Über den Grundriss eines Gedichts und die Zeit zum Lesen
Ein Abend mit der Lyrikerin Elisabeth Borchers zum Abschluss des Erlanger Poetenfests - Event-Literatur an allen Ecke
Von Inge Rauh aus den Nürnberger Nachrichten vom 27.08.2007:

Ob das Publikum heutzutage noch belesen ist, konnte eine Gesprächsrunde zum Ende des Erlanger Poetenfests zwar nicht klären, aber beim abschließenden Autorenporträt führte die Lyrikerin Elisabeth Borchers vor, was es heißt, belesen zu sein. Die 81-Jährige präsentierte eine Auswahl ihrer Gedichte und erzählte von ihrer Zeit als einflussreiche Lektorin bei Luchterhand und Suhrkamp.

An die Inschrift über dem Eingang ihrer Schule kann sich Elisabeth Borchers noch erinnern, mit keineswegs guten Gefühlen. Die Spruchweisheit «Eifriges Ringen führt zum Gelingen« gehört nicht in ihr Repertoire, wie überhaupt der Rückblick auf ein der Literatur verschriebenes Leben nichts Verklärendes hat. Es wird auch deutlich, dass sich nicht jeder Schriftsteller einfach ins Talkshow-Format einer Moderatorin wie Maike Albath pressen lässt und dem eingeübten Rede-Antwort-Spiel ein Schnippchen schlägt.

Mit Gedichten Leser provoziert

Elisabeth Borchers hält sich an den eigenen Gedankenfluss, sie spürt der Stimmung und dem Klang ihrer Lyrik nach, die immer zu kurz kam in einem langen – und erfüllten – Arbeitsleben in wichtigen Verlagen. Der berühmte Siegfried Unseld hatte sie zu Suhrkamp geholt, sie schwärmt davon, wie er ihr vertrauensvoll die Freiheit ließ, für seinen Verlag Autoren zu entdecken, sie zu pflegen und damit auch das Ansehen des Programms.

Ihr gelang das – man hört es durch – mit der Leidenschaft der Literatin, die gleich mit ihrem ersten Gedicht die Leser provozierte. Nach den fünfziger Jahren «mit ihren Übeln« dachte sie, nun könne sich die Sprache für Neues öffnen: «Aber man glaubt es nicht, dafür wurde man beschimpft«. Ungeachtet dessen stieg sie ein ins «phänomenale Reich der Literatur«. Borchers’ Stimme aus einer anderen Zeit macht bewusst, wie das Abenteuer der Entdeckung unbekannter Texte wirkte: Solschenyzin oder Bulgakow, aber auch die junge Christa Wolf, die Elisabeth Borchers im Luchterhand Verlag publizierte.

Ihr letzter Lyrik-Band, 2006 erschienen, heißt «Zeit«. Resümierend sagt sie, dass man lernen müsse, Zeit zu haben, um schließlich zu lernen, dass es zu spät ist: «Eine bittere Erfahrung, die man macht«. Aber die Dichterin Borchers weiß auch, «dass das Geheimnis darin liegt, dass wir uns auf das konzentrieren, was wir erfahren«. In der Poesie kann sie davon zehren, «denn die Sprache schert aus, wenn etwas aus den Fugen gerät«. Befragt über ihr Modell des Schreibens, macht sie eine betonte Pause. «Grundriss der Gedichte ist der Schmerz«, erklärt sie dann....

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