|
Rezension |
Beiträge
zum Existenzminimum.
Über die Frankfurter Poetikvorlesung von Elisabeth
Borchers
von Judith von Sternburg in der Frankfurter
Rundschau, 30.5.2003:
Fünf Poetikvorlesungen später ist wieder
offenbar geworden, wie eisern die Poesie ihre letzten Geheimnisse (das Geheimnis
ihres Entstehens, das Geheimnis ihrer Gültigkeit) für sich behält. Märchen:
"Auf der Suche / nach etwas Schönem wie Schnee / ging ich leer aus / bis
es des Wegs zu schneien begann." Der Anglist Klaus
Reichert griff hoch bei seiner Einführung im Literaturhaus, wo Elisabeth
Borchers am Vorabend ihrer letzten Vorlesung zu Gast war: Die Empfindung, so
etwas könne er doch selbst schreiben, hege mancher auch beim Anhören einer
Mozart-Melodie. Das Einfachste ist, wie man schon hörte, das Schwierigste. Das
stimmt aber nicht immer dermaßen wie im Falle der Lyrikerin Borchers.
Fünfmal gab sie unter dem Titel "Lichtwelten /Abgedunkelte Räume"
Auskunft. Es stand bereits in der Zeitung, dass sie das zu einem guten Teil in
einem langen Gedicht tat. So umkreiste sie mit den Mitteln derselben die
Geheimnisse der Poesie. Zitierte sich selbst: Ein Gedicht sei nicht diktierbar.
Es setze nicht Kenntnisse voraus, sondern Erfahrung. Erzählte, wie sie 1959 den
Shanty What shall we do with the drunken sailor falsch übersetzte (mit
er- statt betrunken) und wie daraus das Gedicht eia wasser regnet schlaf
wurde.
Das war in Stunde 2, die "Das Geheimnis des Anfangs" hieß und es am
Ende wahrte. Dafür unterhielt Elisabeth Borchers das Publikum mit den hanebüchenen
Leserbriefen, die sie nach dem Abdruck des Seemann-Schlafliedes in der FAZ 1960
erreichten. Da lachten die heutigen Zuhörer, und da sagte sie: "Was
erwarten die Leute eigentlich von einem Gedicht." 20, 30 Zeilen, "die
der Realität entfliehen und ihre eigene unnütze Realität bauen" dürften.
Offenbar seien den Leserbriefschreibern weder Kandinsky noch Schönberg noch
Nono bekannt gewesen. "Die einen", sagte die 77-Jährige, "wissen
es ohnehin, die anderen wollen es nicht wissen."
Später beantwortete die Dozentin die Frage "Wozu Gedichte" so zügig
wie wuchtig. "Das Gedicht ist uns selbst auf der Spur", und:
"Darum gehören sie zu unserem Existenzminimum."
"Lichtwelten" hieß die Stunde, und Elisabeth Borchers nutzte sie, um
auf Verse von Kollegen aufmerksam zu machen (eigenartigerweise: die letzte hieß
"Abgedunkelte Räume" und handelte von Kolleginnen). Es verstand sich
und zeigte sich ununterbrochen, dass die langjährige Suhrkamp-Lektorin eine
hellwache Leserin ist. Gar streng war sie in der Stunde "Das Amt des Übersetzers".
Wer "warme Würstchen" auf dem Bahnsteig verkaufen ließ, der hatte
bei ihr schon verspielt.
Den Zuhörern gab die Dozentin Aphorismen ("Die Steigerung des Gedichts ist
das Liebesgedicht"), wundersame Erinnerungen (die Vase zerbricht,
"oh", sagt das Kind) und Namen (William Carlos Williams, Mechthild von
Magdeburg darunter) mit, die ihnen noch von Nutzen sein werden. Dass über allem
eine atemberaubende Traurigkeit lag, hing wohl damit zusammen, dass so viele
Menschen schon tot sind, und wir hier im Hörsaal VI es auch alle sein werden in
nicht 70 Jahren. Mit Blick auf zwei Eichendorff-Gedichte
sprach Elisabeth Borchers von dieser "Prognose der Einsamkeit".
Sie schloss mit Jurek
Beckers Jakob, der Lügner. Ihr ist nicht entgangen, dass sich ein
deutscher Wachhabender bei dem Ghettobewohner bedankt, als der ihm ein Feuerzeug
aufhebt. Der Täter beim Opfer, mitten im Krieg. Und dass das ein gewaltiger
Moment ist. Elisabeth Borchers bevorzugte es, über wesentliche Dinge aller Art
zu sprechen.
[...diese und weitere
Artikel finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0504 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau