Promovierte Pförtner?
Talentschmiede an der Regnitz für
angehende Autoren - Wer in Bamberg Germanistik studiert, hat gute Aussichten auf
eine erfolgreiche Karriere im Literaturbetrieb
von Caroline Alsheimer (http://www.uni-bamberg.de)
Studieren auf den Taxischein? Über Germanistikstudenten und ihren späteren Werdegang kursieren allerlei böse Gerüchte. Schließlich wird das Fach von vielen zu den eher brotlosen Künsten gezählt. Zumindest an der Uni Bamberg jedoch werden Literatur- und Sprachwissenschaftler nicht für den öffentlichen Personennahverkehr ausgebildet. Vielmehr animiert das lokale "Literaturklima" Studierende dazu, in außergewöhnlichem Maße selbst kreativ zu werden.
Nicht wenige Studenten und
Absolventen sind inzwischen zu viel versprechenden Nachwuchsautoren geworden. Susanne
Schedel etwa. Die 1973 in Werneck geborene Germanistin, die 2003 über W.
G. Sebald promovierte, wurde für ihren von der Süddeutschen Zeitung
gelobten Erzählband "Schattenräume" nicht nur mit dem Staatlichen Förderungspreis
für Literatur des Freistaats Bayern ausgezeichnet. 2001 wurde sie auch zum
Klagenfurter Literaturkurs eingeladen, der im Vorfeld des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs
viel versprechende Talente fördert. Oder Thomas
Kastura, der in Bamberg Diplom-Germanistik mit Schwerpunkt
Literaturvermittlung studierte und seit 1998 hauptberuflich als freier Autor und
Journalist publiziert. Nach mehreren Sachbüchern und dem Buch zum Film
"Epsteins Nacht" erschien 2002 sein Debütroman "Die letzte Lüge",
ein Thriller, der sogar von der ZEIT lobend besprochen wurde. Jüngst erschien
mit "Der rote Punkt" die spannende Fortsetzung.
Literaturvermittler als
Allround-Talente
Damit ist der 38-jährige
Bamberger Romancier Vorbild für jüngere Autoren. Etwa für Kathrin
Schrocke. Die inzwischen preisgekrönte Kinderbuchautorin hat von 1996 bis
2002 in Bamberg Diplom-Germanistik mit Schwerpunkt Literaturvermittlung studiert
und ist der Domstadt auch nach ihrem Studium treu geblieben. Sie erinnert sich
noch gut an die Gerüchte über arbeitslose Germanisten, die unter ihren
Kommilitonen zirkulierten: "Meine Lieblingslegende handelte von einem
promovierten Germanisten, der im Rathaus an der Pforte sitzt." Solche Gerüchte
haben zwar wenig Wahrheitsgehalt, sind jedoch symptomatisch für die Ängste der
Studierenden vor den Berufsaussichten.
Kathrin Schrocke, die sich
von solchen Schauermärchen nicht einschüchtern ließ, hat sich bei ihren
Bewerbungsgesprächen bewusst als Allround-Talent verkauft. Dass die gebürtige
Augsburgerin das konnte, verdankt sie nicht zuletzt ihrem Studium an der
Otto-Friedrich-Universität. "Ich bin immer wieder überrascht, wie viele
Facetten die Germanistik in Bamberg aufweist und wie viele Möglichkeiten sie
offeriert, die eigenen Fähigkeiten auszutesten." Nach dem Studium hat sie
zunächst als Journalistin für eine Frauenzeitschrift geschrieben und anschließend
ein Volontariat im Verlagswesen absolviert. Anschließend arbeitete sie in der
Presseabteilung des Loewe-Verlags mit Schwerpunkt Veranstaltungsmanagement und
Autorenbetreuung. "Ich war auch im Lektorat tätig und habe mich als
Literaturkritikerin versucht", erklärt die 29-Jährige. Außerdem hat
Kathrin Schrocke an einem Aufbaukurs zur Kinder- und Jugendliteratur bei STUBE
in Wien teilgenommen, ein Bereich, "der in Bamberg leider zu kurz gekommen
ist".
Inzwischen hat sie sich als
freie Autorin etabliert und schreibt Erzählungen sowie Kinderbücher. Noch in
diesem Jahr wird ihr Kinderbuch "Lolle und die furchtlosen Zwillinge"
bei Loewe erscheinen. "Den Mut, alle Seiten des Literaturbetriebes kennen
zu lernen und alles in diesem Bereich auszuprobieren, habe ich meiner universitären
Ausbildung zu verdanken." Jüngst wurde sie Drittplatzierte beim
Zigarettenroman-Schreibwettbewerb von jetzt.de und dem Blumenbar-Verlag.
Großes Gewicht der
Gegenwartsliteratur
Auf die kreative Seite der Germanistik, jenseits trockener Seminararbeiten und Referate, wird in Bamberg seit langem viel Wert gelegt. Im Rahmen von Übungen oder in Eigeninitiative von Studierenden werden Stücke inszeniert, Gedichte rezitiert und mittelalterliche Lieder gesungen. Hinzu kommt, dass hier regelmäßig arrivierte Gegenwartsautoren aus ihren Werken lesen und sich den angehenden Literaturwissenschaftlern und Jung-Autoren zur Diskussion stellen. Das große Gewicht, das der Gegenwartsliteratur an der Otto-Friedrich-Universität seit Jahren zukommt, lässt sich an den erfolgreichen Veranstaltungsreihen wie "Literatur in der Universität" oder der Bamberger Poetik-Professur erkennen. (http://www.uni-bamberg.de/split/ndl/poetik/home.htm) In diesem Jahr lasen so prominente Autoren wie Matthias Politycki, Christof Hamann oder Ingo Schulze. Die Poetik-Professur hatten zuletzt Adolf Muschg und Bernhard Setzwein inne.
Diese von dem inzwischen emeritierten Literaturwissenschaftler Prof. Wulf
Segebrecht initiierten Veranstaltungsreihen werden auch unter dem neuen
Lehrstuhlinhaber Prof. Friedhelm Marx fortgesetzt und durch Lehrangebote ergänzt.
"Die Literatur ist auf die wissenschaftliche Kritik und Neugier angewiesen,
die in der Universität kultiviert wird. Die an der Universität betriebenen
Wissenschaften benötigen dringend die Kreativität, Freiheit und
Unkonventionalität, die von der Literatur ausgehen", so der
Literaturwissenschaftler. Für den kommenden Herbst sind Lesungen u.a. mit Ralf
Rothmann, Klaus Böldl
und Thomas Meinecke
geplant. Und die Poetik-Professur 2005 wird mit Uwe Timm erneut ein renommierter
Autor übernehmen.
"Ich kenne kein
germanistisches Institut an einer deutschen Universität vergleichbarer Größe,
an dem sich im Laufe eines Semesters mehr Autorinnen und Autoren präsentieren
als in Bamberg", erklärt auch Hans-Peter Ecker, Professor für Neuere
deutsche Literaturwissenschaft und Literaturvermittlung, stolz. Personell,
materiell und organisatorisch unterstützt wird die Universität vom E.T.A.-Hoffmann-Theater,
dem Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia, den örtlichen Buchhandlungen
wie "Collibri" oder "Görres" sowie von Verlagen und Kinos
der Region. "Bei diesem 'Klima' konnte es fast nicht ausbleiben, dass
Studierende der Bamberger Germanistik in einem ungewöhnlichen Maße selber als
Redakteure, Herausgeber und Beiträger von Büchern, Zeitschriften und
Internetseiten, als Schauspieler und Regisseure, als Kabarettisten und
Veranstalter literarischer Events, als Organisatoren von Ausstellungen und eben
auch als Autorinnen und Autoren fiktionaler Literatur kreativ geworden
sind", so Ecker.
Keine trockene
Germanistenprosa
Tatsächlich hat der Bezug
zur Praxis bei der Bamberger Germanistik Tradition. So lädt die Universität
erfolgreiche Praktiker aus Redaktionen oder Verlagen ein, Lehraufträge zu übernehmen.
Eine gute Gelegenheit für Studierende, erste Kontakte zu knüpfen oder für ein
Praktikum oder eine freie Mitarbeit "vorzufühlen". Häufig handelt es
sich bei diesen Lehrbeauftragten selbst um Alumnis der Bamberger Germanistik,
die heute erfolgreich als Lektoren, Journalisten, Buchhändler,
Literaturagenten, Werbetexter, Pressereferenten und Öffentlichkeitsarbeiter
oder Literaturkritiker tätig sind.
Oder eben als Schriftsteller
und Publizisten. Dabei scheinen Autoren, die in Bamberg Germanistik studiert
haben, auch ein verbreitetes Vorurteil zu widerlegen, wonach
Literaturwissenschaftler nur eine eher ungenießbare, lebensferne
"Germanistenprosa" produzierten. Martin
Rehfeld, der kurz vor dem
Abschluss seines Germanistik-Studiums steht, sieht das auch so. Für den jungen
Autor, der sich auch als Texter einer Ulmer Band übte, spielen universitäre
Aspekte eine wichtige Rolle: "Die wissenschaftliche Beschäftigung mit
Literatur zwingt zur Reflexion der Gründe für das Wie des Schreibens". Jüngst
wurde der Student mit dem Förderpreis des Programms zur Förderung junger Ulmer
Künstler in der Sparte Literatur ausgezeichnet. Aus diesem Anlass las er im
Rahmen des 95. Katholikentages in Ulm in einer eigens dafür georderten
Literaturstraßenbahn aus seinen Gedichten und präsentierte eine
Kurzgeschichte. An der Universität ist er mitverantwortlich für den
Webauftritt des Studienschwerpunkts Literaturvermittlung.
"Gegen die literarischen
Hervorbringungen von Literaturwissenschaftlern kursieren hartnäckige
Vorbehalte", ergänzt Hans-Peter Ecker. "Produktionen von Germanisten
gelten als langweilig, wenig welthaltig, dafür aber um so mehr als überfrachtet
mit bildungsbürgerlichem Bücherwissen, kurz gesagt – als reichlich verkopft".
Das Mantra deutscher Literaturkritik, das sich am platonisch-romantischen Mythos
eines von höheren Mächten inspirierten "wahren Dichtertums"
orientiere, werde durch viele Wiederholungen indes nicht wahrer, wie viele
Biographien arrivierter Autoren zeigten, welche ein einschlägiges Studium
aufweisen. Es scheint eigentlich nur plausibel, "dass jeder Autor immer
auch zunächst ein Leser gewesen ist, der sich gründliche Kenntnisse der zur
Verfügung stehenden Genres, Stoffe und Motive, Techniken und Muster angeeignet
haben muss", erklärt Ecker.
Utopie: ein
"Literatur-Netzwerk Bamberg"
Auch der Jung-Romancier Martin
Beyer hat in Bamberg Germanistik studiert. Vor zwei Jahren, noch während
seines Studiums, veröffentlichte der gebürtige Frankfurter mit 26 Jahren
seinen Debütroman, sein Titel: "Hinter den Türen". Inzwischen ist längst
ein zweiter Roman in Arbeit. Vorurteile, dass das Studium der Germanistik die
Lust am Lesen und eigenen Schreiben abtöte, kann Martin Beyer nicht verstehen,
im Gegenteil. "Man darf behaupten, dass das Lehrpersonal in Bamberg
Enthusiasmus und wissenschaftliche Exaktheit vorzuleben und zu verbinden weiß".
Andererseits freilich reicht ein noch so guter Germanistik-Studiengang nicht
aus, um ein guter Autor zu werden, betont er: Dazu "braucht es viel
Handwerk, Ausdauer, Geduld – und das, was man Talent und Phantasie
nennt."
Was der Bamberger Germanistik
noch fehle, sei, "dass man das Schreiben in Übungen lernt", in Kursen
für kreatives Schreiben etwa. Auch eine Art "Literatur-Netzwerk
Bamberg" hält der Autor für wünschenswert, in dem Lehrende, Studierende,
Autoren oder Vereine wie der Bamberger Germanistenclub sowie das Internationale
Künstlerhaus Villa Concordia mehr noch als bisher ihre Kräfte bündeln, bei
Projekten kooperieren und so Synergien erzeugen können. "Die Mitarbeit von
Studenten an der 'Herbstlese' (Bamberger Literaturtage) oder dem
Fragmente-Literaturpreis (2000 in Bamberg vergeben) waren viel versprechende Ansätze,
die man weiterverfolgen könnte." Die an solchen Veranstaltungen
beteiligten Studierenden würden Kompetenzen von der Detailarbeit bis zum
Kulturmanagement erwerben, was gerade auch angehenden Autoren zu gute komme, die
lernen müssten, Kontakte zu pflegen, Förderungen zu akquirieren, sich zu präsentieren
und in Netzwerken zu arbeiten.
Die Grundlagen für eine
fruchtbare Begegnung von Germanistik und Literatur sind, so Martin Beyer, in
Bamberg alle vorhanden. Es liege an der Eigeninitiative der Studenten selbst,
mehr und Neues daraus zu machen. Martin Beyer beispielsweise hat zusammen mit
der Studentin Nora
Gomringer vor zwei Jahren den BeGo-Verlag gegründet. Gemeinsam geben die
beiden seitdem die Anthologie "Best of Poetry Slam Bamberg" heraus.
Studentische Projekte wie der
Poetry Slam
Auch Nora Gomringer gestaltet
die Bamberger Literaturszene aktiv mit. Durch den von ihr mit ins Leben
gerufenen Poetry Slam erhalten viele Studierende die Möglichkeit, ihre Texte
der Öffentlichkeit zu präsentieren. Vor zwei Jahren hat Nora
Gomringer in
Bamberg mit dem Studium der Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte begonnen.
"Mittlerweile ist daraus das Streben nach einem MA Anglistik geworden, mit
dem Nebenfach Germanistik", erklärt die Autorin, die schon mit 19 ihren
ersten Gedichtband veröffentlichte. Neben ihrem Studium arbeitet Nora Gomringer
an kulturellen Projekten in und um Bamberg mit, spielt Theater und rezitiert.
2002 hat sie ihren zweiten Lyrikband "Silbentrennung" veröffentlicht.
Die ZEIT forderte damals in einer Besprechung ihrer Gedichte: "Solches darf
jedenfalls nicht ungelesen bleiben."
Ganz soviel Anerkennung hat Uwe Niederdräing noch nicht erfahren. Er studiert in Bamberg Germanistik mit Schwerpunkt Journalistik und schreibt Kriminal- und Gruselgeschichten sowie Theaterstücke. Schon als Schüler schrieb er ein Schauspiel und inszenierte es auf der Schulbühne. Außerdem bearbeitete er als Dramaturg das Volksstück "Doktor Eisenbarth" von Werner Müller über den Wanderarzt Johann Andreas Eisenbarth. Immerhin wurde seine Bearbeitung beim Doktor-Eisenbarth-Festspiel in Oberviechtach in der Oberpfalz aufgeführt. Auch aus Niederdräing dürfte also eher ein Autor als ein Taxifahrer werden.
Leseprobe I Buchbestellung I home 0804 LYRIKwelt © Caroline Alsheimer