Laudatio anläßlich der Preisverleihung "Reinhard-Priessnitz"Preis 2001
Anton Thuswaldner, 2001
über Christoph W. Bauer :

Anton Thuswaldner über Christoph W. Bauer

"Christoph W. Bauer entspricht ganz und gar den Vorstellungen eines Dichters. Er schreibt kontinuierlich an seinem Werk, und im Stillen wächst ein Oeuvre heran, um das er selber sich wenig schert. Mag es den Weg unter die Leute finden, ihm kann es recht sein. Er ist alles andere als ein Werbeagent in eigener Sache. Das hat mit seiner Scheu zu tun und den strengen Maßstäben, die er an sein Schreiben legt. Ist das, was er da gerade hervorgebracht hat, überhaupt gut genug, dass man es den Menschen zumuten darf? Christoph W. Bauer neigt dazu, seine Texte klein zu reden. Damit dämpft er jede Erwartung. Um keinen Preis möchte er den Lesern etwas Großartiges versprechen, um sie nur ja nicht zu enttäuschen. Die Öffentlichkeit ist ihm unangenehm, es sieht ganz so aus, als ob er seine Gedichte vor ihr schützen wollte. Bauer gehört zu den Autoren, die rar sind im Lande. Er ist voller Skrupel, behelligt Menschen nicht aufdringlich mit seinen Texten. Das macht ihn zu einem Geheimtipp, ein Fall für die vielen sieht anders aus. Manche ziehen einen Bannkreis um sich, sie stilisieren sich als unnahbar und unangreifbar, greifen zur Attitüde, um sich interessant zu machen. Bauer ist ganz und gar er selber, in seiner Literatur, seinem Auftreten, seiner Erscheinung, das Versteckspiel liegt ihm nicht.
Der Selbstschutz hat in diesem Fall seine Gründe. Diese Gedichte sind Christoph W. Bauer. Sie sprechen nicht direkt von ihm, mit Autobiographie haben sie nichts zu schaffen. Aber sie sind seine Sprache, seine Art zu denken und zu assoziieren, seine Art, die Fülle der Welt zu sortieren und auseinander zu nehmen, um sie neu zusammenzusetzen. Diese Lyrik spricht nicht von einem Ich, sie ist dieses Ich. Nichts ist in dieser Lyrik so, wie wir es kennen, aber alles ist zugerichtet durch die Imaginationskraft Bauers. Daher diese Angst des Autors vor den anderen: Er gibt sich preis, weil diese subjektive Schreibarbeit ein ungeheuer intimer Akt ist. Es bedeutet ein Risiko, sich mit seinen eigenen Ideen einer Welt auszusetzen, die mit der Norm zu leben gelernt hat. ER weiß, dass jemand, der so solipsistisch seine Sprachpflänzchen hütet, sich vom Gemeinsinn absentiert und zur Gefahr für eine Gesellschaft wird, die unter dem Diktat der Kosten-Nutzen-Rechnung steht. Das macht ihn unverwundbar, umso mehr deshalb, weil suspekt ist, was sich nicht fügt und einfügt.
Es wäre schade, sollte jemand wie Bauer in der Masse der Lyrikerinnen und Lyriker, die momentan von sich reden machen, verloren gehen, allein deshalb, weil der Autor so gar keinen Wind um seine Literatur macht. Deshalb ist Julian Schutting und Robert Schindel, die die Juroren-Arbeit für den Priessnitz-Preis bewältigt haben, zu danken, dass sie Christoph W. Bauer für würdig befunden haben, diese Auszeichnung entgegenzunehmen. Sie haben einen Lyriker gekürt, der im Sinne von Priessnitz der Avantgarde verpflichtet ist, der nicht leicht und gefällig den Markt bedient und an einem unabgeschlossenen, vielleicht unabschließbaren Projekt der Erkundung der Welt mit den Mitteln der Sprache, seiner eigenen Sprache, arbeitet. Zwei Gedichtbücher hat Christoph W. Bauer bislang veröffentlicht: 1999 erschien der Band "wege verzweigt" und in diesem Frühjahr der Band "die mobilität des wassers müsste man mieten können". Im Haymon Verlag hat er gute Unterkunft gefunden.
Worin besteht die Eigenart Bauers? Die neuen Gedichte stehen unter dem Programm der Nachgiebigkeit. So wie Wasser möchten sie sein, in alle Ritzen eindringen, in die Ritzen und Fugen unseres Gedächtnisses. Sie füllen diese aus mit ihrer Phantasie, die sich einmal kühn vorwagt wie die Flut, um sich dann wieder unvermittelt zurückzuziehen. Sie kommen nicht mit Botschaften, kippen aber Weisheiten gnadenlos. Wo Eindeutigkeit vorherrscht, muss Mehrdeutigkeit Platz greifen. Bauers Gedichte zeigen kein Interesse, Klarheit zu schaffen. Mit Sicherheit und Selbstgewissheit prunken sie nicht. Sie sind Bewegung, sie machen das Unterwegssein zu ihrer Sache. Andere wollen genau und immer genauer Auskunft geben über Befindlichkeiten und Zustände, den Schwindel der Gefühle und den Rausch der Sinnlichkeit, bei Bauer kommt es an auf die Reise der Wörter durch das Land der Assoziationen und Anspielungen: "ein wenig abzudriften ohne zu wissen wohin", das ist die Methode, deren sich die Gedichte bedienen. Selten wird Bauer so deutlich in seinen Aversionen wie hier, wo er sich wehrt gegen den "zwang absolut gesetzter zeichen die mir/das schauen scheiteln und/demarkationslinien ziehen als/wäre poesie auf visa angewiesen."
Lyrik ist angewiesen auf den persönlichen Blick, die individuelle Sprache der Abweichung. Aber warum soll man sich mit jemandem, den man nicht kennt, auseinandersetzen, der noch dazu über eine Sprache verfügt, mit der man auf den ersten Blick nichts gemein hat? Warum soll man sich jemandem anvertrauen, der es darauf anlegt, uns aus dem Gleichgewicht zu bringen?
Mit Bauer, das spricht für ihn, meldet sich kein Besserwisser zu Wort. Er ist ein unabhängiger Geist, der für sich in Anspruch nimmt, den Denksystemen unserer Gegenwart seine eigenen entgegenzusetzen. Jedes seiner Gedichte bedeutet einen neuen Aufbruch. Er setzt einen Beginn, von dem aus es sich in die Ferne denkt. Ein bildhafter, prägender Anfang zieht alles Folgende nach sich: "über nacht narkotisierte kälte das tal ....". Eine Temperatur, ein Gefühl, ein Zustand stehen da, unabweisbar, sie setzen die Sprachmaschine in Schwung. Die pickt sich einzelne Signalwörter heraus, die für die Stimmung des Gedichtes einstehen. So wirken die ersten Zeilen wie ein Naturgedicht im winterlichen Frost. Doch dann kommen die Menschen ins Spiel, die Bewohner des Tals mit ihren handfesten Interessen. Es schneit, und schon weichen "die berge aufgeworfenen argwohn aus den mundwinkeln der einheimischen". Bauer bleibt im Bild. Er nimmt Elemente der Natur, um damit die Erwartungen der Menschen auszudrücken. Die Gedichte nehmen den Weg von der kalten Winterlandschaft in die Düsternis des Skiverleihs. Die Übergänge verlaufen fließend, es gibt keinen Schnitt, keinen strengen Kontrast, der den einen Bereich vom anderen absondern würde. Ein Wort gibt das andere, ein Wort könnte das Stichwort für das nächste sein. Und am Ende weiß man bei Bauer nie definitiv Bescheid.
Da hat einer den Kopf voller Flausen, er möchte hoch hinaus, und dann kommt ihm die Wirklichkeit in die Quere. Er lebt in Mythen, Utopien, fernen Zeiten, und dann holt ihn seine Gegenwart ein. Die Gedichte berichten vom Aufprall der Hoffnungen auf dem harten Boden der Realität. Da sitzt einer vor alten Atlanten, er kokettiert mit den Geheimnissen der Natur, die Gedanken lernen fliegen, sie brechen auf ins Reich der Freiheit.
Rätselhaft wirken diese Gebilde, die zu Zyklen geordnet sich jeweils strengen Disziplinierungsverfahren unterwerfen müssen. Der Autor meint es gut mit ihnen, deshalb züchtigt er sie, lässt sie nicht frei wuchern, sondern bringt sie in ein System. Sie müssten über den Tag hinaus halten, diese Gedichte. Jetzt sind sie angewiesen auf Leser!
Der Priessnitz-Preis könnte der Anlass sein, Aufmerksamkeit zu schaffen für einen Lyriker, dem die Zukunft noch offen steht. Die Öffentlichkeit hat die Chance, einen Autor bei seiner literarischen Entwicklung zu beobachten. Ein Gedichtband ist ja nur eine Zwischenstation auf einem Weg ins Offene. Das nächste Buch wird anders aussehen, aber das jüngste bietet die Voraussetzung, dass der Autor dorthin kommen wird."

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