Jörg Bartel, Foto: Ulrich von BornNRZ-Kulturchef Jörg Bartel ist tot
Er war beseelt vom Schreiben schöner Sätze - und er hat seine Zeitung beseelt: NRZ-Kulturchef Jörg Bartel ist plötzlich und viel zu früh gestorben.

Von Jens Dirksen in der NRZ vom 03.08.2015:

Nicht selten kam er mit diesem Lächeln zwischen Sieg und Seelenfrieden aus seinem Kulturchef-Kämmerchen und sagte: „Ich hab einen schönen Satz gefunden. Lies mal!“ Jörg Bartel schrieb für Leser, das war in jedem Wort zu spüren, und er schrieb durchweg schöne Sätze, weil er Tag für Tag auf die Suche nach dem schönsten ging. Er wusste nur zu gut, dass im wirklich Schönen auch stets das Gute und Wahre daherkommt, um das es in der Zeitung ja eigentlich geht, gehen sollte. Es war nicht zuletzt sein Festhalten an Werten, das Jörg Bartel zu einem großen Journalisten gemacht hat. Und so, wie er beseelt war vom Schreiben schöner Sätze für seine Leser, so hat er seine Zeitung beseelt, die nun Trauer trägt, weil Jörgs Herz aufgehört hat zu schlagen, empörend plötzlich und viel zu früh, mit 58.Er hatte doch noch so viel vor.

So viel.

Jörg Bartel war ungeheuer schnell. Schneller als die allermeisten von uns, im Denken und Urteilen, im Wörterfinden und Sätzebauen. Er trug Herz und Hirn auf der Zunge, er konnte gewaltig ätzen und zürnen. Manche fürchteten ihn deshalb und meistens zu Recht. „Wir können die Mächtigen nicht von ihren Thronen holen“, sagte er mehr als einmal, „aber wir können wenigstens dafür sorgen, dass sie Angst haben.“

Kulturchef mit Hang zum Fußball

Und er dürfte der einzige Kulturchef der Republik gewesen sein, der seine Gegenspieler auf dem Platz mit dem Pelé-Trick nassmachen konnte. Das Aufwachsen im Essener Stadtteil Altendorf im Schatten der Kruppschen Hütten hatte ihn, den Sohn eines Schuldirektors, früh geerdet. Das Studium in München hat seine profunde, weit gespannte Bildung abgerundet, er entdeckte seine Neigung zum Theater und liebäugelte mit der Kleinkunst, in der er ein Großer geworden wäre, das ahnten all diejenigen, die seine herzwärmenden, menschenstärkenden Lesungen erlebt haben.

Fast wäre er Germanist geworden, aber das Promotionsstipendium ließ er sausen wie vieles andere – seiner Liebe wegen, nicht nur zu einer Frau, sondern auch zu seinem Revier, zu dem er Essen und die umliegenden Straßenpflaster ebenso zählte wie seine NRZ.

"Eigentlich habe ich Fehler verboten..."Selten hat diese Zeitung einen sprachmächtigeren Nachwuchs eingestellt. Und doch lernte Jörg Bartel als erstes, dass es noch viel zu lernen gab, er sprach stets mit Hochachtung von denen, die ihm das Journalisten-Handwerk beibrachten. Nur wenige Menschen stehen so offen zu eigenen Fehlern wie Jörg Bartel das tat – und niemand konnte sich und die Welt so charmant darüber hinwegtrösten. „Eigentlich“, pflegte er zu sagen, „habe ich Fehler verboten. Aber sie hören einfach nicht drauf!“

Der Witz, mit dem er auf die Zumutungen dieser Welt antwortete, war fast undeutsch. Jeder seiner Scherze und Kalauer hatte Esprit, nicht von ungefähr liebte er seinen Heine und Tucholsky und Bob Dylan und seinen Brecht, den frechen. Mit Nietzsche wusste Jörg Bartel nicht nur das Menschlich-Allzumenschliche zu nehmen; er wusste auch, dass es nicht die eine, unfehlbare Wahrheit gibt und die Welt vielmehr aus den Perspektiven besteht, die Menschen auf sie haben. Er war ein großartiger Redaktionsleiter, der seine Kollegen nicht auf Vorgaben trimmte, sondern nach ihren Stärken, nach Vorlieben fragte und daraus ein Programm zimmerte; denn er vertraute darauf, dass schon das Beste für die Leser herauskommen werde, wenn nur alle das tun, was sie am besten können.

Jörg Bartel gab dem Zufall eine Chance

Er war kein Manager, im Gegenteil: Er gab fast immer dem Zufall eine Chance – und seine kultivierte Geistesgegenwart, sein Tempo ließen Tageszeitungs-Stoff draus werden.

Das hat ihm seinen Weg bei der NRZ bereitet, er wurde rechtzeitig Reporter, um noch vom Sturz der Berliner Mauer zu berichten, er reiste mit Außenminister Genscher nach Teheran und mit Johannes Rau zum Staatsbesuch in die USA. Für seine intensive, einfallsreiche Art zu berichten wurde er mit dem Oscar der deutschen Zeitungsbranche ausgezeichnet, dem Theodor-Wolff-Preis. Gemeinsam mit Kollegen aus der Reportage-Redaktion übrigens, denn wenn er wollte und überzeugt war von der Sache, gab er einen ungemein guten Teamplayer ab – nicht obwohl, sondern weil er von Selbstzweifeln so gut wie nie angekränkelt war.

In "Kolumbus & Co." nahm die NRZ-Familie bei ihm daheim Platz

Jörg Bartel hat den Nachwuchs der NRZ, hat Generationen von Volontären geformt, indem er ihnen Raum zum Wachsen gab und nur hin und wieder einen Ratschlag oder einen kurzen Tritt auf die Bremse. Er hat das Kulturleben an Rhein und Ruhr mit seinen Artikeln nicht nur gespiegelt, sondern geprägt, sein Urteil war mehr als respektiert.

Als sein Vorgänger Gerd Fischer sich aus seiner Wochenend-Kolumne verabschiedete, erinnerte sich Jörg Bartel, dass Fischer mal „Bei uns zu Haus“ geschrieben hatte, wunderbare Familiengeschichten. Das war die Geburtsstunde von „Kolumbus & Co.“, jenen nicht minder wunderbaren Familiengeschichten, in denen der Feuilleton-Chef die gesamte NRZ-Familie bei sich daheim am Küchentisch Platz nehmen oder auf den Herd des exzellenten Kochs blicken ließ, der er war. Das ist der Grund, warum man NRZ-Lesern über sein Privatleben gar nicht mehr viel erzählen muss: Sie wissen eh fast alles.

Das war seine große Kunst: Mit viel (Selbst-)Ironie sich und uns voller Witz zu versöhnen mit all den Schwächen und Ungerechtigkeiten, mit all dem Irrsinn unserer Zeit und dem unabänderlichen Lauf der Dinge. Womöglich wäre er sogar in der Lage gewesen, seine Liebsten und alle, die um ihn trauern, auch heute zu trösten mit einem spontanen Witzwort. Aber er ist ja tot!

Immer noch unfassbar, für uns alle. Mensch Jörg, musstest Du denn wieder so schnell sein?

Wir sind traurig, unsagbar traurig.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]

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