Romane als fehlender Rest
Zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Jürgen Becker am 10. Juli
Von Peter Mohr
im titel-magazin,
2007:
"Sie lesen nur Mitteilungen aus meinem
Erfahrungsbereich; das ist die Stadt, mein tägliches Leben, die Straße, die
Erinnerung. All das reflektiere ich in einer jeweils veränderten
Sprechweise", schrieb Jürgen Becker 1964 über seinen Prosaband
"Felder" in einem Brief an Hans Magnus
Enzensberger. An dieser
dichterischen Maxime Beckers, der 1967 der letzte Preisträger der Gruppe 47
war, hat sich bis heute nichts geändert. Neben Verlagstätigkeiten bei
Rowohlt und Suhrkamp und als Hörspielredakteur beim Deutschlandfunk hat der
gebürtige Kölner sich vor allem als Lyriker und Hörspielautor einen Namen
gemacht.
Seit mehr als 25 Jahren lebt Jürgen Becker in einem 200 Jahre alten
Fachwerkhaus in Odenthal am Randes des Bergischen Landes, wo er am 10.
Juli seinen 75. Geburtstag feiert. Ein idyllischer Rückzugspunkt, der
viele Jahre einen Gegenpol zu seiner Arbeit im Hochhaus des Deutschlandfunks
in Köln bildete und gleichzeitig Erinnerungen an die Kindheit bei seinen Großeltern
im Bergischen wach hält. Kein Wunder, dass einer von Beckers schönsten
Lyrikbänden den Titel "Odenthals Küste" (1986) trägt.
„Ich wäre gern Maler geworden, hätte ich nur die Begabung gehabt“, erklärte
Becker jüngst in einem Interview. Die Malerei ist dem Autor dennoch sehr
nahe, denn seit über 40 Jahren ist Jürgen Becker mit der renommierten Künstlerin
Rango Bohne verheiratet.
Die letzten Jahre bilden noch einmal eine künstlerische Zäsur in Beckers
Werk. Über Jahrzehnte hatte der Heinrich-Böll-Preisträger die Lyrik und das
Hörspiel favorisiert und offensichtlich sein erzählerisches Talent verkannt.
Vor zehn Jahren erschien der glänzende Prosaband "Der fehlende
Rest". Die schmale Erzählung las sich wie ein Werkstattbericht aus dem
Hinterkopf eines hochsensiblen Lyrikers, der uns Einblicke darüber gewährt,
wie ein Gedanke den Weg aufs Papier findet. Und der Titel könnte aus zwei Gründen
durchaus programmatischen Charakter haben - als sinnstiftende Ergänzung zu Jürgen
Beckers Lyrik oder aber als spätentdeckte Liebe zur Prosa. 1999 bewies Becker
mit seinem ersten Roman "Aus der Geschichte der Trennungen" endgültig,
dass er auch ein vorzüglicher Erzähler ist. Vor dem Hintergrund der
deutschen Teilung und der Wiedervereinigung entsteht ein aus vielen Episoden
zusammen gefügtes Panorama der Disharmonien im Nachwendedeutschland. Darin
heißt es: "In vierzig Jahren gehen sie vielleicht miteinander um wie
ganz gewöhnliche Landsleute, die nicht mehr geprägt sind von der Geschichte
unserer Trennungen." Beckers schmerzlicher Befund, den er seiner
autobiographisch gefärbten Hauptfigur Jörn Winter (auch Protagonist in
"Der fehlende Rest“ und im letzten Band „Die folgenden Seiten“,
2006) in den Mund legt.
Heute wissen wir: "Der fehlende Rest" - bezogen auf Jürgen Beckers
umfangreiches Oeuvre – waren die späten Romane, diese sprachlich
hochsensiblen Reflexionen eines Autors, der stets seine eigene Erfahrungswelt
zum literarischen Sujet gemacht hat. In „Schnee in den Ardennen“ (2003)
hockt die Hauptfigur in der Dachkammer eines abgelegenen Gehöfts und
berichtet von ihren Imaginationen. Die Grenzen von Lyrik und Prosa lässt Jürgen
Becker, der im letzten Jahr mit dem Hermann-Lenz-Preis ausgezeichnet wurde,
dabei (wie schon in den Vorgängerwerken) gekonnt verschwimmen.
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