Hugo Ball, ch

Hugo Ball

Die Kunst des Da(da)gegen
Als vor hundert Jahren, am 5. Februar 1916, Hugo Ball das Zürcher „Cabaret Voltaire“ gründete, da hätte er von der Zukunft wohl nichts weniger gewünscht als eine kulturhistorische Würdigung zum hundertsten Geburtstag der Dada-Bewegung. Mit seiner Freundin Emmy Hennings führte er in der Spiegelgasse durch Abende, welche die Gegenwart spiegelten, nein – zerrspiegelten: absurd, originell, subversiv, unberechenbar. Bald stieß Dichter Tristan Tzara zu ihnen, und vielleicht würden wir ihnen allen nicht durch das Lesen, sondern durch das Zerschneiden dieses Textes die größere Würdigung erweisen: Indem wir Tzaras Anleitung zu einem dadaistischen Gedicht befolgen – und die Schnipsel der einzelnen Wörter ganz neu zusammensetzen.
Von Britta Heidemann in der WAZ vom 05.02.2016:

Oder auch die einzelnen Buchstaben. Um eine wegweisende Zeile aus Hugo Balls Gedicht „Gadji beri bimba“ zu zitieren: „gaga die bumbalo bumbalo gadjamen“.

Was ist Dada? Für einen Dadaisten ist schon die Frage falsch: „Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt“ (Hugo Ball), „Dada ist ein Geisteszustand“ (André Breton) und: „Wir waren alle schon dada, bevor es dada gab“ (Hans Arp). Denn Dada ist eine Antibewegung. Dada ist das Programm, kein Programm zu haben. Ist der Club, der kein Club sein will. Ein -Ismus, der den -Ismus ablehnt.

Noch nicht einmal Sinn (oder Unsinn) der Namensgebung sind bekannt; es konkurrieren die Legenden: 1. Hugo Ball stach mit einem Messer in ein Wörterbuch und traf das Wort „dada“, französisch für Steckenpferd. 2. „Dada“ ist benannt nach einer damals in Zürich (tatsächlich) beliebten Seife. 3. „Dada“ wurde schlicht der Kindersprache abgelauscht. Oder 4.: Tristan Tzara, ein Rumäne, unterbrach seinen Redestrom immer wieder mit „da, da“, übersetzt: „ja, ja“; und Hugo Ball fand das lustig.

Sicher ist: 1916 war Zürich der Fluchtort europäischer Exilanten vor einem Weltkriegsgrauen, das die bürgerliche Ordnung bereits zerstört hatte – Hugo Ball und Emmy Hennings, Tristan Tzara und Marcel Janaco, Richard Huelsenbeck, Hans Arp, Sophie Taeuber und ab 1918 Walter Serner trafen sich zu legendären Abenden. Hugo Ball trug im Korsett eines Kostüms Lautgedichte vor, welche die Alchemie des Wortes preisen sollten: „Ich lese Verse, die nichts weniger vorhaben als: auf die Sprache zu verzichten. … Ich will keine Worte, die andere erfunden haben.“ Auch gemeinsam, simultan und mehrsprachig, konfrontierten die Dadaisten ihr Publikum mit ihren Texten; so unverständlich wie das verrückte Leben da draußen.

Kurt Schwitters mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (1981, Rowohlt, von Ernst Nündel)

Kurt Schwitters

Von Zürich aus zog Dada genau dorthin: Mit Richard Huelsenbeck gelangte Dada ab 1917 nach Berlin, verbreitete dort (so Alfred Kerr) „Ulk mit Weltanschauung“. Anfang 1920 brachte Tristan Tzara Dada nach Paris, gründete mit André Breton und anderen den Kreis „Saint Dada“, dessen Aktionen und Ideen dem Surrealismus den Weg bereitete. Die Weigerung, eigene Kunstrichtung oder Schule sein zu wollen, bescherte Dada schließlich einen frühen Tod und, so paradox es klingt, zugleich ewiges Leben: Wenn Dada alles ist, ist auch alles Dada.

Einflüsse der Bewegung auf nachfolgende Künstler lassen sich zuhauf finden: von Ernst Jandls Unsinnstexten der Nachkriegszeit über Jörg Immendorffs Aktionsprojekt LIDL Ende der 60er-Jahre bis hin zum heutigen Helge-Schneider-Nonsens. Vor allem aber lebt Dada als Geist des Widerstands: „Dada ist ewig“, schrieb Kurt Schwitters: „Denn stets ist die Reinigung der Kunst durch irgendwelche Art von Dada nötig.“ Britta Heidemann

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0216 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Westdeutsche Allgemeine