1.) - 4.)
Die totale Vermarktung der Kunst
Bei Brecht gelernt: Begegnung mit dem Berliner Regisseur Manfred Wekwerth
Von Inge Rau aus den Nürnberger
Nachrichten vom 8.05.2006:
Zurzeit ist der Berliner
Theaterregisseur Manfred Wekwerth ein begehrter Gesprächspartner. Zum 50.
Todestag von Bertolt Brecht am 14. August soll er als Zeitzeuge erzählen, wie
er zur legendären Truppe des Stückeschreibers stieß und an den Modell-Aufführungen
des „Berliner Ensembles“ mitarbeitete. Wekwerth, Jahrgang 1929, langjähriger
Intendant des BE und zu Inszenierungen europaweit eingeladen, widmet sich
inzwischen mehr der Ausbildung des künstlerischen Nachwuchses und dem
Schreiben. Beim 2. Kulturpolitischen Forum der DKP in Nürnberg las er aus
seiner Autobiografie „Erinnern ist Leben“. Viele junge Leute hörten auch
seinem Referat über „Die Zerstörung von Kultur“ zu. Wenn Wekwerth ins
Plaudern kommt über die Bühne und Brecht, über Kunst und Sozialismus, ist die
Lust am Theater unvermindert zu spüren.
Wodurch wird Ihrer Meinung nach die Kultur zerstört?
Manfred Wekwerth: Diese Zerstörung findet immer in Zeiten statt, in denen es
eine Spaltung der Interessen gibt. Wenn eine - mit dem späten Mittelalter
beginnende - Warenwirtschaft die Welt ergreift und inzwischen Dinge nicht mehr
nach ihrem Gebrauch beurteilt werden, sondern nach ihrem Tauschwert, kann das in
totale Vermarktung ausarten. Kunst wird selbst zur Ware. Wenn Sie momentan in
Berlin ins Theater gehen, können Ihnen die Haare zu Berge stehen. Ich rede
jetzt nicht von Peymanns BE, sondern von der Deutschen Staatsoper, wo ich gerade
die „Zauberflöte“ in einer grauenhaften Inszenierung gesehen habe. Am Ende
brach ein Jubel des Publikums aus. Wenn Sie nachfragen, sagen die Besucher, sie
hätten so viel für die Karte bezahlt, das muss gut sein. Das nimmt
Warencharakter an.
Brecht hat in der DDR auch schon über den „kulturellen Ausverkauf des Spätkapitalismus“
geklagt. . .
Wekwerth: Gegen das, was heute unter dem Begriff Globalisierung läuft, war das
damals ein Kinderspiel. Hier geht es ja jetzt um die Durchsetzung eines ganz
einseitigen Protektionismus. Bei Brecht muss man dazu sagen, dass er diese großartige
Fähigkeit eines sehr naiven Menschen mit dem Humor von Karl Valentin hatte und
das Gehirn von Hegel und Marx. Diese Mischung, Intellektuelles eingänglich zu
vermitteln, zeichnete ihn aus. „Erst kommt das Fressen und dann die Moral“ -
solche Sätze brennen sich ein. Das vergisst man nicht. Heute hingegen
kultiviert man die Nichtigkeit. Wenn Sie pur darstellen wollen, dass nichts mehr
geht, müssen Sie aufhören mit Theaterspielen. Auch die Beschreibung finsterer
Zeiten muss noch ein theatralisches Vergnügen sein. Theater ist ohne Spaß
absolut nicht machbar.
Aber was ist von solchen Überlegungen in der heutigen Szene übrig geblieben?
Wekwerth: Dazu muss man erst einmal klarstellen, dass Brecht durch seine
Modell-Inszenierungen verhindern wollte, dass sich der von den Nazis geprägte
Kitsch in der Nachkriegszeit nicht festsetzt. Zur Nachahmung waren die Aufführungen
nie gedacht, das ist Quatsch. Die „Courage“ hatte noch diese große
Tristesse, dass die Leute erschüttert waren und sich nicht langweilten wie
heute. „Der kaukasische Kreidekreis“ war eine überströmende, von Bosch-
und Breughel-Farben strotzende Inszenierung.
Also, wo sind dann die Erben?
Wekwerth: Wen ich gern sehe, ist Christoph Marthaler. Er entdeckt in Details
gesellschaftliche Rituale, ist ein wunderbarer Menschenbeobachter. Das Erbe wird
nicht nur über die Stücke vermittelt, sondern über die Spielweise. Ich habe
aber auch an der Schaubühne eine „Hedda Gabler“ gesehen, die das spießbürgerliche
Verhalten heutiger Intellektueller, die nichts verändern wollen, in ihrer Öde
großartig zeigte und ungeheure Spannung hatte. Das ist im Grunde das Rezept von
Brecht. So ist er lebendig.
Warum gibt es keine Avantgarde mehr, sondern nur Stagnation?
Wekwerth: Es hat zu tun mit dem Zusammenbruch jeder linken Bewegung. Deren
Fehlentwicklung hat zur Lähmung kritischen Verhaltens geführt. Sodass man zurückfällt
auf Adorno, der sagte, nach Auschwitz gibt es nichts mehr, was man bewegen kann
in der Kunst. Da entgegne ich mit Habermas: Zeiten ohne Utopien sind wie Wüsten
ohne Oasen.
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2.)
Gemütlich hat es Bertolt Brecht in seinem Sarg: Gelassen räkelt er sich inmitten seiner Bücher. Und tippt sich grinsend an den Kopf angesichts der aufgeregten Professoren über seinem Grab. Harald Kretzschmars Karikatur "Brechts Totsager" (2006) nimmt direkten Bezug zum Symposion der Internationalen Brecht-Gesellschaft, die jüngst im Augsburger Zeughaus zum Thema "Brecht und der Tod" tagte (anlässlich seines 50. Todestags am 14.8.06).
Ein Stockwerk tiefer, in der Toskanischen Säulenhalle,
hängt Kretzschmars Federzeichnung in einer beachtlichen Ausstellung, die sich
mit der bildkünstlerischen Reflexion Brechts und seiner Werke auseinandersetzt.
Mehr als die Hälfte der rund 500 Exponate in "Brecht in der Buchkunst und
Graphik" - Porträts, Illustrationen, Improvisationen, zum Teil exquisite
Raritäten - stammt aus der Jenaer Sammlung Volkmar Häußlers, die übrigen hat
dieser in den Beständen der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg gesichtet. Zu
sammeln hat Häußler in den 60er-Jahren begonnen. Zu den Theaterplakatentwürfen
fürs Berliner Ensemble von Caspar Neher (seit den 20ern) und Karl von Appen
(seit den 50ern) gesellte sich da etwa ein großformatiges Blatt zur "3
Groschen Oper" (1969) von Horst Janssen.
Auch Hans Tombrock, ein Freund Brechts, den dieser 1938 im Stockholmer Exil
kennenlernte, beschäftigte sich mit dessen dramatischem Werk. Von ihm wird in
Augsburg ein bisher unveröffentlichter Zyklus von Radierungen präsentiert. Aus
der gewitzten Feder von Robert
Gernhardt floss 1997 ein wunderbares karikaturistisches Doppelporträt: Der
rauchende "Gottfried
Benn liest Bertolt Brecht", und der rauchende "Bertolt Brecht
liest Gottfried Benn":
"Geschichtsoptimismus!", urteilt der eine, "Todessucht!" der
andere.
In solch außergewöhnlicher Vielzahl und Vielfalt beweist "Brecht in der
Buchkunst und Graphik" ein bis in die Gegenwart ungebrochenes Interesse an
der Auseinandersetzung mit B. B. Zur Schau erschien nicht nur eine (österreichische)
Briefmarke mit einer Federzeichnung von Hans Ticha, sondern zudem ein
umfassender Katalog, "ein richtiges Nachschlagewerk zur Brecht-Rezeption in
der Kunst" (Häußler), welches über die Augsburger Präsentation hinaus
die Archiv-Bestände dokumentiert.
Eine lohnende Fleißarbeit für den Brecht-forschenden Häußler, der noch bis
kurz vor Ausstellungseröffnung Zeichnungen erworben hat. Doch das Vorhandene
ist dem passionierten Sammler nicht genug: So kommt es vor, dass er Künstlern
Anregungen, etwa eine Keuner-Geschichte, für die grafische Beschäftigung mit
Brecht gibt - ein aktiver Archivar als Auftraggeber.
Bis 3.9., Di., Mi., Fr.-So. 10-17 Uhr, Do. 10-20 Uhr, Zeugplatz 4, Tel. 0821/ 3 24 27 39; Katalog, Verlagsgemeinschaft Augsbuch: 19,90 Euro.
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3.)
Nicht schlecht, der Brecht
Heute vor 50 Jahren starb der Dichter an
einem Herzinfarkt. Und später dann noch einmal in der Schule, da wurde er zu
Tode interpretiert.
Von Jens Dirksen aus der NRZ vom 13.8.2006:
"Die wahrheit mein haus und mein wagen!", stand auf dem winzigen Zettel. Er klebte auf Brechts Züricher Mappe, und die hat man erst vor drei Jahren entdeckt: 58 Geschichten vom Herrn Keuner steckten in dem blassgelben Umschlag, 15 davon kannte die Welt noch gar nicht. Blitzprosa aus lauter Denk-an-Sätzen. Aber dass man sich davon getröstet fühlt, liegt weniger an Brecht als an dem, was nach seinem Tod vor 50 Jahren einsetzte: Längst ist ja der Punkt erreicht, an dem schon alles gesagt ist über den "armen B.B.", wie er sich kokett nannte. Umso schöner, dass wenigstens er selbst noch nicht alles gesagt zu haben scheint, immer noch nicht. Die Brecht-Konjunktur ist allerdings vorbei. Sie war eine Angelegenheit der Studentenrevolte von ´68, und mit ihren Ausläufern landete er in der Schule, als Kanonfutter. So wie man Marlene Dietrich zu Tode fotografiert hat, so wurde Brecht zu Tode interpretiert. Wahrscheinlich die sicherste Art, einen aufstachelnden, einsichtsvollen Kritiker der real existierenden Verhältnisse wirkungslos werden zu lassen: Pflichtstoff für die Schule daraus machen. Und die Verhältnisse sind ja heute doch mehr denn je so, wie Brecht sie mit einfachen Sätzen und vielfacher Dialektik auf den Punkt brachte. Aber fast die Hälfte aller Deutschen kennt nichts von Brecht; und wer ihn kennt, liest nichts mehr von ihm.
Zwischen Bettlaken und Bankauszügen gestöbert
Als man 1998 allerorten den 100. Geburtstag Brechts feierte, machte noch einmal die Biografie des US-Schweizers John Fuegi Furore, der genüsslich Brechts Harem aus halb emanzipierten Frauen schilderte, indem er kaum etwas zwischen Bettlaken und Bankauszügen ausließ. Nun wissen wir, dass unter dem Markenzeichen Brecht vieles firmiert, was aus der Feder von Elisabeth Hauptmann stammt, aber auch von Margarethe Steffin, Marieluise Fleißer, Ruth Berlau und Helene Weigel. Brecht & Co.? Warum eigentlich nicht. Was für die Nachgeborenen zählt, sind ja die Werke, nicht das Wer. Die Laxheit in Fragen geistigen Eigentums, die Brecht ja noch exklusiv für sich beanspruchte, ist im Internet-Zeitalter schließlich zum Volkssport geworden.
Aber so, wie vor acht Jahren noch der ganze Brecht gewürdigt, gepriesen und verdammt wurde, so hat man sich nun im Vorfeld seines 50. Todestages offenbar darauf geeinigt, ihn zu zerpflücken. Alles an ihm, in ihm war Theater, trompetet der eine: Brecht war ein Mann der Bühne! Seine Lyrik wird bleiben, schwelgen andere: seine revolutionär anderen, gar nicht süßlichen Liebesgedichte, seine leise zweifelnden Sinnminiaturen, sein virtuoser Umgang mit Versfüßen und Wortbildlandschaften - hach! Oh, heben die nächsten den Zeigefinger: die Keuner-Geschichten - kostbarste Prosa! Und erst "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar"! Ein Meisterstück von einem Roman, ein Kunstfragment, das Tacheles redet und die große Geschichte als Geschichte des großen Geldes erzählt. Er hat aber auch, räuspern sich dann die Literarhistoriker, Theater- wie Literaturtheorie um entscheidende Schritte vorangetrieben.
Kleine Zettel, große Einsichten
Und dann merkt man, was Brecht ausgemacht hat: Thomas Mann war der raunende Beschwörer des Imperfekts, Gottfried Benn ein großer Lyriker des 20. Jahrhunderts. Brecht hingegen war ein Großer in allem, jenseits der Genres, vollkommen uneinseitig. Alles andere als unfehlbar, aber einer, der in seinem kraftvoll zupackenden, schnörkellosen Umgang mit der Sprache nur einem Luther oder einem Goethe an die Seite gestellt werden kann. Und dem kleine Zettel genügten, um große Einsichten festzuhalten. Wie die, dass einer, der im Erkennen zu Hause sein will, riskieren muss, in Bewegung zu bleiben: "die wahrheit mein haus mein wagen". (NRZ)
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4.)
Heute vor fünfzig Jahren
oder: Eine kleine Reminiszenz an eine
verlorene Hoffnung
Von Marius
Hulpe, 14.08.2006:
Heute vor fünfzig Jahren, es war
Ferienzeit, verstarb Eugen Bertolt Brecht, von seinen Freunden liebevoll Bert
genannt, 58-jährig in Ost-Berlin. Unweit der Gräber Hegels und
Fichtes hatte
er selbst den Platz erwählt, an dem er seine letzte Ruhe finden wollte.
Fünfzig Jahre nun, die eine oft gehegte Vermutung scheinbar zur Gewissheit
haben werden lassen: die spätkapitalistischen Produktionsverhältnisse waren
nicht das, wofür man, wofür er sie überaus gern gehalten hätte; waren
nicht der Motor einer Dialektik, die aus der dritten Wurzel des Marxismus, dem
historischen Materialismus gezogen wurde, einer Dialektik, die, wenn man dem
Denken des größten und folgenreichsten Dramatikers des 20. Jahrhunderts folgen
will, die Gesellschaft nicht an den Haaren, sondern bei der Wurzel packen
sollte, um sie ans Licht zu führen, was, je älter Brecht wurde, umso weniger
Kommunismus für ihn hieß.
Früh stellte er die Denkträgheit einer gewissen Gesinnung fest, unter den
umtriebigen Roten in der Weimarer Republik genauso wie später in den Kadern und
Funktionärsschmieden des Landes, für das er sich hinsichtlich seines Wohnortes
entschieden hatte, da er hier nach 1946 mehr Möglichkeiten sah, die weltliche
Entwicklung kritisch zu bedenken und an einer dafür vorteilhaften Dramaturgie
zu feilen als in der restaurativen und an der Hand der kommunistenfressenden
Amerikaner gehenden Westrepublik.
Es hat nicht erst seit gestern, so muss ehrlicherweise betont werden, den
Anschein, als sei es nichts geworden mit der Entfaltung der Produktivkräfte,
nichts scheint mehr übrig vom Selbstregulativ der Geschichte.
Folgender Ausspruch Brechts wirkt demzufolge aus unserer heutigen Perspektive überaus
absurd:
Vierzig Jahre, und mein Werk ist der Abgesang des Jahrtausends.
Abgesang – wer würde nach 1956 noch davon sprechen wollen. Die Massenbewegung
der 68er hätte er, wenn überhaupt, für einen hilfreichen, doch gewiss nicht
notwendigen Schritt aus der Falle der Geschichte gehalten.
Überdies sträubte er sich schon gegen die Revolte der Söhne gegen die Väter,
die vom Expressionismus ausging. Die Folgen des Auseinanderdriftens von
Produktionsverhältnissen und Produktionsbedingungen haben nicht, wie er es mit
Marx annahm, zur Aufruhr unter den gesellschaftlichen Verlierern geführt, haben
nicht auf die Bedingungen zurückgewirkt.
Eher entsprechen die heutigen Verhältnisse und die Weise, wie wir uns als
Menschen zu ihnen verhalten dem, was einige Postmarxisten zu verkünden wussten:
dass die introvertierten Gedankenarchitekten hinter dem Mond wohnen, den die
extrovertierten Techniker beschlagnahmt haben. Die Adorniten haben im Gegensatz
zu vielen Brechtjüngern schneller dazugelernt.
Warum aber ist dann seine Wirkung noch immer so unendlich, wenn auch nur in den
Köpfen, in der Literatur, also im Überbau, also wieder in den Herzen - also
auch in der Realität? Welche Wirkung kommt diesem Werk, dass vordergründig vor
allem auf Wirkung zielte, wirklich zu? Es scheint zunächst ein verwegener
Gedanke, allein diese Frage zu stellen – doch was wäre anders gewesen, hätte
es den guten Bidi aus den schwarzen Wäldern nie gegeben? – Erlaubt sein muss
hier ein noch verwegenerer, bei näherer Betrachtung aber naheliegender Gedanke:
jener daran, was Brecht wohl geantwortet hätte: dass es ihn wohl in der
vorliegenden Form nie gegeben hätte, wäre die Welt nicht, wie sie nun einmal
ist. Ein wenig Dialektik, bitte!
Was wiegt ein großer Regen?
Ein paar Gedanken mehr oder weniger
Wenige Gefühle oder gar keine
Wo alles nicht genügt
Ist nichts genügend.
Ich bin immer gleich gewesen.
. . .
Unfassbar schwierig ist es hingegen abzusehen, was die Geschichte vielleicht
noch bringen wird, und wer wollte sich anmaßen, darüber ernsthaft zu
spekulieren. Doch gerade aus dieser Lage der Ungewissheit, aus der Feststellung
heraus, dass sich die Ökonomie als vorläufig entscheidender Faktor erwiesen
hat, ließe sich, dialektisch gewendet, Hoffnung schöpfen, eine Hoffnung, wie
sie auch Brecht aus scheinbar dunklen und ausweglosen Situationen – und es
will scheinen: gerade aus ihnen – zog.
EINST
Einst schien dies in Kälte leben wunderbar mir
Und belebend rührte mich die Frische
Und das Bittre schmeckte, und es war mir
Als verbliebe ich der Wählerische
Lud die Finsternis mich selbst zu Tische.
Frohsinn schöpfte ich aus kalter Quelle
Und das Nichts gab diesen weiten Raum.
Köstlich sonderte sich seltne Helle
Aus natürlich Dunklem. Lange? Kaum.
Aber ich, Gevatter, war der Schnelle.
Wer dieses späte Gedicht liest, entdeckt so garnichts mehr vom jungen wilden
Bidi, der von einer Angst getrieben war, welche die Spannung zwischen
subjektivem Streben nach Dauer und objektiver, unablässiger Veränderung mit
sich brachte. Der geistige Zustand, in dem sich alles zu einem großen,
einheitlichen Ganzen fügen musste, und das sowohl den Kopf als auch die
materielle Wirklichkeit betreffend, war überwunden.
Und nun, hier und an dieser Stelle vielleicht die Frage, ob wir, heute, in
unserer Verzagtheit, was Hoffen auf Veränderungen politischer Art betrifft,
nicht von dieser wunderbaren Leichtigkeit, der Offenheit in der
Betrachtungsweise, profitieren könnten?
Es gibt schlechterdings keine Antworten und auch ich möchte mich an dieser
Stelle hüten, immer weitere Spekulation über auch mögliche
dialektische Wendungen zu referieren. Solcherlei kann ich, soweit es mir möglich
scheint, andeuten, komme aber trotz allem aufgebrachten Willen zur vielseitigen
Denkbewegung immer wieder zurück zu den paar Versen eines Gedichts, das sich
wie kaum ein Zweites an jene wendet, die wie wir, oder unsere Enkel, oder in
noch fernerer Zukunft lebende Menschen, lernen müssen, ohne weltliche Hoffnung
auszukommen. Das Gedicht An die Nachgeborenen ist bekanntlich nicht nur
eines der populärsten Brechtgedichte, es zählt auch zu jenen Texten, die dem
Gesamtwerk einen Grund, eine Basis verschafft haben. Die entscheidenden Verse
scheinen mir immer wieder folgende zu sein:
Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Was isoliert von den anderen Strophen zunächst wie die Apostrophe zu einem
postzynischen Zeitalter klingen mag, ist selbst so weise, dass man es kaum mehr
glauben mag - nein, auch heute kann ich nicht weise sein, wie sollte ich auch,
was ist schon Weisheit in einer Zeit, die solcherlei Werte zu Selbstzwecken
degradiert hat, die sie nicht mehr mit Inhalten und Sinn zu füllen weiß? Was
heißt Weisheit in einer Zeit, in der der Weise sich vor sich selbst ekeln muss?
Und woher die Weisheit nehmen, wer oder was stiftet sie – die Tradition, die
Erfahrung, das Lesen?
Leg das Buch nicht nieder, der du da liesest, Mensch.
Brecht selbst war ein begeisterter Leser: nicht unbedingt von zeitgenössischen
Texten, schon garnicht von zeitgenössischer Lyrik, wie sie ein
Werfel, ein
Rilke oder George verfasst hatten. Das Dichten solcher Hausgötter des
„bourgeoisen Nachwuchses“ gründete nicht im Entferntesten auf irgendeinem
Zweck der Dichtung, außer dem Selbstzweck, der Epigonik. Gefühle, überhaupt
das geringste Übermaß an Subjektivismus töteten jedes Moment von Möglichkeitssinn
im Keime ab. Von solcher „Druck-Kunst“ also hielt er nichts. „Das sind ja
wieder diese stillen, feinen, verträumten Menschen, empfindsamer Teil einer
verbrauchten Bourgeosie, mit der ich nichts zu tun haben will!“
Beim Lesen verlegte er sich auf alljene, die er für die Entwicklung seiner
eigenen Poetik für hilfreich, oder gar entscheidend hielt. Überraschend wird
daher manchem Brechts Aussage über den heute scheinbar völlig vergessenen
Georg Kaiser anmuten: „Gefragt nämlich, ob ich die Dramatik Georg Kaisers für
entscheidend wichtig, die Situation des europäischen Theaters für durch ihn
verändert halte, habe ich mit Ja zu antworten...ohne die Kenntnis seiner
Neuerungen ist die Kenntnis um ein Drama fruchtlos, sein Stil ist keineswegs nur
'Handschrift'...“. Kaiser war wichtig, da man sich von seiner idealistischen
Dramatik distanzieren musste, er war ein entscheidender Gegenstand der
Auseinandersetzung auf dem Weg zu einer wirkungsmächtigen dramatischen
Innovation, genauso wie es Aristoteles war. Zeitgenossen wie
Thomas Mann,
Werfel, Kerr und all die anderen Epigonen konnten nicht nur in dieser Hinsicht
getrost ignoriert werden.
Am 1. Oktober 1928 veröffentlichte die Zeitschrift „Die Dame“ eine Umfrage
unter Schriftstellern, Künstlern und Größen des öffentlichen Lebens, die Überschrift
lautete Der stärkste Einfluß. Brecht selbst steuerte einen einzigen,
wohlredigierten Satz bei: „Sie werden lachen: die Bibel.“ Die Bibel – unmöglich,
die feingliedrige Stoffanalyse nachzuvollziehen, die Brecht an diesem Text
vollzog. Doch wie bei Aristoteles oder der Auseinandersetzung mit Kaiser ist
auch dieser Einfluss nicht ungebrochen zu verstehen, sondern nur im Sinne einer
Wendung von Tradition gegen die Tradition. Brechts berühmt gewordenes Zitat von
der laxen Einstellung gegenüber geistigen Eigentümern ist der wohl bekannteste
Beleg für dieses Prinzip. Zur Neuausgabe der von ihm zahlreich verbastelten
Villon-Gedichte in der
Ammerschen Übersetzung im Berliner Kiepenheuer Verlag
steuerte Brecht ein höchst luftikales Gedicht bei, das dem Band als eine Art
Vorwort vorangestellt wurde:
Sonett zur Neuausgabe des Francois Villon
Hier habt ihr aus verfallendem Papier
noch einmal abgedruckt sein Testament,
in dem er Dreck schenkt allen, die er kennt -
wenn`s ans Verteilen geht: schreit, bitte "hier!"
Wo ist euer Speichel, den ihr auf ihn spiet?
Wo ist er selbst, dem eure Buckel galten?
Sein Lied hat noch am längsten ausgehalten,
doch wie lang hält es wohl noch aus, sein Lied?
Hier, anstatt daß ihr zehn Zigarren raucht,
könnt ihr zum gleichen Preis es nochmal lesen
(und so erfahren, was ihr ihm gewesen . . .)
Wo habt ihr Saures für drei Mark bekommen?
Nehm jeder sich heraus, was er grad braucht!
Ich selber hab mir was herausgenommen . . .
Ihn nochmal lesen, ein wünschbares Motto. Die Frage, was bleibt, erscheint
schwammig. Doch statt danach zu fragen, bietet sich an, nach den Eigenschaften
dieses Werkes zu suchen, die es für uns bedeutend machen. Da wäre seine
Sprengkraft, die jedoch albern wird, sobald man sich agitativ ihrer bedient. Da
wären seine wunderbaren Sentenzen zu Themen wie Freundschaft und Liebe, zur
Erkenntnis, dass diese untrennbar mit den gesellschaftlichen Bedingungen
verwickelt sind, eine Erkenntnis, die insbesondere in den kanonisch gewordenen
Sonetten deutlich wird:
Das erste Sonett
Als wir zerfielen einst in DU und ICH
Und unsere Betten standen HIER und DORT
Ernannten wir ein unauffällig Wort
Das sollte heißen: ich berühre dich.
Es scheint: solches Redens Freude sei gering
Denn das Berühren selbst ist unersetzlich
Doch wenigstens wurd „sie“ so unverletzlich
Und aufgespart wie ein gepfändet Ding.
. . .
Das dritte Sonett
. . .
Mit solchen Wörtern rufe ich den Schrecken
Von einst zurück, als ich dich frisch begattet
Es läßt sich länger nurmehr nicht verstecken:
Das Allerletzte hast du da gestattet!
Wie konntest du dich nur in so was schicken:
Das Wort für das, was du da tatst, war
Die Freundschaft betreffend..
Ich
Weiß nicht, wie es kam: gut sein zu andern
Und zu mir konnte ich nicht zugleich.
Andern und mir zu helfen, war mir zu schwer.
Und ein weiterer Aspekt klingt hier mit – jener der menschlichen Begegnung überhaupt.
Wie gut zu einem Menschen sein, der doch etwas anderes wollen muss als ich es
selbst will. Wie da die eigenen Interessen vertreten.
Also ein folgenloser, ausschließlich klassisch gewordener Brecht?
Wir leben in einer Zeit, die kaum eine Abweichung von der Abweichung zulässt.
Pluralität ist ein Gebot, das zwar wenigstens ein Gebot ist, doch was schon darüber
hinaus. Die Zeit, in der wir leben, ist überaus totalitär. Sie lässt kaum
Hoffnung zu. Doch gesungen, gelesen, gespielt wird Brechts Werk noch immer,
vielleicht mehr denn je. Die Zeiten sind fast finsterer denn je – also auf!
Empfohlen sei an dieser Stelle die Lektüre
des Buches, aus dem ich zitiert habe: Hans Meyer. Brecht (Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1996). Sowie natürlich alle anderen Bücher von und über Bertolt Brecht.
Leseprobe I Buchbestellung 0806 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © M.H.