Heinrich Böll, 1984, Foto: Anita Schiffer-Fuchs, www.poklekowski.de

Foto: Anita Schiffer-Fuchs
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Das Schwirren des heranfliegenden Pfeils von Christian Linder, 2009, ;atthes&SeitzHeinrich Böll hätte viel zu tun
Vor 20 Jahren starb in der Nähe von Düren nicht nur ein allseits geachteter Nobelpreisträger, sondern auch viel von der politische Bedeutung der deutschen Literatur.
Von Jens Dirksen aus der NRZ vom 15.07.2005:

Das Bundesverfassungsgericht erklärte das Krankenversicherungs-Kostendämpfungsgesetz für verfassungsgemäß, der belgische König Baudouin lehnte ein Rücktrittsgesuch der Regierung Martens ab - und dann passierte an diesem Juli-Dienstag des Jahres 1985 doch noch etwas Wichtiges: Als heute vor 20 Jahren der Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll in Kreuzau bei Düren im Alter von 67 Jahren starb, ging eine Epoche zu Ende. Mit seinem Tod schwand der politische Einfluss der Literatur rapide; was Günter Grass und Martin Walser heute aufführen, sind nur noch Schattenspiele der Rolle, die sie früher innehatten.

Aussparung von Grauzonen

So wird heute allerorten der Künstler Böll in den Vordergrund gestellt, weniger der religiöse Anarchist und schon gar nicht der PEN-Präsident, der bewerkstelligte, dass der Literaten-Club einen Empfang vom Bundespräsidenten ausgerichtet bekam, und der sich für viele verfolgte Autoren rund um die Welt als Retter in höchster Not erwiesen hat.

Heute, da auch in der Literatur allzu kunstvolles Erzählen schon wieder als exotisches Minderheiten-Programm gilt, das unter verschärftem Quotenkiller-Verdacht steht, hätte auch Heinrich Bölls gelegentliche Neigung zu Schwarz-Weiß-Zeichnungen unter weitgehender Aussparung von Grauzonen wieder gute Chancen. Der Meister des Weglassens, der Lakonik, der sich in seinen Erzählungen und Kurzgeschichten zeigt, wird aber die Konjunktur überdauern.

Und je weiter die Themen seiner Bücher wegrücken, je historischer sie geradezu werden, desto mehr stehen sie als erzählte Zeitgeschichte da. Und in der Tat: In diesem Jahr, da ausgerechnet der 60. Jahrestag des Kriegsendes heftiger bedacht und gefeiert wird, lohnt es sich mehr denn je, Bölls frühe Texte aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zu lesen. Da ist eine authentische Stimme zu vernehmen, die vieles von dem längst erzählt hat, was die Histo-Doku-Knopps von heute als aufregende Entdeckungen verkaufen. Böll hatte von seinen ersten Veröffentlichungen bis zuletzt immer ein sicheres Auge für die großen Themen, für das, was seinen Lesern wichtig war. Die Aktualität von einst aber macht bei manchen seiner Romane aus den Kinderjahren der Rheinischen Republik den Staub von heute aus, der ja selbst solchen Namen wie Hans Schnier, Leni Pfeiffer oder Bur-Malottke schon anhaftet.

Heinrich Böll wäre heute wahrscheinlich hellauf entsetzt, wie weit die gesellschaftliche Anerkennung der "Bild"-Zeitung vorangeschritten ist, die inzwischen ja zeitweise sogar Einfluss auf die Tagesordnung des Bundeskabinetts hat. Böll hätte viel zu tun, als Mahner gegen die Kriege von Irak bis Tschetschenien. Und er würde, wahrscheinlich, dem menschenverachtenden Siegeszug der Marktwirtschaft einen großen Roman widmen. Ob der noch irgendeinen Einfluss hätte, mag dahingestellt bleiben. (NRZ)

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