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| Foto: Marko Lipus www.literaturfoto.net |
Ein
Streichelinstitut mitten im Siebenten
Nach seinem Roman
kann es nicht lange dauern, und es sperrt tatsächlich ein Institut auf, in dem
gestreichelt wird:
Autor Clemens
Berger im Interview.
Von Peter Pisa
im Kurier, Wien vom 19.5.2010:
Was würde besser in die Mondscheingasse im
siebenten Wiener Bezirk passen als ...
"Fehlen Ihnen Nähe, Zärtlichkeit, sanfte Berührung? Severin streichelt in
der Mondscheingasse. Keine Berührungen unter der Gürtellinie" (Inserat).
Man könnte meinen, das "Streichelinstitut" gibt's wirklich. Aber bisher ist es
nur ein Roman des 31-jährigen (nahe der Mondscheingasse lebenden) Burgenländers
Clemens Berger.
Der endgültige Beweis, dass er erzählen kann wie ein Alter. Zärtlich erzählen:
Er berührt die taktilen C-Nervenfasern, die auch beim Streicheln stimuliert
werden, wohlige Wärme erzeugen und uns gelassener machen.
Klug erzählen: Denn freilich merkt man, dass hier Kritik geübt wird am
Kapitalismus, am Wellness-Boom und überhaupt.
Institutsgründer Sebastian (Severin ist sein "Künstlername") war einmal ein ganz
linker Philosophiestudent. Strebt er nach Höherem? Unsinn. Er braucht Geld für
Miete und guten Wein. Seine Idee schlägt beim traurigen Bürgertum voll ein. Der
erste Kunde ist ein Ministerialbeamter. Der Letzte, der ihn gestreichelt hat,
war sein Vater. Kann Severin das Gefühl zurückholen? 75 Euro kostet die
Dreiviertelstunde.
Er kann sogar die Yoni-Massage. Die findet im Intimbereich statt; und schon sind
wir beim Sex , und die Komplikationen können beginnen.
KURIER: Ist es verwerflich, fürs Streicheln Geld zu verlangen?
Clemens Berger: Verwerflich nicht, aber symptomatisch für die Zeit, in
der wir leben, in der alles zur Ware wird, auch das, was eigentlich der oder die
Nächste tun sollte: streicheln, in dem Fall.
Was hat Sie zu dem Thema geführt?
Sagen wir so: Ich dachte, es wäre schön, wenn es ein Streichelinstitut gäbe.
Dann wären die Menschen entspannter und glücklicher - und wir hätten es alle ein
wenig leichter.
Weil Sie sich intensiv damit beschäftigt haben: Gibt es eine Stelle, wo
Streicheln ganz besonders entspannend ist?
Die Regionen unterhalb der Gürtellinie - habe ich gehört. Jene Regionen also,
die Sebastian laut Institutsstatut ausspart. An den Schläfen soll es auch sehr
angenehm sein. Aber ich kenne mich da nicht so aus.
Clemens
Berger: „Das Streichelinstitut“ Wallstein Verlag. 356 Seiten. 20,50 Euro. Zum
Downloaden als E-Book um 12,72 Euro.In
Ihrem vergangenen Roman knöpften Sie sich ein Hot-Dog-Wettessen in Tokio vor,
jetzt einen Streichler - suchen Sie sich Skurriles aus, weil Sie selbst es nicht
so sind ?
Meine Geschichten sind weniger skurril als symptomatisch. Die Wettesser und das
Wettessen gibt es tatsächlich, Millionen Menschen verfolgen es im Fernsehen, ein
Streichelinstitut würde gut funktionieren. Ist das skurril, traurig,
erschreckend? Das ist die Welt, in der wir leben!
Eine lohnende Welt - für Schriftsteller?
Zumindest für die, denen es nicht bloß um den eigenen Nabel geht. Ich will so
nah wie möglich am Heute, seinen Widersprüchen und Fallstricken schreiben - und
eine andere Sicht darauf ermöglichen. Anderes lohnt vielleicht mehr, aber etwas
Anderes will ich nicht.
Manchmal wünscht man sich beim Lesen, Clemens Berger möge seinen Severin
zwischendurch härter zupacken lassen. Nicht zwicken. Das ist was für andere
Autoren. Aber ein bisschen kneten vielleicht.
Denn nur angenehm, das ist anstrengend. Man könnte zu dösen beginnen und etwas
versäumen.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]
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