
Die Kultur des Langsamen
Zum Schluss ein reiner Naturmystiker: Zum
Tod des Schriftstellers Hans Boesch
Von Michael Braun in der Frankfurter
Rundschau, 25.6.2003:
Mit einer naturmystischen Liebeserklärung an seine Heimat, einem emphatischen Lobgesang auf die zerklüfteten Gebirgslandschaften des Oberengadin, hat er sich aus der Literatur verabschiedet. Was der Schweizer Schriftsteller Hans Boesch in seinem letzten Roman Schweben an ekstatischen Naturbeschreibungen vorlegte, war eine radikale Distanzierung von jeder sich modern gebenden Großstadtliteratur. Aus dem engagierten Vorkämpfer für die Stadt als "sinnlichen Lebensraum", der vier Jahrzehnte lang als Ingenieur nach einer "Kultur des Langsamen" strebte, war am Ende ein reiner Naturmystiker geworden. Die zwei Hauptakteure in Boeschs letztem Roman Schweben ziehen sich vor einem schweren Gewitter in einen schützenden Felsspalt zurück, und erfahren das Elementarische und Erhabene der Natur.
Mit den schweren symbolischen Zeichen von der Ursprünglichkeit der Natur schien Hans Boesch zu seinen biographischen Anfängen zurückzukehren. 1926 in bäuerlicher Umgebung oberhalb des St. Galler Rheintals geboren, fand Hans Boesch in seinem Vater, einem Forstwart, einen aufmerksamen Naturlehrer. Aber bereits der Fühnzehnjährige träumte davon, Tiefbauingenieur zu werden. Als der Junge Bauingenieur nach ersten Gedichten 1958 erstmals eine literarische Utopie formulierte, sprach er davon, das "glasklare Netz der Mathematik" über alle Lebensbereiche auszuwerfen. Wenn Simon Mittler, der Held in Boeschs viel bewunderter Romantriologie, zusammen mit einem Freund ein Institut zum Studium der "modernen, lebendigen Stadt" gründet, sind die Parallelen zur beruflichen Biographie des Autors nicht zu übersehen. Von 1970 bis 1989 arbeitete Boesch am Institut für Orts-, Regional- und Landesplanung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Aufsätze wie "Die Kultur des Langsamen - die Freude am Gehen", die er in dieser Zeit schrieb, bezeugen seinen Versuch, die funktionalistische Moderne dem Menschen dienstbar zu machen.
Erst mit der geometrischen Zeichensprache der zwischen 1988 und 1998 entstandenen Simon-Mittler-Triologie, die ein halbes Jahrhundert Schweizer Geschichte in den Blick nimmt, fand Boesch allmählich die Aufmerksamkeit der Literaturkritik. In allen drei Romanen der Triologie, Der Sog (1988), Der Bann (1996) und Der Kreis (1998), folgt die Erzählung jeweils einer strengen mathematischen Bauform. Der Sog umspielt die harmonisch-disharmonische "Quadratur" der Familie, Der Bann propagiert die Faszination für die Magie des Dreiecks, im dritten Buch wird Der Kreis zum erzählerischen Programm.
Im letzten Roman Schweben wird das prekäre Verhältnis von Technik und Natur als Thema aufgegeben. Was bleibt, ist die jubelnde Natur-Verzückung, die Raserei in den Sphären des Vegetabilischen und Kreatürlichen. Als der Literaturkritik endlich dämmerte, dass der Autor der Simon-Mittler-Triologie ein Werk geschaffen hat, das nur mit den ganz großen Roman-Zyklen der Gegenwartsliteratur vergleichbar ist - mit den Eugen-Rapp-Büchern von Hermann Lenz und den Jahrestagen Uwe Johnsons -, war Hans Boesch schon siebzig Jahre als. Am vergangenen Samstag ist er nach schwerer Krankheit in Stäfa im Kanton Zürich gestorben.
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