Durch die Hölle der Gewalt
Ein Gespräch mit Samira Bellil von Astrid Hackel im Goon-Magazin:

Schreiben als Therapie. Samira Bellil, Tochter algerischer Einwanderer, wuchs in der Pariser Vorstadt St. Denis auf. Als Teenager wurde sie mehrmals Opfer so genannter tournantes, gemeinschaftlicher Vergewaltigungen. Jahre später hat sie ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben.

»Durch die Hölle der Gewalt« ist der Schlussstein der zweiten und entscheidenden Phase einer Therapie, in der es um das mühevolle Herausfiltern, Präzisieren und Niederschreiben der lebensbeherrschenden Erfahrung geht – um akzeptieren und loslassen, vergessen und neu anfangen zu können. Ein Großteil der Frauen, die Ähnliches wie Samira Bellil durchgemacht haben, landet in Drogenabhängigkeit, Prostitution, Wahnsinn oder begeht Selbstmord. Was die an Körper und Seele erlittenen Peinigungen verstärkt, ist die kollektive Banalisierung eines bis heute institutionalisierten und kaum strafrechtlich verfolgten Verbrechens, das Unverständnis, das den Opfern entgegengebracht wird. Frauen, die sich früh mit den Widersprüchen zwischen einer stark erotisierten Umwelt und einer auf rigiden Regeln aufbauenden Kultur zu arrangieren haben, die für die Männer das Recht auf Polygamie, für sie Unberührbarkeit beansprucht, gleichen einsamen Wölfen. Sie müssen verdammt stark und widerstandsfähig sein, um nicht zu Grunde zu gehen. Samiras Vater gab ihr die Schuld an den Vergewaltigungen, bespuckte, schlug und setzte sie vor die Tür, während ihre Mutter ihm den Rücken stärkte. Weibliche Bande entpuppten sich also als alles andere als schwesterlich, eine Freundin, die Samira zuerst Schutz und Verständnis zeitigte, schwenkte aus Angst vor Vergeltung schnell um und weigerte sich, im Prozess gegen den Hauptangeklagten als Zeugin auszusagen.
»Durch die Hölle der Gewalt« ist ein sensibler, zugleich um Sachlichkeit und Objektivität bemühter Bericht, der nicht einfach anklagt, sondern vor allem das Bewusstsein für das Dickicht sexueller Gewalt und Kriminalität in sozialen Brennpunkten schärfen will. Es handele sich nicht um ein Problem der Integration, sagt Samira Bellil; es sei zu einfach, immer alles auf die Arbeits- und Perspektivlosigkeit zu schieben. Es gibt keine Entschuldigungen, vielmehr geht es um Fragen der Mentalität.
Samira Bellil, die Frau mit den ernsthaften und klugen Augen, ist zum Sprachrohr missbrauchter Frauen und Mädchen geworden. Ihr Engagement zielt auf mehr Beachtung in der französischen Öffentlichkeit.
Derzeit arbeitet die leidenschaftliche HipHop-Anhängerin bereits an ihrem zweiten Buch und begibt sich dafür auf Pfade, die zu ihrer Familie, ihrer Herkunft und ihren Traditionen, hinführen.
»Jahrelang hatte ich mich nur über mein Unglück definiert. Nun muss ich nicht mehr die Kennkarte eines Opfers herausziehen, jetzt existiere ich auf andere Weise. Ich bin Samira, ich bin neunundzwanzig Jahre alt. Ich glaube an das Leben und hoffe auf das Glück. Ich habe getan, was ich tun musste, um das Glück zu erleben.«

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Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Astrid Hackel/Goon-Magazin