Wolf Biermann, 2001, Foto: Hans Weingartz, http://www.Hans-Weingartz.de

Wolf Biermann, Quelle: Hans Weingartz
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Der graue Wolf von Berlin
Am Dienstag soll es amtlich werden: Wolf Biermann erhält die Berliner Ehrenbürgerschaft. Nach langem Streiten hat sich das Landesparlament dazu durchgerungen, jetzt muss nur noch der Senat folgen. Einige Anmerkungen.
Von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 3.2.2007:

Eigentlich ist die Sache jetzt eher etwas peinlich - für alle außer der CDU, die triumphieren kann. Sie hat sich gegen den rot-roten Senat durchgesetzt. Das ist nicht übel.

Wolf Biermann hat kürzlich erklärt, er würde sich über die Berliner Ehrenbürgerwürde freuen. Das sei ihm gegönnt, doch er dürfte einen schlechten Geschmack von der Veranstaltung zurückbehalten. Warum die SPD sich von ihrem Koalitionspartner für den Widerstand gegen Biermann einbinden ließ, bleibt unerfindlich. Sie konnte nicht wirklich etwas gegen ihn haben. Und dass die Linkspartei dem DDR-Dissidenten spinnefeind ist, trifft nur sie selbst und ihre Glaubwürdigkeit als neu orientierte Fortschrittspartei. Wenn sie allerdings der alten Ideologie noch anhängt, tat sie nur, was ihres Amtes ist. Das wäre schon erstaunlich, denn auch die Linke in der Bundesrepublik war damals, 1976, aufrichtig erschrocken, als Biermann bei Nacht und Nebel während einer Tournee ausgebürgert wurde. Das hat bei manchem DDR-Sympathisanten erste Zweifel geschürt. Offiziell lautet die Begründung für die Stimmenthaltung der Linkspartei allerdings: Biermann hat den Irak-Krieg unterstützt. Das wäre zumindest ein Vorwurf, über den man reden könnte. Über alles andere nicht, auch nicht über den gönnerhaften Zusatz: Man respektiere die historischen Verdienste des Liedermachers als DDR-Oppositioneller.

Die Ehrenbürgerschaft ist also abgemacht. Na, Gott sei Dank. Man muss Wolf Biermann nicht mögen, nicht mehr; dazu hat er - nach tollen, poetischen, mutigen, witzigen Liedern damals, aus der Chausseestraße, zu viel Kraut und Rüben geredet in den letzten 30 Jahren. Ihm aber die Ehrenbürgerwürde zu verweigern, das wäre ein starkes Stück gewesen.

Womöglich hat die SPD anfangs nicht bedacht, welchen Wirbel ihre Weigerung veranstalten würde. Vielleicht hat sie wirklich so töricht reagiert, wie dann kolportiert wurde; vielleicht hat sie ehrlich geglaubt, Biermann werde eine Ehrenbürgerschaft von Gnaden der CDU ablehnen. Die Reaktion hätte sie ihm aber ohne Weiteres selbst überlassen können.

Wolf Biermann war einmal ein bewundernswerter junger Mann, voll zorniger Leidenschaft für den Staat, der diese Liebe verschmähte. Heute ist er nicht mehr jung und, was die öffentliche Wahrnehmung betrifft, nicht besonders leidenschaftlich. Er ist auf seine polternde Art ein bisschen angepasst, und das sollte ihm niemand anlasten. Ein bisschen angepasst sind wir alle. Nachdenken aber muss die Linkspartei. Welches Bild will sie in der Öffentlichkeit hinterlassen? Nachtragendes Sauerbier? Oder kluge Nachdenklichkeit?

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.waz.de]

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