Louis Begley, 2001, Foto: Ekko von Schwichow

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Louis Begley - erhält den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2000
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Michael Braun:

Louis Begleys erster Roman wurde ein großer Erfolg. Wartime lies (1991) – die deutsche Übersetzung Lügen in Zeiten des Krieges erschien 1994 - erhielt amerikanische und europäische Preise und wurde von der New York Times als eines der zehn besten Bücher des Jahres empfohlen. Aufmerksamkeit erregte dabei nicht nur die Tatsache, dass der Verfasser des Romans ein 57jähriger Anwalt war, Sozius der angesehenen amerikanischen Kanzlei "Debevoise & Plimpton". Ins Licht rückte dadurch auch seine Biographie: eine jüdische Kindheit in Polen zur Zeit des Nationalsozialismus.

Geboren wurde Louis Begley unter dem Namen Ludwik Begleiter als einziges Kind polnisch-jüdischer Eltern am 6. Oktober 1933 in der ostgalizischen Provinzstadt Stryi, die zwischen den Weltkriegen polnisch war, 1939 von den Russen, im Sommer 1941 von den Deutschen besetzt wurde und heute zur Ukraine gehört. Im Juni 1941 wurde der Vater als Militärarzt von der russischen Armee zwangsrekrutiert. Für den siebenjährigen Jungen und seine Mutter begann eine schreckliche Odyssee von Versteck zu Versteck. Getarnt als polnische Katholiken, flohen sie von Wohnlöchern in Lwów (Lemberg) und Warschauer Kellern in ein entlegenes Bauerndorf in Masowien, wo sie den Krieg überlebten.

Lügen in Zeiten des Krieges erzählt von dieser langen Zeit der Demütigungen und der Angst, von Polen oder auch von Juden denunziert und erpresst zu werden und sich loskaufen zu müssen - vor allem aber von dem Zwang, die jüdische Identität zu verbergen und sich stattdessen eine andere, eine polnisch-katholische Identität zu borgen. Der Roman schildert die Schande der Lüge, aber auch die Macht der lebensrettenden Fiktion. So erweist sich Louis Begley als subtiler Analytiker der jüdischen Selbstverleugnung. Mit seiner Biographie und mit seinem Werk verleihe er "der letzten Generation der überlebenden Juden in Europa eine Stimme". So begründete die Kölner Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Birgit Lermen das Urteil der Jury. Am 14. Mai 2000 erhält Louis Begley im Weimarer Musikgymnasium den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Anfang März 1947 wanderte Louis Begley - mit seinen Eltern - in die Vereinigten Staaten aus und nahm sein Schicksal selbst in die Hand. Nach dem Jura-Studium in Harvard wurde er 1959 Anwalt und lernte, Vertragsentwürfe und Darlehensurkunden so zu komponieren, das jedes Wort genau das meint, was der Verfasser sagen will. Eine Kunst, die auch der literarischen Tätigkeit zugute kam: "Ohne Juristerei wäre ich nicht Schriftsteller geworden, und ohne die Literatur wäre ich kein guter Rechtsanwalt geworden".

Nach Lügen in Zeiten des Krieges hat Begley vier weitere, allesamt ins Deutsche übersetzte Bücher geschrieben: Der Mann, der zu spät kam (1993/1996), Wie Max es sah (1994/1995), Schmidt (1996/1997) und Mistlers Abschied (1997/1998). Es sind Gesellschaftsromane, die in der Welt des "bargeldlosen Wohlergehens" spielen und auf ebenso spannende wie subtile Weise von Geld und Macht, Ehebruch und Liebesverrat, Leidenschaft und Treulosigkeit handeln – und immer wieder von der jüdischen Vergangenheit, die "lebendig und allgegenwärtig zu halten" als diskreter Chronist in seine Romane einflicht, als mahnende Daten: für Louis Begley nicht allein eine Aufgabe von Deutschen und Juden, sondern eine Aufgabe "der ganzen Menschheit" ist. Im Spiegel dieser Vergangenheit erscheinen viele politische Ereignisse der Nachkriegsgeschichte, die Begl etwa die amerikanische Invasion Kambodschas, die an "Hitlers Einmarsch in Polen", oder der Warschauer Kniefall Willy Brandts, der an die "Toten [...] und den Brand des Ghettos 1943" erinnert. Bei alledem ist Louis Begley ein engagierter, ein politischer Mensch, der sich in der Goldhagen- wie in der Walser-Bubis-Debatte zu Wort meldete und das militärische Vorgehen der Deutschen im Kosovo billigte: "Die Tatsache, dass man nicht überall das Richtige tun kann, bedeutet nicht, das Richtige zu unterlassen, wo es durchzusetzen wäre".

Konrad Adenauer ist für Louis Begley der Gründer eines "humanistischen und demokratischen Deutschland". Doch weiß er nur zu gut, dass die persönlichen "Vorstellungen vom Guten und Menschenwürdigen" nicht immer allgemein verbindlich gemacht werden können. Deshalb schreibt er Romane: um literarisch "Zeugnis abzulegen gegen Unterdrückung und Unmenschlichkeit", wie es im Prolog zu Lügen in Zeiten des Krieges heißt. Der Schriftsteller, schreibt Louis Begley, "muss Raum für sich behalten, so dass er die Dinge auf seine Art sehen und tun kann. Eine Attacke auf das Unerkennbare reiten."

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