Ohne
Chef auf eigene Rechnung.
Ein bedingungsloser Aufklärer: Zum Tod des Frankfurter Schriftstellers und
Intellektuellen Lothar
Baier
Von Rudolf Walther in der Frankfurter
Rundschau, 15.7.2004:
In seinem wichtigsten Buch (Französische Zustände,
1982), berichtet Lothar Baier von einem französischen Bauern, der ihm bei einem
Glas Pastis erklärte: "Wir arbeiten beide ganz ähnlich, ohne Chef und auf
eigene Rechnung." Auf nichts bestand Baier so sehr wie auf seiner
intellektuellen und politischen Unabhängigkeit als "homme de
lettres". Dem Konformismus des 68er Juste Milieu, das sich für Karriere
und politisch-intellektuelle Begradigung seiner Geschichte mehr interessiert als
für das Erbe von Kritik und Aufklärung, konnte er schon vor 1989 nichts
abgewinnen. Danach attackierte er die rundgeschliffenen unter seinen Gefährten
mit Vehemenz.
Lothar Baier lehnte das Angebot einer großen Zeitung, das Literaturressort zu
übernehmen, ebenso ab, wie er keine intellektuelle Mode mitmachte. Den
Schaumschlägern aus dem "engen Käfig des 5. und 6. Arrondissements",
die Ende der 70er Jahre als "neue Philosophen" auftraten, aber sich
wie Hofsänger am Tisch von Staatspräsident Giscard d'Estaing zum Essen trafen,
misstraute er ebenso wie den Pariser Großintellektuellen vom Collège de France
mit ihrer "permanenten Wichtigtuerei". Zunächst war Baier fasziniert
"vom flottierenden, sich dem analytischen Zugriff entziehenden und
assoziierenden Denken der Deleuze, Guattari, Lyotard, Baudrillard, Lévy,
Glucksmann und Virilio. Er schrieb 1974 für die FAZ eine begeisterte Rezension
des Anti-Ödipus von Félix Guattari und Gilles Deleuze. Als er kurz
danach merkte, wohin die Reise der Gegenaufklärung führt, nahm er sein Lob öffentlich
mit der Bemerkung zurück, Hunger sei nicht unbedingt der beste Koch.
Am 1942 in Karlsruhe geborenen Intellektuellen und Übersetzer besticht die
Vielfalt seiner Interessen; er betreute den literarischen Teil der deutschen
Sartre-Ausgabe; er beschäftigte sich mit den mittelalterlichen Ketzern (Die
große Ketzerei, 1984) ebenso wie mit einer autobiographischen Erzählung (Jahresfrist,
1985). Sie handelt von Baiers Versuch, sich in Südfrankreich niederzulassen. Es
ist der ergreifende Bericht seines Scheiterns. Mit dem Scheitern des radikalen
Humanisten Jean Améry, der 1978 den Freitod wählte, verband ihn die unbedingte
intellektuelle und moralische Redlichkeit. 1985 erhielt Lothar Baier als Erster
den Jean-Améry-Preis.
Mit dem Buch Firma Frankreich (1988) legte Baier eine Abrechnung mit dem
Régime Mitterrands vor, in das er - wie viele Linke 1981 - große Hoffnungen
gesetzt hatte.
Als freier Autor arbeitete er für die taz (für die er 1987 als einziger
deutscher Journalist den Barbie-Prozeß in Lyon vom ersten bis zum letzten Tag
verfolgte), für die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Rundschau,
für die Zeit, für den Merkur und insbesondere für die Zürcher Wochenzeitung
(bei der er eine Redaktionsstelle hatte) sowie für den Berliner Freitag.
Seit den neunziger Jahren lehrte Lothar Baier an der Université de Montréal.
Hier entstanden eine Anthologie zur französischen Literatur aus Québec sowie
eine Essaysammlung mit dem Titel: Keine Zeit. 18 Versuche über die
Beschleunigung (2001). Die reaktionären Konnotationen des Geredes über
Identität kritisierte er schon 1985 scharf, denn zu seiner Identität gelange
"der Prozess Mensch früh genug und ganz von allein, und zwar mit dem
Tod." Darauf mochte der seit Jahren unter Depressionen leidende Autor nicht
mehr warten. Er setzte seinem Leben letzte Woche in Montreal ein Ende.
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