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Quelle: Hans Weingartz |
Verschärfter
Minnedienst - Lars Brandt über seinen
Roman „Gold und Silber
Als Schriftsteller wurde Lars Brandt 2006
bekannt: In „Andenken” beschrieb er seine Sicht auf seinen Vater Willy Brandt,
den ehemaligen Bundeskanzler. Heuer stellte der 56-Jährige bei der Leipziger
Buchmesse seinen noch druckfrischen Roman „Gold und Silber” (Hanser; 19,90 Euro)
vor.
Von Christine Diller aus dem Münchner
Merkur, 18.03.2008:
Ein Maler erzählt darin sein unkonventionelles Leben mit seinen Künstlerfreunden. Beim Versuch, wie Lancelot in der Artussage eine Ginevra zu erobern, wird er auf faszinierende Weise auf sich selbst zurückgeworfen.
Sie sind Maler, Filmemacher und Schriftsteller. Was war
zuerst, und wie beeinflusst es sich?
Mich interessierte beim Malen wie beim Schreiben immer die Stelle, wo Sprache
und Bild zusammentreffen. Mal sind die Bilder mehr im Vordergrund, mal ist es
die Sprache, spannend ist die Schnittstelle von beidem. Die logische Fortsetzung
davon sind Filme, in meinem Fall Dokumentarfilme, und zwar fürs Fernsehen. Dazu
brauche ich Partner in den Redaktionen. Sie zu finden, wird nicht leichter. Also
bleibt vieles, das ich schon durchdacht und ausgearbeitet habe, unrealisiert.
Für die im Roman beschriebene Gruppe von Künstlern
verwenden Sie das Motiv einer Kette von Menschen, angeordnet wie ein
Scherenschnitt. Auf dem Buchcover ist es abgebildet: eine Szene aus dem Film
„Das siebente Siegel” von Ingmar Bergman. Gab sie die Idee für die Ausgestaltung
des Romans?
Nein. Aber sie stand mir beim Schreiben vor Augen. Der Roman sollte etwas
Tanzartiges haben, von einem magischen Realismus getragen sein - Motive wie den
mittelalterlichen Totentanz aufgreifen, in einer ornamentalen Erzählform. „Gold
und Silber” ist eigentlich ein Ritterroman, in unsere Zeit transponiert. Erzählt
wird von einem Milieu, das der aggressiven Anmaßung die Stirn bietet, die alles
in Geld bemisst, alles und jeden für käuflich erklärt. Ich erfand daher eine
Gruppe von Leuten, die dadurch frei sind, dass sie eine Bindung haben: an ihre
Ehre. Das macht sie zu Rittern. Was ihnen wertvoll ist, legt nicht der Markt
fest. Aus der Silhouette ihres Reigens ragt eine Figur heraus: Rudi, der
Ich-Erzähler. Während die anderen wie in einer mittelalterlichen Erzählung als
lebendige Embleme fungieren, wie Wappen auf einem Schild, ist Rudi eine
vollplastische Figur, in sich gebrochen, nicht frei von neurotischen Zügen. Er
sieht sich als Lancelot, seine Ginevra hingegen bleibt unerreichbar. Das hindert
ihn freilich nicht, in verschärften Minnedienst zu treten.
Hat das facettenhafte, abschnittweise Erzählen etwas mit
dem Blick des Malers zu tun?
Das ist gut möglich. Das ornamentale Nebeneinanderstellen vermeidet die
bürgerlichen Hierarchien im Erzählen. In Wahrheit ist - wie in Film und Malerei
- alles gleich wichtig. Das ist die gemeinsame Basis von Zauberei und Realismus
Sie machen sich im Buch über einen dogmatischen
Filmemacher lustig. Ist das eine ungeliebte Seite von Ihnen oder ein
branchentypischer Vertreter?
Das ist eine Überspitzung aus der Sicht des Ich-Erzählers. Trotzdem wird
deutlich: Für Jarl sind die Pausen in seinem Film etwas wie der Heilige Gral.
Ein geheimnisvolles Kraftzentrum. Jarls Bewusstsein für Pausen ist ironisch
dargestellt, aber nicht falsch.
Sie arbeiten in Ihrem Roman selbst mit häufigen Pausen.
Warum dieses?
Nicht die immer ausführlichere, krassere Darstellung erzeugt die größte Wirkung.
Die Frage ist: Was geschieht im Kopf des Lesers? Man soll nicht versuchen, es
ihm vorzubuchstabieren. Märchen sind von diesem Wissen getragen, oder etwa
Heinrich Hoffmanns „Fliegender Robert” mit
seinen wenigen unexpressiven Bildern.
Wie haben Sie, der Sie familiär nicht gerade vorgeprägt
waren, Ihre künstlerische Ader entdeckt?
Ich habe früh angefangen zu schreiben und zu malen. Damals liefen auch noch
richtige Filme im normalen Kino, nicht nur im Filmclub, sogar im Fernsehen zur
Hauptsendezeit. Jeder Film von Buñuel war ein breit wahrgenommenes Ereignis,
zugleich ein individueller Widerstandsbeweis. Eine anarchische Ermutigung. Jeder
Fellini, Bergman, Cassavetes war das. Mit 17 habe ich das erste Buch von
H. C. Artmann gelesen, auch ein radikaler
Künstler, über den ich 30 Jahre später einen Film drehte.
Eine Frage drängt sich auf, obwohl sie thematisch zu Ihrem
vorigen Buch gehört: Wie ist es für Sie, in Leipzig aus dem Hauptbahnhof zu
treten und sogleich auf dem Willy-Brandt-Platz zu stehen?
Mir ist ganz egal, ob das der Brandt-, der Adenauer- oder der Thälmannplatz ist.
Sie haben in „Andenken” den Unterschied zwischen Ihrem
Vater und Ihnen beschrieben: seine Öffentlichkeit, Ihr privates Leben. Wie geht
es Ihnen jetzt mit immer stärkerer Aufmerksamkeit für Sie?
Ich habe kein Problem mit Öffentlichkeit. Wenn ich einen Roman schreibe, ist die
Öffentlichkeit nichts, was ich fliehe. Ich suche sie.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0308 LYRIKwelt © Münchner Merkur