Preis der Leipziger Buchmesse: Goldrichtige Buchpreis-Gewinner
Die Autoren David Wagner und Helmut Böttiger sowie die Übersetzerin Eva Hesse bekommen den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse. Bessere Preisträger als diese drei kann man nicht wünschen!

Von Sabine Vogel in der Frankfurter Rundschau, 14.3.2013:

Das „Leben“ ist kein Roman. Es ist eine durchlittene Erfindung. Für den Schriftsteller David Wagner gilt das auf besondere Weise. Schreibt er doch in seinem wunderbaren Buch „Leben“, für das er am Donnerstagabend mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, von seinem langen Krankenhausaufenthalt vor und nach seiner glücklich erfolgten Lebertransplantation. Einer Organspende verdankt er, dass er überhaupt noch lebt (in Berlin!) und nun, so zierlich und jungenhaft im schwarzen Rolli, den Preis entgegen nehmen kann.

Es geht in seinen durchnummerierten 277 Miniaturen um Leben und Tod. Aber in der typisch Wagnerschen Lakonie und Leichtigkeit wird alles Pathos zu feinsten Alltagsbeobachtungen, komischen Banalitäten und schrulligen Grübeleien zerbröselt. „Ein Album aus Schnipseln, dessen fragmentarische Form der Zerbrechlichkeit des Lebens entspricht, das uns mit sanfter Gewalt mitnimmt auf eine Hadesfahrt“, lobt Jurorin Daniela Strigl mit ihrem leicht knödelnden Wienerisch.

Eine schöne Staffelübergabe: Nicht mal eine Stunde vorher war nämlich die Literaturwissenschaftlerin selbst mit einem Alfred Kerr-Preis ausgezeichnet worden. Diesen hatte im letzten Jahr der Literaturwissenschaftler und Kritiker Helmut Böttiger, der lange Zeit für die Frankfurter Rundschau geschrieben hat, erhalten. Und Böttiger wiederum wurde soeben mit dem Buchmessenpreis in der Kategorie Sachbuch ausgezeichnet. In seiner Studie über „Die Gruppe 47: Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb“ verlebendigt er „die Erfindung des Literaturbetriebs“ und seinen Einfluss auf die politische Öffentlichkeit. Die Gruppe 47 wird in dieser Literaturgeschichte nicht als Markenzeichenschmiede legendärer Großdichter abgefeiert, sondern als Schauplatz sich überlagernder Generationen und Konflikte kartografiert.

Sichtlich überrascht, die schwer kalibrigen Konkurrenten Götz Aly, Hans Belting, Kurt Bayertz und Wolfgang Streeck ausgestochen zu haben, dankt Böttiger. Er habe gegen gegen einen Mythos angeschrieben: „Die Gruppe 47 war uncool“. Und so verschwäbelt-vernuschelt , wie er mit dem gelben Frühlingsstrauß da steht, hat der Biograf sein Thema nicht zufällig gefunden. Zu diesen zwei bescheiden wirkenden und wohl auch sonst nicht gerade draufgängerischen Glücklichen gesellt sich die dritte Preisträgerin dazu − indem sie fern bleibt.

Eva Hesse wurde 1925 in Berlin geboren. In den 1950er Jahren begann sie Ezra Pound zu übersetzen; der Avantgarde-Dichter, der Mussolini verehrte und antisemitisch war, saß zu der Zeit im Gefängnis. Er sagte ihr, sie möge übersetzen, was er habe schreiben wollen. Diese herkulische Aufgabe und Leidenschaft für den Dichter zwischen Modernität und Totalitarismus hat Hesse ihr Leben lang begleitet. Im vorigen Jahr erschien Pounds Hauptwerk, „Die Cantos“, in Hesses Übertragung und Analyse als zweisprachige Ausgabe vollständig beim Arche Verlag. Bessere Preisträger als diese drei kann man nicht wünschen!

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