Gertrud
Bäumer: Der Kampf um die
"neue" Frau
Von
Kirsten Niesler im
Heimatbuch Hagen und Mark, 1989:
"Der Pflug ist das erste. Die Erde, die Frucht bringen soll, muß aufgerissen werden. .. Die Erde lehrt: Wenn du Früchte bringen willst - das erste ist der Schmerz."
Mit diesen Worten beendete Gertrud Bäumer ihren im Adelsmilieu spielenden Roman "Der Park", der um 1937 eine Auflagenhöhe von immerhin 39 Tausend erreicht hatte. Die Schlußworte des Romans könnten das Lebens-Resümee der Autorin sein, die zeit ihres Lebens keine Mühe und keinen Konflikt scheute, wenn es um die Durchsetzung ihrer Ideale und ihrer politischen Zielsetzungen ging. Gertrud Bäumers Name ist vor allen Dingen durch ihren Einsatz in der Frauenbewegung unvergessen geblieben, doch schuf sie außerdem eine beachtliche Anzahl Romane und romanhaft idealisierende Biographien. Gerade in ihren literarischen Äußerungen formulierte Gertrud Bäumer verschlüsselt die Ideale und Zielsetzungen, die sie als Politikerin zu realisieren suchte. Allen ihren Gestalten ist gemeinsam, daß sie durch vorbildhaftes Denken und Handeln - häufig in Widerstreit zu ihrer Umgebung -, den Zeitgenossen des beginnenden 20. Jahrhunderts Lehrmeister im "Menschentum" sein sollten. Wie die Langobarden in "Der Berg des Königs" zur Wanderung aufbrachen, sollten die modernen Menschen bereit sein, neue geistige Ufer zu beschreiten. Gertrud Bäumers "Dante"-Roman enthält die Botschaft, daß Menschwerdung nur durch die christlich verstandene "Macht der Liebe" möglich sei wie auch ihre biographisch orientierte "Rilke"- Interpretation schon im Titel den christlichen Grundton offenbart: "Ich kreise um Gott - Der Beter Rainer Maria Rilke" (1935).
Zweifellos folgte Gertrud Bäurner mit ihren Biographien und Persönlichkeitsporträts einer Modeerscheinung. Trotz des unverkennbaren Erfolgs ihrer Bücher, der sich u. a. in Auflagenhöhe und Ehrung durch die Deutsche Dante-Gesellschaft ausdrückte, wäre es ihr mit diesen Werken allein wohl kaum gelungen, in die Reihe unvergessener Frauenpersönlichkeiten des beginnenden 20. Jahrhunderts aufzurücken. Genügend Muße für literarische Betätigung fand sie erst nach 1933, nachdem sie aus allen politischen und sozialen Positionen verdrängt worden war.
Gertrud Bäumer wurde 1873 als Tochter des reformierten Pfarrers in Hohenlimburg geboren. Gestorben ist sie 1954 in Bielefeld-Bethel. Nur drei Jahre verbrachte sie in ihrem Geburtsort, dann wurde der Vater nach Cammin in Pommern versetzt, und 1882, nach seinem frühen Tode, zieht Gertrud Bäumers Mutter mit ihren drei Kindern nach Halle an der Saale zur Großmutter, 1888 nach Magdeburg. Mit neunzehn Jahren, nach zweijähriger Ausbildung, wird Gertrud Bäumer Lehrerin in Kamen, anschließend in Magdeburg. Die Begegnung mit dem Geistlichen der Inneren Mission in Frankfurt, dem späteren Gründer der Deutschen Demokratischen Partei, Friedrich Naumann, und mit der Frauenrechtlerin Helene Lange weisen Gertrud Bäumer ihren künftigen Weg. Als eine der ersten Frauen Deutschlands promoviert sie 1904 in Berlin. Mit Helene Lange verbindet sie seit 1899 eine enge Arbeits- und Lebensgemeinschaft. Mit ihr zusammen gibt sie ab 1901 das fünfbändige Standardwerk der deutschen Frauenbewegung heraus, sowie die Zeitschrift "Die Frau". Seit 1912 Mitherausgeberin der Wochenschrift "Die Hilfe" unterstützt sie die Aktivitäten Friedrich Naumanns. Von 1910-1919 steht sie an der Spitze des Bundes deutscher Frauenvereine und hält dessen Entwicklungsgeschichte 1921 für die Nachwelt fest. Die Reform des Mädchenschulwesens und die Erkämpfung des Wahlrechts für Frauen sind zum großen Teil ihrer Kampfbereitschaft zu verdanken wie sie sich auch besonders für die Gleichstellung lediger Mütter einsetzte.
Gertrud Bäume suchte der Vermassung des Menschen, wie sie sich in dem beängstigenden Wachstum der Großstädte und der Veränderung der Arbeitsmethoden vom familiären zum industriellen Betrieb zeigte, entgegenzuwirken, indem sie humanitäre und christliche Ideale als Leitbilder voranstellte. Unter diesem Zeichen standen sowohl ihre politischen als auch ihre schriftstellerischen Arbeiten. Seit 1919 war sie in der Nationalversammlung Abgeordnete der Demokratischen Partei, bis (1932 gehörte sie dem Reichstag an).
Wie eng die Verbindung zwischen literarisch-historischem Rückblick und aktueller Sozialpolitik war, zeigt Gertrud Bäume in dem Vorwort zu ihrem Werk "Gestalt und Wandel", das 1939 in Berlin erschien. Hier stellte sie bedeutende Frauen der älteren und der jüngeren Vergangenheit nebeneinander wie z. B. Heloise, Frau von Humboldt, Caroline Schelling, Bettine von Arnim, Maria Theresia, Louise Otto-Peters, Lou Andrea Salomé oder Eleonore Duse. In dem Vorwort schreibt Gertrud Bäumer: "Die wahre Frau. Es ist merkwürdig, daß dieses Wort, auf die Frau angewendet, etwas anderes bedeutet, als wenn man sagt ,ein wahrer Mann: Auf den Mann angewendet, bezeichnet es die großen, seltenen Persönlichkeiten, die Helden, in denen die Eigenschaften ihres Geschlechtes zugleich in einer großen, menschlichen Form erscheinen. Bei der Frau meint das Wort fast immer den Typus schlechthin, der nicht noch durch eine bedeutende individuelle Prägung abgewandelt ist ... Das Wort wahr' drückt in diesem Gebrauch meist eine Begrenzung aus - rühmend: sie ist nichts als Frau und will nichts als Frau sein. Auf den Mann angewendet, bedeutet es das Gegenteil: eine Steigerung." (S. XI)
Hier einen Bewußtseinswandel zu erreichen, schilderte Gertrud Bäumer Frauen, deren Persönlichkeit und Begabung sich nicht mit dem Frauenklischee vereinbaren ließen und die demzufolge in steter Spannung zwischen eigenen Vorstellungen und dem traditionellen Frauenbild jonglierten. Das Beispiel dieser Persönlichkeiten sollte den Zeitgenossinnen Gertrud Bäumers Mut machen zu eigener Entwicklung. Ihr eigener Werdegang wäre für eine solche Zielsetzung nicht minder geeignet.
Quellen: Gertrud Bäumer: Der Park, Berlin 1937. Dies. : Gestalt und Wandel, Frauenbildnisse, BerIin 1939
Literatur: Wilhelrn Schulte: Westfälische Köpfe, 300 Lebensbilder bedeutender Westfalen, Biographischer Handweiser, Münster 1963. Wilhelrn Bleicher: Gertrud Bäumer - Lebensweg durch eine Zeitenwende, in: Hagener Heimatkalender, 20. Jahrgang, 1979, S. 120 - 124
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