|
|
| Foto: Dieter E. Hoppe www.foto-poklekowski.de |
Querelen ohne Ende
Der Machtkampf im Suhrkamp-Verlag geht weiter
Von Roland Mischke aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 24.11.2006:
Witwen großer Männer haben es von jeher schwer.
So ergeht es auch Ulla Unseld-Berkéwicz
(55), der Witwe von Siegfried Unseld.
Sie hält 51 Prozent der Anteile am Frankfurter Suhrkamp Verlag und hat Macht über
eine Backlist, auf der reputierliche Namen stehen — von Adorno,
Brecht,
Beckett und Thomas Bernhard über
Enzensberger, Frisch, Habermas und
Hesse,
Johnson und Proust bis zu
Sloterdijk und Walser. Ein erheblicher Teil vom Besten
der deutschen Nachkriegsliteratur und der Geistesgeschichte der Bundesrepublik
untersteht der Verfügungsgewalt der Witwe.
Unseld, der den Verlag in den fünfziger Jahren von Peter Suhrkamp übernahm und
vor vier Jahren starb, war eine dominierende Persönlichkeit. Er hebelte selbst
seinen Sohn Joachim (heute Chef der von ihm gegründeten Frankfurter
Verlagsanstalt) aus dem Amt, weil der nicht tat, was der Übervater von ihm
erwartete. Als Unseld 1990 die 25 Jahre jüngere Schauspielerin und Autorin Ulla
Berkéwicz heiratete, wurden bei Suhrkamp die Karten neu gemischt. Weil Sohn
Joachim gegen die Stiefmutter war, musste er das Haus verlassen. Dem Erben
blieben nur 20 Prozent Verlagsanteil.
Juristischer Streit
Die väterliche Kränkung war vielleicht der Grund, weshalb er sich vergangene
Woche mit dem neuen Anteilseigner-Duo, dem Galeristen und Medienunternehmer Hans
Barlach, einem Enkel des Bildhauers Ernst Barlach, und Claus Grossner, einem
Investmentbanker und Kunstsammler, in Hamburg traf. Zu dem Kreis stieß der
anerkannte Verlagsfachmann Arnulf Conradi, der mit Unseld in den 90er Jahren den
Berliner Verlag gegründet hatte. Suhrkamp hatte gerade bekannt gegeben, dass
man die neuen Anteilseigner, denen der Schweizer Geschäftsmann Andreas Reinhart
seine Beteiligung am Verlag von 29 Prozent verkauft hatte, nicht anerkenne. Ein
juristischer Streit zwischen den Parteien war entbrannt (wir berichteten).
Barlach und Grossner hatten sich sehr unfreundlich über die Verlags-Chefin geäußert
und ihre Leitungsqualitäten in Frage gestellt. Sie forderten die Überprüfung
der Bilanzen. Sollte Ulla Unseld-Berkéwicz die Bücher nicht öffnen wollen, würde
man eine außerordentliche Gesellschafterversammlung einberufen. Es habe
Unregelmäßigkeiten in der Geschäftsführung gegeben, bei der dem Verlag
mehrere hunderttausend Euro im Jahr verloren gegangen seien. Überhaupt sei
keine Trennung von privaten und öffentlichen Belangen erfolgt. Damit wird
letztendlich unterstellt, dass die Suhrkamp-Verlegerin Geld, das dem Verlag
zusteht, veruntreut haben könnte. Seit mehr als sieben Jahren soll der
Gesellschafterbeirat, der die Bilanzen zu prüfen hat, keinen Einblick mehr in
dieselben erhalten, ja nicht einmal getagt haben.
Inzwischen hat Suhrkamp auf die Äußerungen von Grossner mit einer Strafanzeige
geantwortet. Diplomatie wäre womöglich sinnvoller gewesen, doch die war nie
die Stärke der Verlegerin. Sollte es zu einem Prozess kommen, wäre ein
Schweizer Gericht zuständig, der Ausgang ungewiss.
Unseld-Berkéwicz setzt ganz auf ihre Macht. Die rechtliche Konstruktion ihres
verstorbenen Mannes ist so verschachtelt, dass sie unangreifbar bleibt. Die Möglichkeit,
mit den beiden Hamburgern, die offenkundig Ideen und Kapital einbringen wollen,
zu verhandeln, wird ausgeschlagen. Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass
mit Hauskapital unredlich umgegangen worden ist, könnte die Verlegerin
ernsthaft beschädigt werden und der renommierteste Verlag Deutschlands in eine
schwere Krise schlittern. Denn Geld regiert die Welt, auch die Verlagswelt.
[...diesen und weitere
Artikel finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 1106 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten