Thomas Bernahrd: Stücke 3, Vor dem Ruhestand. Der Weltverbesserer. Über allen Gipfeln ist Ruh. Am Ziel. Der Schein trügt, 1988, SuhrkampEin großer komödiantischer Reiz
Thomas Bernhards Drei-Personen-Stück „Am Ziel” ist vor allem ein großer „Gesang” für eine große Schauspielerin. Sie muss mit einem gewaltigen Fast-Monolog das Porträt einer höchst eigenwilligen Frau modellieren.
Gespräch von Simone Dattenberger mit Cornelia Froboess im Münchner Merkur, 27.6.2008:

Cornelia Froboess ist diese Industriellen-Witwe und schlimme Mutter in der Inszenierung von Thomas Langhoff. Premiere am Münchner Residenztheater Sonntag (18 Uhr). Stephanie Leue spielt die Tochter, Dirk Ossig den erfolgreichen Dramatiker, der bei den Damen zu Gast ist.

-Haben Sie sich „Am Ziel” gewünscht?

Nein, das war nicht meine Idee. Sie kam vom Theater. Vor einem Jahr schob ich sie noch weg. Ich dachte zuerst, die Frau müsste älter sein. Dann bin ich darauf gekommen, dass ich ja gar nicht mehr so jung bin... und dass man die Rolle spielen sollte, so lange man kräftig ist und das Hirn noch mitmacht - bei so einem Text.

-Das Duo Froboess und Langhoff ist berlinerisch, trifft aber auf den österreichischen Mega-Grantler Bernhard.

Ich bin austrophil durch meinen Mann (Hellmuth Matiasek, Anm. d. Red.). Und durch die lange, lange Zeit in Bayern ist mir das Idiom, die Satzstellung vertraut. Es ist schön, wenn einem etwas vertraut ist.

- Sie genießen Sound und Syntax?

Ich finde, Thomas Bernhard schreibt eine Partitur, der Text ist hochmusikalisch. Auch durch die Wiederholungen, die nie exakte Wiederholungen sind. Das macht‘s so schwer. Man merkt gleich, wenn man eine Wiederholung vergessen hat, dass da was nicht stimmt. Bernhards Text muss so sein und nicht anders. Das spürt man erst, wenn man damit arbeitet, mit der Figur lebt. Es macht mir ein großes Vergnügen, das zu formulieren, und es ist mein Herzenswunsch, dass sich das dem Publikum mitteilt.

Bernhard ist ein großer Tabu-Brecher. Er spricht aus, was man sich sonst verkneift, was man sich nicht mal zu denken traut. Das ist gewöhnungsbedürftig. Aber er will nicht nur provozieren. Hinter dieser Frau steckt eine tiefe Vereinsamung. Obwohl alle von einem Riesen-Monolog sprechen, ist er keiner. Sie ist in einem ständigen Gespräch mit sich selber. Das ist absolut ein Dialog.

-Ist es befreiend, einmal eine solche „Bissgurn” zu spielen?

Nein, das kann ich von mir nicht behaupten. „Befreiend” ist falsch - eher so: Es ist ein großer komödiantischer Reiz, das auszusprechen.

-„Der Schauspieler wünscht sich // eine entsetzliche Jacke // je entsetzlicher die Jacke ist // die ihm der Schriftsteller verpasst hat // desto besser”, erklärt die Figur des Schriftstellers im Drama.

Da kann ich mich nicht einreihen. Sicher gibt‘s Schauspieler, die zu allem bereit sind, zum schlimmsten Exhibitionismus. Nur um eine Inszenierung zu bedienen, die vielleicht aus der Frustration eines Regisseurs entspringt - nö, nein, das langweilt mich.

-Ist der Bernhard-Text mehr „Jacke” oder mehr Material, das Sie formen?

Naja, die Sprache ist natürlich sehr wichtig. Deswegen ist das schon eine Zwangsjacke. Aber dann fängt es an, interessant zu werden: Im besten Falle wird sie meine Sprache. Es wäre schrecklich, bloß einen Autor zu sprechen. Das muss zu meiner Sprache werden. Perfekt wäre, sich die Sprache so anzueignen, dass man glaubt, nur ich könnte so sprechen.

-Sie und Langhoff sind ein eingespieltes Team. Hat das auch bei Bernhard geklappt?

Ich hätte „Am Ziel” nicht mit einem anderen Regisseur gemacht! Wir mögen uns, sind aber auch brutal kritisch zueinander. Ich weiß jedoch, dass der Hintergrund immer ein liebevoller ist. Bei Langhoff kann man sich Blößen geben. Das geht, weil er Schauspieler war. Deswegen kann er einem Schauspieler den Weg zeigen - das schafft fast kein anderer.

-Bernhard sagt viele Gemeinheiten übers Theater. Ärgert Sie das?

Und er sagt zum Teil sehr richtige Sachen... Bei ihm ist es das äußerste Extrem. Aber manchmal trifft er eben den Punkt. Ich finde toll, dass er die Klischees vom „Schauspieler”, „Theater”, „Dichter” anspricht. Ich kenne Leute, die genauso reden. Auf der Probe haben wir Tränen darüber gelacht.

- Sie mussten einen langen, schweren Text auswendiglernen. Eine Handlung, die zur Orientierung dient, gibt es nicht. Wie funktioniert das?

Ja, und es gibt überhaupt keine Übergänge. Da sitzt man da... und muss sich die waghalsigsten Brücken bauen.

-Welche zum Beispiel?

Die verrate ich nicht. Das ist mein Geheimnis.

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