Louis Begley, 1995, Foto: Ekko von Schwichow

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«Zum Glück war ich als junger Mensch ziemlich klug»

Der Schriftsteller Louis Begley über harte Jugendjahre, Gänsebraten und seinen neuen Roman «Ehrensachen»
Interview von Jeannette Villachica aus den Nürnberger Nachrichten vom 27.03.2007:

Ehrensachen von Louis Begley, 2007, Suhrkamp«Ehrensachen» heißt der neue Roman von Louis Begley. Es ist eines der persönlichsten Bücher Begleys, der 1933 als Kind jüdischer Eltern in Polen geboren wurde und 1947 nach New York emigrierte. Das Buch handelt vom Preis der Assimiliation, von Freundschaft, Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, Antisemitismus und dem Leben der Elite im Amerika der 50er Jahre. Wir sprachen mit dem Autor.

Herr Begley, Sie waren gerade auf Lesereise durch Deutschland. Sprechen und verstehen Sie eigentlich Deutsch?

Louis Begley: Ja, ich habe Deutsch gelernt, als ich ein Kind war, und es aufgefrischt, als ich während meines Wehrdienstes achtzehn Monate lang in Göppingen in der Nähe von Stuttgart stationiert war. Es fällt mir ziemlich leicht, deutsche Texte zu lesen und ich verstehe fast alles, wenn Deutsch gesprochen wird.

Gibt es deutsche Gerichte, die Sie besonders mögen?

Begley: Oh ja, ich mag Wiener Schnitzel, Tafelspitz und Gänsebraten.

Kochen Sie selbst auch?

Begley: Ich koche gerne. Aber meine Frau kocht so unübertrefflich gut, dass ich selten dazukomme.

Haben Sie ein Lieblingsgericht?

Begley: Es nennt sich Bigos, ein polnisches Gericht, das hauptsächlich aus Sauerkraut besteht. Es ist fantastisch! Aber ich bin auch sehr gut bei allen gebratenen Dingen: Steaks, Hamburger, Lammkoteletts. Mein Boeuf Bourguignon ist auch sehr gut. Übrigens bin ich es auch, der den Hummer ins kochende Wasser wirft. Da Hummer kein Herz haben, macht mir das nichts aus.

Apropos Herz. Liegt Ihnen eine Figur in «Ehrensachen» besonders am Herzen?

Begley: Ich mag Sam sehr.

Warum?

Begley: Weil ich ihn entdeckte. Ich brauchte einen Erzähler und Henry konnte es nicht sein, obwohl ein großer Teil des Buchs von ihm handelt, mehr als von seinen Freunden Sam, George oder Margot. Es klang nicht richtig. Eine Zeit lang wusste ich nicht weiter und dann fand ich Sam. Er erwies sich als ein so guter Erzähler, ein so nützlicher Typ. Ich bin ihm sehr dankbar.

Sie haben einmal gesagt, Sie fänden es sympathisch, wenn jemand viel über sich nachdenkt.

Begley: In der Tat.

Henry tut das. Mögen Sie ihn?

Begley: Sicher. Es ist schwer, sich intensiv mit einer Figur zu beschäftigen, die man nicht mag.

Warum scheinen Ihre Charaktere oft so emotional tief gefroren?

Begley: Ah, eine sehr gute Frage! Ich nehme an, ich bin irgendwie so. Und wenn diese Dinge aus mir herauskommen, ist es unvermeidbar, dass meine Figuren darunter leiden.

Fühlen Sie sich, je älter Sie werden, zunehmend in Frieden mit sich selbst?

Begley: Ich denke, je älter ich werde, desto sensibler werde ich dafür, was ich tue und wie ich es tue. Damit einher geht ein größerer Grad der Akzeptanz meiner Person. Aber wenn man ein Buch, speziell eines wie «Ehrensachen», schreibt, löst man einen Sturm aus Erinnerungen und Gefühlen aus. Das ist kein friedvoller Prozess und er führt nicht zum inneren Frieden. Aber ich denke, Sie wollen wissen, ob ich mich mit meinen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg ausgesöhnt habe. Damit werde ich mich nie aussöhnen. Erstens ist es unverständlich, wie so etwas passieren konnte; zweitens kann man es nicht vergeben; und drittens ist es unvergesslich.

Ich meinte auch, ob Sie sich zunehmend mit ihrer jüdischen Herkunft im Reinen fühlen.

Begley: Mit meiner jüdischen Identität habe ich keine Probleme. Ich bin zu einhundert Prozent Jude, ich kenne meine Identität. Die ganzen Zweifel Henrys, das sind seine Probleme, nicht meine. Ich bin kein religiöser Jude, ich bin kein beobachtender Jude, ich bin kein Zionist.

Sie kamen als Dreizehnjähriger nach New York und sprachen kaum Englisch. Anfangs muss es in den USA sehr schwer für Sie gewesen sein.

Begley: In diesem Fall erging es mir wie Henry, der sagt: «Wir haben im Krieg alles verloren.» Ich hatte das Gefühl, dass mir eine sehr viel bessere Position im Leben zustand als die, in der ich gelandet war. Also arbeitete ich daran, eine bessere Position einzunehmen.

Ist es richtig, dass Sie sich als amerikanischen Nationalisten und Patrioten bezeichnen, weil Sie der Meinung sind, die USA vermittle Einwanderern egal welcher Herkunft das Gefühl willkommen zu sein?

Begley: Zumindest umarmten die Vereinigten Staaten mich, was nicht ohne Bedeutung für meine Gefühle ist. Ich liebe mein amerikanisches Land. In den ersten Jahren war ich allerdings schrecklich verwirrt. Ich dachte, ich könnte nie den Abstand zwischen mir und den brillanten Menschen um mich herum verringern. Etwas später merkte ich, dass ich es doch konnte. Es ist nicht einfach für einen Jugendlichen, der gerade schreckliche Erfahrungen hinter sich hat, in eine Umgebung zu kommen, die sprachlich, sozial, kulturell, in jeder Hinsicht völlig anders ist. Ich fühlte, ich müsste schnell eine riesige Menge an Informationen in mich aufsaugen und viele, viele Fähigkeiten erwerben.

Eine harte Aufgabe…

Begley: ..., die mir keine Zeit zum Durchatmen ließ. Zum Glück war ich ein sehr kluges Kind. Als ich älter wurde, war ich nicht mehr so clever, aber als junger Mensch war ich ziemlich klug.

Das müssen Sie gewesen sein, um dieses Pensum zu bewältigen.

Begley: Ich war es. Also tat ich es. Es war hart. Es war auch hart, nicht zuzulassen, dass man in eine Ecke gestellt wird. Ich wollte kein polnischer Flüchtling sein, ich wollte kein jüdischer Flüchtling sein, ich wollte überhaupt kein Flüchtling sein. Ich wollte jemand sein, der in den USA lebt und genau dieselben Möglichkeiten und Rechte hat, wie jeder andere. Ich wollte einen offenen Weg vor mir – das, was ich bekommen habe.

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