1.) - 2.)
Lyriker Wolfgang Bächler
zum 80.
Von Christine Diller aus dem Münchner
Merkur, 21.3.2005:
"Doch dann wuchs mir/ ein Baum aus der
Brust,/ verzweigte sich, trieb Blätter./Wie sollte ich je wieder aufstehen können/
mit diesem Baum in der Brust?/ Wie durch die Türe gehen?/ Leichter wächst da
mein Baum/durch die Zimmerdecke, durch das Dach,/ Ja, nur so kommen wir aus dem
Haus."
Mit Wolfgang Bächler und seiner Lyrik verhält
es sich ein wenig wie mit diesem Traumbild-Gewächs. Das, was in dieser
Dichterseele so drängend gedeiht, beschwert und befreit zugleich die Brust. Es
behindert die gewöhnliche Fortbewegung und erschafft dabei einen fulminanten
Auftritt: "Durch das Dach,/ Ja, nur so kommen wir aus dem Haus."
Es scheint, als sei in diesen Worten die Tragik dieses Dichterlebens enthalten.
Wolfgang Bächler, 1925 in Augsburg geboren und einer der wichtigsten
Nachkriegsdichter, wird heute 80 Jahre alt. Nach Arbeits- und Kriegsdienst und
zwei Kriegsgefangenschaften, die in dem jungen Bächler ihre Traumata hinterließen,
gründete er als jüngstes Mitglied die "Gruppe 47" mit. Gottfried
Benn etwa hielt viel von ihm: "Er hat persönliches Erleben und Mut zu
offener, sammelnder wie zerstörerischer Form."
Tragik des Dichterlebens
Auch Thomas Mann wurde auf seine "echte
Lebensinbrunst" aufmerksam und beobachtete an Bächler "viel von der
Qual und der Zerrüttung der Zeit". Mit seinem Roman "Der nächtliche
Gast" und dem Gedichtband "Die Zisterne" hatte der junge Bächler
1950 sogleich großen Erfolg. Weitere Gedichtbände folgten. In Vergessenheit
geriet Bächler ein wenig, als er für zehn Jahre nach Frankreich verschwand, wo
er verheiratet war.
Seit 1967 lebt er wieder in München. 1976 schrieb Heinrich
Böll: "Es gehört
zu den Merkwürdigkeiten unserer Verschleißübungen, dass ein Lyriker
wiederentdeckt werden muss, der längst entdeckt war." Und das blieb bis
heute Bächlers Dilemma. Immer wieder geplagt von Depressionen, scheute er die
ganz große Öffentlichkeit, hatte Arbeitsblockaden. "So fern in der Nähe
warst du mir,/ so nah in der Ferne", heißt es in einem seiner
Liebesgedichte. Nah und fern ist Bächler selbst dem Publikum geblieben. Die
Monacensia und der S. Fischer Verlag ehren ihn mit einer Soirée.
Heute, 20 Uhr, Monacensia. Tel. 089/ 419 47
20.
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Leseprobe
I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Münchner Merkur
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2.)
Ein Deutscher ohne Deutschland
Zum 80.Geburtstag des
Schriftstellers Wolfgang
Bächler
Fällt sein Name dann folgt fast immer die despektierliche
Nachfrage: was, der lebt noch? Und tatsächlich hatte ihn die ‚Süddeutschen
Zeitung‘ bereits Anfang 1999 mal so en passant für tot erklärt. Wolfgang
Bächler gehört zu jenem, in der grassierenden Zeithatz immer größer
werdenden Kreis deutscher Schriftsteller, deren Vita und Werk schon zu
Lebzeiten längst vergessen sind. Wer außer den professionellen
Literaturhistorikern oder den wenigen noch lebenden Zeitgenossen erinnert
sich denn noch an Lyrikernamen aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten? Und
Bächler gehörte auch nicht zu den Autoren, die Eingang in die Schulbücher
oder in irgendeinen Kanon gefunden haben. Sein Werk ist sehr überschaubar.
Man findet den einen oder anderen Lyrikband vielleicht noch in den Regalen
irgendwelcher Antiquariate in abgelegenen Seitenstraßen. In diesen schmalen
Bänden lesend, wird man aber schnell auf Gedichte stossen, die einen
aufmerken lassen. Wäre das Wort nicht so sehr inflationär verkitscht, käme
einem bei der Lektüre seiner Liebesgedichte das Urteil 'herzzerreißend'
leichter über die Lippen. "Bahnhof. Regen/Der Zug hat Verspätung./Ich warte
auf dich./ Aber so lange kann kein Zug sich verspäten,/ wie ich gewartet
habe/ auf dich/ bevor ich dich kannte.”
Dass ein Dichter wie Wolfgang Bächler heute so sehr an den Rand der
literarischen Aufmerksamkeit gerückt ist, kann man nur mit Kopfschütteln zur
Kenntnis nehmen. Aber auch als Zeitzeuge des literarischen
Nachkriegsdeutschlands ist Bächler von großer, selten registrierter
Bedeutung.
Wolfgang Bächler hat die Nazi-Jahre einschließlich den Kriegseinsätzen noch
sehr bewusst miterlebt. In dieser Zeit hat er das Zittern vor dem Feind
gelernt. "Die jungen Deutschen meines Alters hatten besser schießen als
lesen und schreiben gelernt...Ich sollte auch schießen lernen. Aber meine
Hand zitterte, wenn ich schießen mußte. Ich traf die Zielscheibe nicht...Ich
traf die Menschen nicht... Ich schoß immer daneben. Ich hätte nur mich
selber erschießen können."
Seine Träume, von denen er viele auch niedergeschrieben hat, sind voll mit
Motiven der Gewalt, die ihn noch Jahrzehnte nach Kriegsende beherrscht
haben. In den Archiven deutsch-deutscher Schriftstellertreffen in den
fünfziger und sechziger Jahren, stößt man auffallend oft auch auf den Namen
Bächler. Es existieren literaturhistorische Texte über die ”Gruppe 47” in
denen der Name Bächler nicht einmal erwähnt wird, obwohl er zu deren
Gründern gehört hat. Ein "A dabei", einer der jedem literarischen Ereignis
teilgenommen hat, war Bächler jedoch nie. Irgendwie bewegte und schrieb
dieser oft unter schweren Depressionen leidende Mann immer am Rande der
allgemeinen Aufmerksamkeit. "Ich bin”, hat er einmal geschrieben, "ein
Sozialist ohne Parteibuch, ein Deutscher ohne Deutschland, ein Lyriker ohne
viel Publikum ... kurzum ein unbrauchbarer, unsolider, unordentlicher
Mensch, der keine Termine einhalten und keine Examina durchhalten kann und
Redakteure, Verleger und Frauen durch seine Unpünktlichkeit zur Verzweiflung
bringt."
1950 wurden erste Gedichtbände publiziert. Weitere folgten, bis dann Anfang
der achtziger Jahre der letzte Band "Nachtleben" erschien. Dass der so
publikumsscheue Bächler noch weitere Manuskripte in der Schublade hat, kann
man nur hoffen. Für seine Gedichte hat er immerhin einige Literaturpreise
und viel Lob renommierter Kollegen erhalten.
Thomas Mann schätzte ihn ebenso wie
Gottfried Benn oder
Peter Huchel. In den letzten Jahren ist
es immer stiller um Wolfgang Bächler geworden. Gelegentlich sah man ihn noch
durch München streifen. Und noch seltener konnte man ihn bei Lesungen
anderer Schriftsteller schweigend in den letzten Reihen sitzend entdecken.
Die, die ihn kannten und die seine wunderschöne Lyrik liebten, erhofften
sich dabei immer, dass er doch noch einmal vor das Mikrophon tritt und neue
Gedichte präsentiert. Aber man wartete immer vergebens. Man mußte sein
"Schweigen annehmen", wie er es selber einmal erbeten hatte. Wolfgang
Bächler wurde am 22. März 80 Jahre alt. Wir haben ihn nicht vergessen.
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