Heinrich Böll, 1984, Foto: Anita Schiffer-Fuchs, www.poklekowski.de

Heinrich Böll
Foto: Anita Schiffer-Fuchs

www.foto-poklekowski.de

Heinrich Böll im Fokus
„Die humane Kamera“: Eine Ausstellung in Köln beleuchtet das zwiespältige Verhältnis des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll zur Fotografie. Er ahnte das Internet-Zeitalter voraus
Von Jens Dirksen aus der NRZ vom 02.09.2017:

In der „Verlorenen Ehre der Katharina Blum“, Heinrich Bölls provokanter Novelle über die fatalen Folgen einer skrupellosen Sensationspresse, wird nicht nur ein Boulevard-Journalist erschossen, irgendwann ist auch noch ein Fotografen-Kollege tot. Vielleicht war das Bölls kleine Rache an einem Berufsstand, zu dem er ein zwiegespaltenes Verhältnis hatte. „Die Fotografen waren ihm oft lästig“, sagt Bölls Sohn René im Rückblick. Der Wirbel um den Verdacht, Böll zähle zu den „Sympathisanten“ der „Roten Armee Fraktion“ hatte genauso wie der Literaturnobelpreis 1972 dafür gesorgt, dass Böll zu einer öffentlichen Person wurde, die in beinahe jeder Lebenslage mit dem Verschlussgeräusch einer Kamera-Blende rechnen musste.

Aber Heinrich Böll (1917-1985) brauchte Fotografien zum Schreiben, sie halfen ihm – und sein Verlag brauchte Fotos von Heinrich Böll, um seinen Top-Autor zu vermarkten. Um das zwiespältige, ja vielfältige Verhältnis Heinrich Bölls zur Fotografie dreht sich nun eine Ausstellung des Kölner Museums Ludwig, deren Titel „Die humane Kamera“ einem Aufsatz des Schriftstellers entnommen ist, der nicht selten mit dem Beinamen „Der gute Mensch von Köln“ dekoriert wurde. Es ist auch eine kleine Ouvertüre zum anschwellenden Jubiläumsgesang, der uns bevorsteht: Am 21. Dezember dieses Jahres wäre Heinrich Böll 100 Jahre alt geworden.

Mit Chargesheimer„Im Ruhrgebiet“

Das Schwirren des heranfliegenden Pfeils von Christian Linder, 2009, ;atthes&SeitzLegendär ist Bölls Zusammenarbeit mit dem Kölner Fotografen Chargesheimer, der mit seinem Schwarz-Weiß-Realismus eine charakteristische Bildsprache gefunden hatte: „Unter Krahnenbäumen“ dokumentierte das alte Köln, das unter den Brachial-Sanierungen der Wirtschaftswunderzeit mehr zu leiden hatte als unter dem Bombenkrieg, „Im Ruhrgebiet“ zeigte noch Mitte der 50er-Jahre, wie schlecht hier die Wunden vernarbt waren, die eben jener Krieg und auch die Herrschaft der Industrie hinterlassen hatte: „Da riecht es nach Hütte und Kohlestaub, nach Abgasen der Kokereien,“ schrieb Böll, „nach Dämpfen der Chemie – und es riecht nach Macht“. Mit Wohlwollen und Zuneigung widmeten sich Böll und Chargesheimer den „kleinen Leuten“ und ihrer Wirklichkeit. Die zeitgenössische Empörung der Offiziellen aus dem Ruhrgebiet war denn auch fast so groß wie die Anerkennung, die der Band heute als Zeitdokument genießt.

Im Museum Ludwig lässt sich nun in allen neun Bildbänden blättern, zu denen Heinrich Böll Texte lieferte, dazu hängen an den Wänden Originalfotos, die auch den Unterschied zwischen Abzug und Druck verdeutlichen.

Fotos waren aber auch Arbeitsmittel für den gelernten Buchhändler, der schon 1952 kategorisch festgehalten hatte: „Ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers“. Böll selbst sei allerdings ein schlechter Fotograf gewesen, erinnert sich sein Sohn René. Als er für den Roman „Frauen vor Flusslandschaft“, der sein letzter werden sollte, nicht mehr herumreisen wollte, ließ er René Fotos der geplanten Schauplätze im Bonner Ortsteil Plittersdorf aufnehmen, mit genauer Angabe der Straßennamen. Trotzdem stellte sich die Szenerie im Roman oft anders dar als auf den Fotos – Böll ließ sich inspirieren zu seinen literarischen Erfindungen, ohne sich dabei festlegen zu lassen auf die bloße Realität.

Der Unterschied zwischen Realität und Bild

So wenig wie ein Schriftsteller die Realität bloß abbildet, wo er doch vielmehr eine neue schafft, so sehr war Böll klar, dass auch Fotografen durch die Wahl des Ausschnitts, des Zeitpunkts und die – damals noch – chemischen Prozesse der Entwicklung ein Werk schaffen und nicht ein Abbild. In seinem Aufsatz „Die humane Kamera“, der auch im Katalog zur Weltausstellung der Photographie 1964 erschien, warnt er gar vor der „Täuschung objektiver Wirklichkeit“ durch die Fotografie. Ebenso machte er sich damals bereits Sorgen um etwas, das erst im Zeitalter des Internets zu einem Massenphänomen werden sollte: die Verletzung der Privatsphäre. Fast prophetisch nimmt sich der Satz aus: „Wenn technisch perfektes Photographieren in jedermanns Hand gegeben ist, ist Orwells Großer Bruder ja fast allgegenwärtig.“ „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ holt die Ausstellung denn auch ins Bild, indem sie Aufnahmen aus der Roman-Verfilmung zeigt.

Zur Vermarktung unerlässlich

Gleichwohl ließ auch Böll immer wieder zu, dass er fotografiert wurde – zur Vermarktung unerlässlich. Allerdings sorgte er dafür, dass etwa zwei Porträt-Bildbände zu seiner Person von seinem engen Kölner Freund fotografiert wurden: Heinz Held bekam mit der Kamera Zugang zum Schreibtisch Bölls und zu seinem Wohnzimmer. Eine Auswahl aus den Nachlass-Fotos von Held wird in dieser Ausstellung erstmals präsentiert – und man sollte sie nicht sehen, ohne zu wissen, dass sie so ausgefallen waren, wie Böll sich selbst gesehen wissen wollte.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0917 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung