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| Foto: Marko Lipus www.literaturfoto.net |
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Hotdogs in zwölf Minuten
Dass Menschen das Essen
zum Sport machen und wie in einem Wettrennen Nahrungsmittel in sich
hineinstopfen, ist Thema für einen neuen Roman.
Ein Gespräch mit Clemens
Berger von Niko Wahl in den
Salzburger Nachrichten, 20.3.2007:
"Die Wettesser", der neue
Roman des österreichischen Autors Clemens Berger, widmet sich einem der
seltsamsten Spektakel. Er stellt uns Personen vor, die in kurzer Zeit Unmengen
an Nahrung vertilgen und dadurch berühmt werden. Für die Medien treten sie in
Wettkämpfen auch gegen Affen und Bären an und trainieren wie andere Sportler
mit Härte, um Rekorde zu brechen und Konkurrenten abzuwehren. Clemens Berger
gibt dem Publikum die Möglichkeit, die Gefühle und Motive der Protagonisten
kennen zu lernen und schafft es sogar, für sie Sympathien zu wecken, auch wenn
den meisten Lesern professionelle Wettesser und radikale Veganer vermutlich
gleichermaßen fern stehen.
SN: Worum geht es in Ihrem neuen Roman?
CB: Es geht um Menschen, die mit Wettessen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Wettessen gibt es in allen möglichen Disziplinen: Das Spektrum reicht von Eiern über Mayonnaise über Shrimps bis Chili. Das Hotdogessen am 4. Juli in New York ist sozusagen die Königsdisziplin. Seit Mitte der 90er Jahre herrscht dort eine Konkurrenz zwischen Amerikanern und Japanern, wobei jetzt die Japaner plötzlich die Sieger sind. Die amerikanischen Wettesser sind so, wie man sich einen Wettesser vorstellt: große fette Kerle. Die Japaner das Gegenteil: schlank und durchtrainiert. Darüber hinaus enthält das Buch eine Gegengeschichte, die nicht weniger wahnsinnig ist: Es geht um eine Gruppe von jungen radikalen Veganern, denen die Tatsache, dass da Menschen totes Fleisch um die Wette essen, ein Kloß im Hals ist.
SN: Ein großer Teil Ihres Romans beruht auf realen Hintergründen.
CB: Diese Geschichte ist nicht erfunden, sondern gefunden. Die Rekorde, Turniere und die Figuren sind real. Details, wie zum Beispiel die privaten Beziehungen der Wettesser, die oft aus gutem Grund gescheitert sind, sind erfunden.
SN: Meist sind jene Passagen, die derart absurd erscheinen, dass die Leser glauben, sie seien erfunden, die realen Passagen. Oft sind es eben reale Geschichten, die ich lese oder erzählt bekomme, die der Leser sofort für erfunden halten würde.
CB: Ich nenne das für mich selbst die Möglichkeiten der Wirklichkeit. Eine Geschichte ist vielleicht nie passiert, aber es handelt sich eben um eine Möglichkeit der Wirklichkeit.
SN: Wie sind Sie auf die Wettesser gestoßen?
CB: In einem Salzburger Hotel zappte ich durch die TV-Kanäle und sah dabei einen kleinen Japaner, der Unmengen von Hotdogs in sich hineinstopfte. Es war wahnsinnig widerlich. Ich habe sofort weiter geschaltet. Das Bild davon blieb in meinem Kopf stecken. Sie erwähnen in Ihrem Roman eine Wettessdachorganisation, die versucht, aus dem Bewerb eine olympische Disziplin zu machen.
SN: Sehen Sie Wettessen als einen Sport?
CB: Den Versuch, zu einer olympischen Disziplin zu werden, gibt es tatsächlich. Die IFOCE (International Federation of Competitive Eating) fragt, warum ein Sport wie Curling eine olympische Disziplin sein könne, wenn Wettessen ausgeschlossen sei. Die IFOCE stellt das Wettessen als älteste Sportart der Menschen dar: Nehmen sie 30 hungrige Neandertaler in einer Höhle und ein Hase kommt herein - das ist eine Wettesssituation. Letztlich geht es um reinen Wettbewerb, um Rekorde. Wer kann mehr verschlingen, mehr totes Fleisch in sich hineinstopfen? Die Praxis und die Anhänger erinnern an reguläre Sportarten. Das Wettessen vom 4. Juli sehen zehn Millionen Menschen live im Fernsehen.
SN: Sie beschreiben in Ihrem Roman den Konflikt zwischen Wettessern und Jugendlichen, die als Veganer den Konsum jeglicher Tierprodukte ablehnen. Die Jugendlichen, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken, werden für den Leser nicht gerade zu Sympathieträgern.
CB: Die Veganer sind in ihrem Fanatismus extrem. In ihrer apokalyptischen Weltsicht sind Gut und Böse sehr eindeutig. Das hat auch etwas Klassenspezifisches: Sie sind weiße Kinder der Mittelklasse, die sich durch Veganismus distinguieren. Sie sehen sich auf der guten Seite, der Seite des Lebens. Sie sind aber gleichzeitig bereit, jemanden dafür zu töten. Aus meiner Sicht ist das noch ärgerer Wahnsinn.
SN: In ihren Texten sprechen Sie immer wieder gesellschaftspolitische Themen an. Ist Politik für Ihr Schreiben zentral?
CB: Politik und Gesellschaftskritik sind ein Motor für mich. Bei dem Buch stellte ich mir die Frage, wie ich diese Geschichte erzählen solle: Schreibt man, dass die Wettesser Hotdogs essen, während acht Millionen Menschen auf der Welt hungern und die Kinder in Afrika sterben - das wäre billig. In den Wettessen sehe ich eine extreme Ausformung der Ordnung, in der wir leben, einen Exzess des Kapitalismus. Die Konkurrenzsituation, die im Herzen des Kapitalismus wohnt, schreibt sich in so grundlegende Bereiche wie die Nahrung ein. Die Wettbewerbe sind Spektakel mit tausenden Zusehern und hunderten Kameras. Das ist die Welt in einem Mikrokosmos.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.salzburger-nachrichten.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt © Niko Wahl, Salzburger Nachrichten