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Quelle: Hans Weingartz |
Der graue Wolf von Berlin
Am Dienstag soll es amtlich werden: Wolf
Biermann erhält die Berliner Ehrenbürgerschaft. Nach langem Streiten hat
sich das Landesparlament dazu durchgerungen, jetzt muss nur noch der Senat
folgen. Einige Anmerkungen.
Von Gudrun Norbisrath
in der WAZ
vom 3.2.2007:
Eigentlich ist die Sache jetzt eher etwas peinlich -
für alle außer der CDU, die triumphieren kann. Sie hat sich gegen den
rot-roten Senat durchgesetzt. Das ist nicht übel.
Wolf Biermann hat kürzlich erklärt, er würde sich über die Berliner
Ehrenbürgerwürde freuen. Das sei ihm gegönnt, doch er dürfte einen
schlechten Geschmack von der Veranstaltung zurückbehalten. Warum die SPD sich
von ihrem Koalitionspartner für den Widerstand gegen Biermann einbinden ließ,
bleibt unerfindlich. Sie konnte nicht wirklich etwas gegen ihn haben. Und dass
die Linkspartei dem DDR-Dissidenten spinnefeind ist, trifft nur sie selbst und
ihre Glaubwürdigkeit als neu orientierte Fortschrittspartei. Wenn sie
allerdings der alten Ideologie noch anhängt, tat sie nur, was ihres Amtes ist.
Das wäre schon erstaunlich, denn auch die Linke in der Bundesrepublik war
damals, 1976, aufrichtig erschrocken, als Biermann bei Nacht und Nebel während
einer Tournee ausgebürgert wurde. Das hat bei manchem DDR-Sympathisanten erste
Zweifel geschürt. Offiziell lautet die Begründung für die Stimmenthaltung der
Linkspartei allerdings: Biermann hat den Irak-Krieg unterstützt. Das wäre
zumindest ein Vorwurf, über den man reden könnte. Über alles andere nicht,
auch nicht über den gönnerhaften Zusatz: Man respektiere die historischen
Verdienste des Liedermachers als DDR-Oppositioneller.
Die Ehrenbürgerschaft ist also abgemacht. Na, Gott sei Dank. Man muss Wolf
Biermann nicht mögen, nicht mehr; dazu hat er - nach tollen, poetischen,
mutigen, witzigen Liedern damals, aus der Chausseestraße, zu viel Kraut und
Rüben geredet in den letzten 30 Jahren. Ihm aber die Ehrenbürgerwürde zu
verweigern, das wäre ein starkes Stück gewesen.
Womöglich hat die SPD anfangs nicht bedacht, welchen Wirbel ihre Weigerung
veranstalten würde. Vielleicht hat sie wirklich so töricht reagiert, wie dann
kolportiert wurde; vielleicht hat sie ehrlich geglaubt, Biermann werde eine
Ehrenbürgerschaft von Gnaden der CDU ablehnen. Die Reaktion hätte sie ihm aber
ohne Weiteres selbst überlassen können.
Wolf Biermann war einmal ein bewundernswerter junger Mann, voll zorniger
Leidenschaft für den Staat, der diese Liebe verschmähte. Heute ist er nicht
mehr jung und, was die öffentliche Wahrnehmung betrifft, nicht besonders
leidenschaftlich. Er ist auf seine polternde Art ein bisschen angepasst, und das
sollte ihm niemand anlasten. Ein bisschen angepasst sind wir alle. Nachdenken
aber muss die Linkspartei. Welches Bild will sie in der Öffentlichkeit
hinterlassen? Nachtragendes Sauerbier? Oder kluge Nachdenklichkeit?
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.waz.de]
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