|
|
Zur eisernen Zeit
Der Wiener Dichter
Gerald Bisinger (1936–1999)
Von Christiane Zintzen in Neue
Zürcher Zeitung, 2000:
Als der Dichter und Übersetzer Gerald Bisinger im
Februar 1999 nur wenige Tage vor der Überreichung des «Österreichischen
Würdigungspreises für Literatur» verstarb, schien dies nur auf den ersten Blick
eine bittere Ironie des Schicksals: Wiewohl Kollegen und Literaturfunktionäre
seit Jahren von der Todeskrankheit des 1936 Geborenen wussten, wiewohl die
ökonomische Misere des freien Autors und seiner Familie als bekannt gelten
durften, entschloss man sich zur Preisvergabe – mit so charakteristischer wie
tragischer Verspätung. Immerhin vermochte der im Umfeld der Wiener Gruppe
literarisch Sozialisierte, dessen lyrisches Œuvre in Klein- und Autorenverlagen
verstreut publiziert (richtiger: versteckt) war, noch mit Genugtuung die Ausgabe
des Spätwerks bei Droschl anzuzetteln: Zu erleben blieb ihm freilich nur die
Sammlung «Ein alter Dichter» (1998). Teil zwei, «Dieser Tratsch», musste 1999
ebenso postum erscheinen wie der abschliessende, für Ende Februar
angekündigte dritte
Band, «Im siebenten Jahrzehnt». Nach dem Verklingen jener unverkennbaren, leise
schnarrenden Stimme bleibt anhand dieser Ausgabe nun zu sehen, dass von Bestand
ist, was Bisinger schuf – dass also bleibt, was im Werden so leicht verkennbar
gewesen.
Den «Notierstift als rettenden Strohhalm» (H. C. Artmann) allzeit im Anschlag, war Bisinger Wanderer in Wien und anderswo: Gasthäuser, Stehcafés, Wartesäle und Bahnhofsrestaurants dienten als transitorische Niederlassungen, von wo aus er sah, trank und schrieb: «im Wirtshaus / mein Leben verwartend aufmerksam und / gespannt bis jeweils zum nächsten Ge- / dicht». In freiem, mitunter gebundenem Vers entschlägt sich die Rede der Fessel der Interpunktion und entgrenzt so den Zeit-Raum in Richtung einer kontinuierlichen Gegenwärtigkeit. Wahrnehmen, Denken und Schreiben verorten sich nicht mehr als sukzessive Punkte auf der Zeitachse, sondern amalgamieren sich dem konkreten Ort: «sitz ich friedlich in diesem Wirts- / hause schreibe ohne mein Zutun lebe ich noch».
Dass Bisingers Protokolle situativer Beheimatung nicht mit Realien kargen, hat die Rezeption seiner Poesie meist zu anekdotisch-lokalkoloristischem Realismus verkürzt. Im Gegenteil funktionieren diese Kataloge real existierender Namen und Marken – etwa die rekurrierenden Labels osteuropäischer Billigzigaretten wie «Petra», «Sparta», «Dalila» oder die penibel notierten Namen von Gastwirtschaften, Kaffeehäusern und Stehbeiseln – als sprachliche objets trouvés , die diese Textwelt aufs Köstlichste strukturieren: Wer fühlte sich nicht zu literarischer Demut genötigt angesichts so poetischer Benennungen wie «Zur Eisernen Zeit» (am Wiener Naschmarkt), «Zum Goldenen Pelikan» (Sittls Weinhaus am Gürtel), «Esterházy-Keller» (in der Innenstadt), «Smutnys Bierschwemme» (mit Blick auf die Staatsoper) oder der sogenannten «S-Bahn-Quelle» (am Bahnhof Wannsee)?
Wo die Nennung der Blauensteinerschen Gastwirtschaft «Zur Stadt Paris» (in der Josefstadt) auf den einstigen Stammgast Heimito von Doderer verweist, deutet Anny Demuths Wirtshaus «Zum alten Drahrer» in der Liebhartstalstrasse auf H. C. Artmann hin: eine gastronomisch-topographische Intertextualität, die ihresgleichen sucht. Wo sich psychische Vorgänge am physischen Lokal verorten, faltet sich der Begriff des «Topos» zurück auf seine antike rhetorische Bedeutung. «ich schreib / stehend im Bahnhofsespresso jetzt»: Bisingers lyrische Ephemera siedeln im Peripheren. In den topographisch marginal (am Rande der Stadt, am Rand der Geleise, an der Landesgrenze) placierten Residuen «überlebter» alltagskultureller Praktiken sammeln sich auch die Treibgüter neuerer Nomaden. Im Unterschied zu nachgeborenen Resopal-Ästheten war es Bisinger jedoch stets ernst mit der Tristezza des Trivialen: So ernst, dass seine Poesie der real existierenden Kläglichkeit Momente erhabener Klage abzutrotzen vermochte.
Was aber bleibt noch zu sagen, was aber steht noch zu schreiben, wenn aus dem «alten Dichter» ein «älterer Dichter» wird? Michel de Montaigne verzeichnete Altern und Verfall essayistisch, Ernst Jandl radikalisiert das ridiküle Skandalon zunehmender physischer Defizienz poetisch: Obzwar Gerald Bisinger seinen späteren, unter dem Titel «Dieser Tratsch» gesammelten Versen den Zaum antiker Prosodie anlegt, behauptet er nicht, einen Reim auf das Ungereimte oder Unreimbare zu wissen. Setzt sorglich er Versfuss auf Versfuss, Zeile nach Zeile, springt heftig allenfalls im Enjambement. Sonst? – Geht er «weiter im Text, weiter» ins Gasthaus und schreibt er «weiter». Unterwegs in Wien und Prag, Pressburg, Mährisch-Mikulov, Dresden und Berlin, wo sich die ambulante Poesieproduktion weiterhin mit gastronomischer Konsumation verschränkt. Neu und ungebeten ist nun der Schmerz, der in proteischen Gestalten die Wege und Wirtshaustische beschattet, neu die numinose Nötigung durch Krankheit, Verfall und Tod: «meinen gesamten Körper durchzieht seit Tagen / ein Zittern». Im wortzerreissenden Zeilenfall formulieren sich das Herzzerreissende des Schmerzes und die Demütigung des Geistes durch den zunehmend unbeherrschbaren Leib: «der Körper verfällt mir noch bei klarem Be- / wusstsein». Gerald Bisinger fasst diese Trauer in lakonische Notate und gönnt sich allenfalls «wieder einen Schluck / Bier».
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 1111 LYRIKwelt © NZZ