Seine Passion waren die
Frauen
120. Geburtstag und 50. Todestag:
Literatur zu und von Gottfried Benn
Von Andreas Puff-Trojann aus dem Münchner
Merkur, 28.04.2006:
"Erkenne die Lage" - so nennt Gottfried Benn seine zentrale Maxime in der Novelle "Der Ptolemäer". Ein anderes Lieblingswort lautet "Teils Teils", eines seiner traurig-schönen Altersgedichte trägt diesen Titel. Der Dichter, Prosaautor, Essayist und Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten hat allerdings die "Lage", nämlich die welthistorische und seine persönliche, nicht immer richtig erkannt. Vielmehr ist sein Leben ein "Teils Teils" gewesen.
Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 in Mansfeld/ Westprignitz geboren und starb am 7. Juli 1956 in Berlin. Somit ist 2006 ein richtiges Benn-Jahr: 120. Todestag und 50. Geburtstag. Und die Verlage haben darauf reagiert: Eine günstige Werkausgabe, der schmale Briefwechsel mit Ernst Jünger, eine Hör-CD, auf der Benn selbst seine Texte spricht, und gleich drei Biografien sind erschienen. Natürlich wird sich kaum jemand alle drei Bücher anschaffen. Andererseits ist es schon interessant, aus verschiedenen Blickwinkeln zu erfahren, wie Benn etwa zum weiblichen Geschlecht stand.
"Männer wollen doch nicht am Gehirn von
einer Frau berührt werden, sondern ganz woanders."
Gottfried Benn
Denn das "sich umgrenzende Ich" des
Dichters brauchte Erweiterung: Benns Passion waren die Frauen. Der Dichter
heiratete dreimal, wobei eben die ersten zwei Frauen früh verstarben. Daneben
hatte Benn unzählige Liebschaften, bis ins hohe Alter hinein. "Erkenne die
Lage", das heißt in diesem Fall, dass der Herr Doktor Frauen zu allererst
als Lust- und Liebesobjekt betrachtete. Seiner Tochter Nele schrieb Benn ohne
Umschweife: "Männer wollen doch nicht am Gehirn von einer Frau berührt
werden, sondern ganz woanders."
Doch auch hier gilt Benns Motto "Teils Teils". Denn sein erstes
großes Liebeserlebnis hatte er mit der selbstbewussten und exzentrischen
Dichterin Else
Lasker-Schüler. Benns dritte, um 27 Jahre jüngere Ehefrau Ilse war einer
der wenigen Menschen im Umfeld des Dichters gewesen, der nicht bloß Benns Texte
schätzte, sondern diese auch kritisierte. Benns einziges Kind Nele wuchs ab
seinem siebten Lebensjahr bei Pflegeeltern in Dänemark auf. Nele nannte sich
"die Tochter des Nihilisten", was Benn gar nicht so spaßig fand. Doch
stolz war er auf seine Tochter enorm, als diese als Journalistin Karriere machte
und sogar zur Chefredakteurin der größten Frauenzeitschrift Dänemarks
avancierte.
Aus all dem lässt sich natürlich viel machen. Und so schöpfen in Sachen Liebesleben die Biografen Helmut Lethen und Gunnar Decker aus dem Vollen. Joachim Dyck als Dritter im Bunde hält sich hingegen zurück. Etwas kommt in diesen Büchern zu kurz: Es ist das Werk des Autors. Alle drei versuchen, einzelne Texte in den historischen Lebenskontext zu stellen, und dabei wird sehr deutlich, dass Benn keineswegs völlig abgehoben vom politischen wie persönlichen Tagesgeschehen dichtete. Aber in keiner der drei Biografien wird ersichtlich, weswegen das Benn'sche Ouvre so einzigartig und zugleich monolithisch in der deutschsprachigen Literatur da steht.
Drei bemerkenswert gute Biografien
Benns Texte muss man sich selbst erlesen. Dabei hilft eine zweibändige, günstige Ausgabe, die jetzt im Verlag Klett-Cotta erschienen ist. Das "Faustische", das Benn anspricht, betrifft ihn auch selbst. 1933/34 hat er sich den Nazis angedient. Sein "Erkenne die Lage" nimmt grausige Züge an. Dennoch gilt auch sein "Teils Teils". Denn Benn als "Volblutnazi" oder gar als "Antisemiten" zu bezeichnen, empfiehlt sich keineswegs. Die Forschungsliteratur, die alle drei Biografen eingearbeitet haben, und die vielen sehr kritischen Briefe des Dichters an Freunde bieten da ein differenzierteres Bild. Ohne Zweifel glaubte Benn an einen glorreichen Neuanfang Deutschlands durch die Nationalsozialisten. Doch eines wollte und konnte er auf dem Altar des Völkischen nicht opfern, wie vor allem Gunnar Decker hervorhebt: seine Dichtung und seine Zugehörigkeit zum Expressionismus. Das brachte Benn viel Ärger ein und hätte ihm beinahe die überlebenswichtige Stelle als Stabsarzt gekostet.
Ähnlich wie der Philosoph Martin Heidegger hatte es Benn als belasteter "Rechtsintellektueller" dann schwer, im Nachkriegsdeutschland Fuß zu fassen. Dieser Umstand verbindet auch Gottfried Benn mit Ernst Jünger. Ihr interessanter Briefwechsel aus den Jahren 1949 bis 1956 zeigt genau, wie beide sich für die Gräuel nicht mitverantwortlich fühlten und somit Schuldbekenntnisse ablehnten.
"Erkenne die Lage" und "Teils Teils". Das heißt auch, dass es nicht einfach ist, eine Biografie über Gottfried Benn zu schreiben, die zugleich faktentreu arbeitet und spannend ist. Im Großen und Ganzen ist das aber allen drei Autoren gelungen. Wobei Joachim Dyck die Jahre 1929 bis 1949 im Auge hat, was zwar eine Reduktion bedeutet, zugleich aber große Detailtreue erlaubt. Am klarsten schreibt sicher Helmut Lethen, während Gunnar Decker manchmal in einen Benn'schen Tonfall verfällt. Deckers Buch ist leserfreundlich, denn es enthält einen umfangreichen Bildteil, ein Namensregister und eine Lebenschronik des Dichters. Doch man sollte die drei Biografien nicht gegeneinander ausspielen. Wir sind ja nicht beim Preisboxen, hätte Benn vielleicht gesagt. Interessierte Leser werden sich für die eine oder andere Vita entscheiden, aber eines ist auch klar: An allen drei Büchern wird man in Zukunft nicht vorbeikommen, wenn man über Gottfried Benn spricht.
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