Ulla Berkewicz (links) mit Amos Oz, 2004, ©Foto: Dieter E. Hoppe

Ulla Berkewicz (links) mit Amos O
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Querelen ohne Ende
Der Machtkampf im Suhrkamp-Verlag geht weiter
Von Roland Mischke aus den Nürnberger Nachrichten vom 24.11.2006:

Witwen großer Männer haben es von jeher schwer. So ergeht es auch Ulla Unseld-Berkéwicz (55), der Witwe von Siegfried Unseld. Sie hält 51 Prozent der Anteile am Frankfurter Suhrkamp Verlag und hat Macht über eine Backlist, auf der reputierliche Namen stehen — von Adorno, Brecht, Beckett und Thomas Bernhard über Enzensberger, Frisch, Habermas und Hesse, Johnson und Proust bis zu Sloterdijk und Walser. Ein erheblicher Teil vom Besten der deutschen Nachkriegsliteratur und der Geistesgeschichte der Bundesrepublik untersteht der Verfügungsgewalt der Witwe.

Joachim und Siegfried Unseld, 1998, Foto: Ekko von Schwichow

Joachim und Siegfried Unseld (1998)
Foto: Ekko von Schwichow

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Unseld, der den Verlag in den fünfziger Jahren von Peter Suhrkamp übernahm und vor vier Jahren starb, war eine dominierende Persönlichkeit. Er hebelte selbst seinen Sohn Joachim (heute Chef der von ihm gegründeten Frankfurter Verlagsanstalt) aus dem Amt, weil der nicht tat, was der Übervater von ihm erwartete. Als Unseld 1990 die 25 Jahre jüngere Schauspielerin und Autorin Ulla Berkéwicz heiratete, wurden bei Suhrkamp die Karten neu gemischt. Weil Sohn Joachim gegen die Stiefmutter war, musste er das Haus verlassen. Dem Erben blieben nur 20 Prozent Verlagsanteil.

Juristischer Streit

Die väterliche Kränkung war vielleicht der Grund, weshalb er sich vergangene Woche mit dem neuen Anteilseigner-Duo, dem Galeristen und Medienunternehmer Hans Barlach, einem Enkel des Bildhauers Ernst Barlach, und Claus Grossner, einem Investmentbanker und Kunstsammler, in Hamburg traf. Zu dem Kreis stieß der anerkannte Verlagsfachmann Arnulf Conradi, der mit Unseld in den 90er Jahren den Berliner Verlag gegründet hatte. Suhrkamp hatte gerade bekannt gegeben, dass man die neuen Anteilseigner, denen der Schweizer Geschäftsmann Andreas Reinhart seine Beteiligung am Verlag von 29 Prozent verkauft hatte, nicht anerkenne. Ein juristischer Streit zwischen den Parteien war entbrannt (wir berichteten).

Barlach und Grossner hatten sich sehr unfreundlich über die Verlags-Chefin geäußert und ihre Leitungsqualitäten in Frage gestellt. Sie forderten die Überprüfung der Bilanzen. Sollte Ulla Unseld-Berkéwicz die Bücher nicht öffnen wollen, würde man eine außerordentliche Gesellschafterversammlung einberufen. Es habe Unregelmäßigkeiten in der Geschäftsführung gegeben, bei der dem Verlag mehrere hunderttausend Euro im Jahr verloren gegangen seien. Überhaupt sei keine Trennung von privaten und öffentlichen Belangen erfolgt. Damit wird letztendlich unterstellt, dass die Suhrkamp-Verlegerin Geld, das dem Verlag zusteht, veruntreut haben könnte. Seit mehr als sieben Jahren soll der Gesellschafterbeirat, der die Bilanzen zu prüfen hat, keinen Einblick mehr in dieselben erhalten, ja nicht einmal getagt haben.

Inzwischen hat Suhrkamp auf die Äußerungen von Grossner mit einer Strafanzeige geantwortet. Diplomatie wäre womöglich sinnvoller gewesen, doch die war nie die Stärke der Verlegerin. Sollte es zu einem Prozess kommen, wäre ein Schweizer Gericht zuständig, der Ausgang ungewiss.

Unseld-Berkéwicz setzt ganz auf ihre Macht. Die rechtliche Konstruktion ihres verstorbenen Mannes ist so verschachtelt, dass sie unangreifbar bleibt. Die Möglichkeit, mit den beiden Hamburgern, die offenkundig Ideen und Kapital einbringen wollen, zu verhandeln, wird ausgeschlagen. Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass mit Hauskapital unredlich umgegangen worden ist, könnte die Verlegerin ernsthaft beschädigt werden und der renommierteste Verlag Deutschlands in eine schwere Krise schlittern. Denn Geld regiert die Welt, auch die Verlagswelt.

[...diesen und weitere Artikel finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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