Ob das Publikum heutzutage noch belesen ist,
konnte eine Gesprächsrunde zum Ende des Erlanger Poetenfests zwar nicht
klären, aber beim abschließenden Autorenporträt führte die Lyrikerin
Elisabeth Borchers vor, was es heißt, belesen zu sein. Die 81-Jährige
präsentierte eine Auswahl ihrer Gedichte und erzählte von ihrer Zeit als
einflussreiche Lektorin bei Luchterhand und Suhrkamp.
An die Inschrift über dem Eingang ihrer Schule kann sich Elisabeth Borchers
noch erinnern, mit keineswegs guten Gefühlen. Die Spruchweisheit «Eifriges
Ringen führt zum Gelingen« gehört nicht in ihr Repertoire, wie überhaupt der
Rückblick auf ein der Literatur verschriebenes Leben nichts Verklärendes hat.
Es wird auch deutlich, dass sich nicht jeder Schriftsteller einfach ins
Talkshow-Format einer Moderatorin wie Maike Albath pressen lässt und dem
eingeübten Rede-Antwort-Spiel ein Schnippchen schlägt.
Mit Gedichten Leser provoziert
Elisabeth Borchers hält sich an den eigenen Gedankenfluss, sie spürt der
Stimmung und dem Klang ihrer Lyrik nach, die immer zu kurz kam in einem langen
– und erfüllten – Arbeitsleben in wichtigen Verlagen. Der berühmte
Siegfried Unseld hatte sie zu Suhrkamp geholt, sie schwärmt davon, wie er ihr
vertrauensvoll die Freiheit ließ, für seinen Verlag Autoren zu entdecken, sie
zu pflegen und damit auch das Ansehen des Programms.
Ihr gelang das – man hört es durch – mit der Leidenschaft der Literatin,
die gleich mit ihrem ersten Gedicht die Leser provozierte. Nach den fünfziger
Jahren «mit ihren Übeln« dachte sie, nun könne sich die Sprache für Neues
öffnen: «Aber man glaubt es nicht, dafür wurde man beschimpft«. Ungeachtet
dessen stieg sie ein ins «phänomenale Reich der Literatur«. Borchers’
Stimme aus einer anderen Zeit macht bewusst, wie das Abenteuer der Entdeckung
unbekannter Texte wirkte: Solschenyzin
oder Bulgakow, aber auch die junge Christa
Wolf, die Elisabeth Borchers im Luchterhand Verlag publizierte.
Ihr letzter Lyrik-Band, 2006 erschienen, heißt «Zeit«. Resümierend sagt sie,
dass man lernen müsse, Zeit zu haben, um schließlich zu lernen, dass es zu
spät ist: «Eine bittere Erfahrung, die man macht«. Aber die Dichterin
Borchers weiß auch, «dass das Geheimnis darin liegt, dass wir uns auf das
konzentrieren, was wir erfahren«. In der Poesie kann sie davon zehren, «denn
die Sprache schert aus, wenn etwas aus den Fugen gerät«. Befragt über ihr
Modell des Schreibens, macht sie eine betonte Pause. «Grundriss der Gedichte
ist der Schmerz«, erklärt sie dann....
Den vollständigen Artikel von Inge Rauh finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
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