandmarkten Werke der Expressionisten noch für wenig Geld zu
haben waren. Für Buchheim war das Sammeln von Kunst aber nie Selbstzweck. «Ich
wollte einfach Bilder um mich haben, aber keine Kunstschätze horten.» Für ihn
gehörten Kunstsammlungen in den Besitz der Öffentlichkeit, und dies wollte er
mit seiner Stiftung und seinem Museum erreichen. «Wenn ich nicht das Gefühl hätte,
die Welt verändern zu können, würde ich nicht mehr weitermachen», war eine
Maxime, für die Buchheim lebte.
Eben deswegen haben ihn sogar die, die seine Wutausbrüche fürchteten,
bewundert, vielleicht sogar geliebt. Weil er als Groß-Querulant nicht nur in
eigener Sache auftrat. Am 6. Februar 1918 wurde Buchheim in Weimar als Sohn
einer Malerin geboren. Er selbst galt bald als «malendes Wunderkind»,
studierte an den Kunstakademien in Dresden und München – und meldete sich als
Freiwilliger zur Marine. In vielen dicken Büchern hat er über diese Jahre
geschrieben, die ihn in seinem Temperament geprägt haben. Aber die Vorstellung,
dass ihn der Krieg und das knappe Entrinnen aus der Katastrophe unendlich milder
und weiser gestimmt hätten, wäre dann wohl doch eine Übertreibung gewesen.
Nautischer Idealist
Als sich Buchheim schließlich in Feldafing niederließ, setzte er sich ans
literarische Werk. Dieser nautische Idealist nahm seine Leser mit auf große
Fahrt, beschwor in seiner Roman-Trilogie «Das Boot», «Die Festung», und «Der
Abschied» den wehen Geist von Mannesmut und trotziger Bewahrung gegen den
Ansturm der Moderne. Immer wieder war der «Alte», wie er sich gerne nennen ließ,
unterwegs – bis in die Südsee trieb es ihn. Von dort kehrte er wieder mit
Gouachen, die heute sein Museum schmücken.
Mit Buchheim, so Bundespräsident Horst Köhler, verliere Deutschland eine
seiner markantestens Künstlerpersönlichkeiten. Zielstrebig und hartnäckig sei
er seinen eigenen Weg gegangen. Bayerns Kunstminister Thomas Goppel würdigte
Buchheim als einen genialen Künstler und Sammler, der ein eindrucksvolles
Lebenswerk hinterlasse. Die ARD zeigt aus Anlass seines Todes am heutigen
Samstag um 22.55 Uhr den 1981 von Wolfgang Petersen gedrehten Film «Das Boot».
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2.)
Ein deutscher Kunst-BerserkerDer Maler, Sammler, Autor und Museumsdirektor Lothar-Günther Buchheim starb mit 89 Jahren in Starnberg am See. E r war ein zutiefst menschliches Urviech, ein barocker Arbeitswüterich, ein Kunst-Berserker. Einer der Menschen, bei denen es keine Anmaßung ist, wenn sie ich sagen. Und ein großer Furchteinflößer, der aber doch die Welt zu seiner Geliebten gemacht hatte - auf die Gefahr hin, dass sie die heftige, ruppige Zuneigung dieses leidenschaftlichen Mannes nicht immer erwiderte und zu streiten begann. So ist es nun auf eine sehr laute Weise still geworden, seit Lothar-Günther Buchheim am Donnerstag, zweieinhalb Wochen nach seinem 89. Geburtstag einem Herzversagen erlag. Ja, ihm waren seine 1000 Talente zu schade, um sie an eine einzige Sache zu vergeuden. So war er auch Kriegsreporter und Fotograf, Kunstsammler und Galerist, Kunsthandwerkstätten-Gründer und Verleger, Schriftsteller, Weltreisender und Museumsdirektor. Aber eigentlich wollte er Maler sein. Zeitlebens blieb er stolz darauf, dass man ihn 1935 ein "malendes Wunderkind" genannt hat, ihn, der als Sohn der Malerin Charlotte Buchheim in Weimar zur Welt gekommen war und in Chemnitz aufwuchs. Auch mit seinen Worten hat er stets gemalt: dramatische Szenen, Zeitbilder, existenzielle Not, ja Angst und Schrecken. Es blieben meist Oberflächen, die ohne geschichtliche Tiefe oder gar (selbst-) kritischen Reflexionsraum auskamen.
Teil der Nazi-Propagandamaschine
Er hatte den Nazismus als "Napola"-Schüler mit dem Kakao aufgesogen, er meldete sich freiwillig zur Marine. Und war, als Kriegsberichterstatter und Buchautor ("Jäger im Weltmeer"), Teil einer Propagandamaschine, die jenen Krieg vorantrieb, den er in seinem Roman-Welterfolg "Das Boot" als sinnlose Angelegenheit mit abenteuerlichen Zügen schilderte. Darin waren fast alle Opfer, sogar manche Täter.
Buchheim war 1944 mit einem der letzten U-Boote aus der Festung Brest geflohen und quer durch Frankreich, dem Krieg aber ist er zeitlebens nicht entkommen. Er schlug sein Quartier in Feldafing am Starnberger See auf, wo er in den Nachkriegswirren sogar kurz und wider willen einmal Polizeichef gewesen sein soll. Später, als die Feldafinger sein überquellendes "Museum der Phantasie" mit einem Bürgerbegehren verhinderten, sollte er sie "Gullyratten" nennen.Doch zunächst sammelte er Expressionisten - zu einem Zeitpunkt, als sie immer noch ein bisschen verpönt und zu günstigen Kursen zu kaufen waren. Und er machte sie, mit Hilfe seines 1951 gegründeten Buchheim-Verlags für Bücher und Kalender zu jener bekannten Strömung, die heute als klassische Moderne gilt. Seine Sammlung, die durch seine vielen Weltreisen immer weiterwucherte, wurde zuletzt auf einen Wert zwischen 100 und 200 Millionen Euro geschätzt.
In den 80er Jahren sollte sie im Duisburger Lehmbruck-Museum einen Heimathafen bekommen, die dortige Universität machte ihn gar zum Ehrendoktor - aber Buchheims Eigenwilligkeit machte, wie so viele andere, auch diese Pläne zunichte. Dass das "Museum der Phantasie" nach dem Scheitern in Feldafing am 23. Mai 2001 im benachbarten Bernried doch noch eröffnet werden konnte, verdankt sich dem vehementen Eingreifen des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber; dass es ein heller, lichter Bau wurde, den Plänen des Architekten Günter Behnisch - und dass es ein Erfolg wurde, den Millionen von Besuchern.
Und Millionen sahen auch zu, als der gesamten Boot-Mannschaft um Wolfgang Petersen jüngst die "Goldene Kamera" verliehen wurde. Aber da fehlte einer: Der Autor Lothar-Günther Buchheim. Er hätte da auch gar nicht hingepasst. Diesen Film hat er nie gemocht. (NRZ)
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]
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