Marcel Beyer, 2007, ©Foto: Marko Lipus

Marcel Beyer
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Weil Sprache alles ist
Der Georg-Büchner-Preis zählt mit 50.000 Euro zu den bedeutendsten und am höchsten dotierten Literaturpreisen in Deutschland. Marcel Beyer, Kathrin Passig und Jan Assmann werden in Darmstadt mit der Auszeichnung geehrt.
Besprechung von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, 6.11.2016:

Verbissen zu sein, steht in keinem guten Ruf. Andererseits sind die lässigen Tage vorbei. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, ein ungewohnter Gast an diesem Ort, zitierte Ralf Dahrendorf mit den Worten, gute Zeiten seien schlecht für Intellektuelle. Nun also, so Grütters, stünden ihnen wohl goldene bevor, wenn man auf die Welt schaue oder auf Dresden am 3. Oktober oder auf Politiker, die Menschen in Not zu einer Flüchtlingswelle machten. Künstler auszuzeichnen habe demgegenüber etwas Tröstliches.

Erdkunde von Marcel Beyer, 2001, DuMontDabei ist Lyriker, Romanautor, Essayist Marcel Beyer, der im Darmstädter Staatstheater von der Akademie für Sprache und Dichtung den mit 50 000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis erhielt, gar nicht der tröstliche Typ. Er war es auch, der sich in seiner Dankesrede verbiss. „Ich verbeiße mich“, sagte er: „Verbeiße mich in Sprache.“ Besucher seiner Frankfurter Poetikvorlesung kennen das schon, und diesmal war es der Hund bei Büchner, in den er sich verbiss: Erst bei Büchners Vater, dem Arzt Ernst Büchner, der eine Geschichte aus Hondshollerdyk überlieferte, bei der eine alte Frau offenbar nach einem schlimmen Hundebiss an Tollwut starb. Aber vom Hund gab es keine Spur, so dass es sich um einen unsichtbaren Hund handelte. Ebenso sei der Ort Hondshollerdyk, versicherte Beyer, unauffindbar.

Dann in Georg Büchners „Woyzeck“, namentlich die vom Autor wieder gestrichene, von der Philologie mit höchster Aufregung unter die Lupe genommene Stelle, an der Woyzeck erzählt, wie er einem Hundele auf einen großen Hut geholfen habe. Und wie die Madeln und Bube dabei standen.

Beyer interessiert sich für das Hundele (das Hundeleben, schlug er auch vor), den unwahrscheinlichen Hut, die Drastik, die „Ferkelsprache“: „ein Deutsch, offen nach allen Seiten, hochartifiziell und zugleich hingeferkelt wie die Manuskriptblätter, auf denen ,Woyzeck‘ überliefert ist. Ein angefressenes, ein angesteckte Deutsch, wie eine nach dem Hundebiss grässlich entstellte linke Hand. Ein Wölfinnen- und Zicken- und Zeckendeutsch, das sich mit seiner Offenheit für Rotwelsch und Argot wie nebenbei offen für Ferkeleien zeigt. Ein Halb- und Doppelwesendeutsch, das bis heute niemand zweifelsfrei entziffert hat.“

„Ich sauge alles auf“, sagte Beyer: „Weil Sprache alles ist, brauche ich alles.“ Aus „nächster Nähe“ hört er das „Knatterdeutsch“ der Achtziger, „mit dem die Weltkriegsveteranen damals Drückeberger, Vaterlandsverräter an die Wand zu stellen gedachten, während der Zivi ihnen geduldig den wunden Wehrmachtshintern wischte“. Er hört auch ein „nahezu kryptisches, der Heimatliebe verschriebenes Spreizdeutsch, ein aseptisches, duftendes, feistes Rosenstuhlgangdeutsch“, hört „das unbeholfene Carl-Schmitt-trifft-Florian-Silbereisen-Deutsch der Leitkulturpamphlete“.

Denn Marcel Beyer, Jahrgang 1965, in Dresden lebend, weiß aufzusaugen, aber auch auszuteilen. Er entziffert und seziert, um Worte für die Gegenwehr zu haben, die sich dann in zwei fabelhaften Sätzen wie diesen sammelt: „Von Menschen, die Orte wie Hondshollerdyk niemals erreichen werden, weil es ihnen schlicht an Wahrnehmungsfähigkeit wie an Imaginationsvermögen fehlt, von Menschen, die auf dem Nationalschlauch stehen dürften, fragt man sie, wie der Hund von Kuifje heißt (Bobbie, Snowy und Milou), die Serge Gainsbourg (stöhn, wisper, hechel) nur für einen sündhaft teuren Käse halten können, geschweige denn, dass sie je von einer Googoosh oder einem Fela Anikulapo Kuti gehört hätten, muss ich mich nicht in Sachen Sprache, muss ich mich nicht in Sachen Kultur belehren lassen. Niemand muss das.“ Ja, ich musste dafür auch einiges nachschauen, was im ersten der beiden – tröstlichen! – Sätze vorkommt, aber das ist nicht der Punkt.

In ihrer Laudatio hatte die Wissenschaftshistorikerin Anke te Heesen über Beyers „stupende Belesenheit, das enorme Wissen“ gestaunt, das nicht als Belehrung, sondern als „Sprach-Gebrauch“ auftrete. „Was ich lese, erzeugt ,Sprachbewusstsein‘. Ich werde nicht müde, seinem Durchkauen der Wörter zuzusehen und zuzuhören.“ Man könne sagen, „er lebt in der Sprache, aber macht viel mehr: Er zeigt, wie er in ihr lebt und warum es sich lohnt, ihm das als Leser gleichzutun.“ Ferner wusste sie zu berichten, dass Beyer auf einem Bügeleisen schreibt.

Zuvor hatte der 78-jährige Ägyptologe Jan Assmann den mit 20 000 Euro dotierten Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa erhalten. Auch er sprach über das Entziffern, Lesen, diesmal in der „thebanischen Gräberwelt“, die er vor fünfzig Jahren noch ohne Antrag in dreizehnfacher Ausfertigung habe betreten dürfen, nur mit einem großen Schlüsselbund ausgestattet. „Atemberaubend“ sei gewesen, was er hier an Inschriften gefunden habe, aber nur für ihn, denn „vor mir hatte sich niemand für diese Texte interessiert“.

Assmann führte das zu seiner These von der Entstehung des Monotheismus aus dem Willen des Pharaos Echnaton heraus. Er berichtete vom Glück des „hochqualifizierten Widerspruchs“ (durch Erik Hornung) – dieser fordere „einen zu immer größerer Klarheit heraus“. Ob seine Prosa allerdings wirklich seine Prosa sei, könne er nach fünfzig Jahren „gemeinsamen Redens, Schreibens und einander Lesens“ mit seiner Frau Aleida Assmann nicht mehr beurteilen. Unter Beifall widmete er ihr den Preis. Als „Spurensicherer“ und – was unter Kulturwissenschaftlern nicht die Regel sein – lebenslangen Feldforscher hatte sein Kollege Antonio Loprieno den „berühmtesten Vertreter der Ägyptologie auf globaler Ebene“ gelobt.

Zuallererst hatte die 46-jährige Schriftstellerin und Bloggerin Kathrin Passig den mit ebenfalls 20 000 Euro dotierten Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay bekommen. Sie sprach abgeklärt über die finanziellen Vorteile, zumal ein Preis, der keinem speziellen Werk zugeordnet sei, nicht versteuert werden müsse. Auch machte sie die Rechnung einer Mischkalkulation auf, nach der schlecht bezahlte Texte für Printmedien sie zu lukrativeren Aufträgen führten, zu Vorträgen oder eben – so vermutete sie – zum Merck-Preis.

Natürlich ist es vernünftig, das Preisgeld zu thematisieren, wenn man sonst keine zündende Idee hat, wobei offen blieb, ob es auch vernünftig ist, das auswendig zu tun, wenn man sich den Text nicht merken kann. Irgendwie gelang es Kathrin Passig aber, das zum Teil des Konzeptes zu machen. Das Publikum wartete geduldig ab, ob es ihr noch einfiel.

Der Schriftsteller Per Leo sprach als Laudator über die „Kann weg“-Redigate Passigs – angewandt früher etwa bei dem 2013 gestorbenen Freund Wolfgang Herrndorf. Passig sei schonungslos, aber sie beiße nicht, formulierte Leo, so dass der Nachmittag unverbissen anfing.

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