Jochen Arlt läuft,1982,  Foto:Mit freundlicher Genehmigung von J.A. (hf0509)Vom Heimathirsch zum Steppenwolf
Jochen Arlt: Literatur aus dem Rheinland mit Köln-Herz und Eifel-Blut
Von Hartmuth Malorny aus dem titel-magazin vom 30.6.2008:

Beispiellos unter den Heimat-Literatur-Chronisten: Als Jochen Arlt 1994 das elfte Mal Prosa und Lyrik von Kollegen aus Köln oder Dortmund, aus Koblenz über Aachen bis Düsseldorf oder Wuppertal zusammentrug, war er im Begriff, sein Jubel-Rheinland-Lesebuch Junger Westen plus begleitender CD vorzubereiten. Bis heute hat der Literaturversammler in 30 Jahren nicht weniger als rund 30 Bücher herausgegeben und verfasst. Nirgendwo in deutschen Landen gibt es eine dichtere regionalbezogene Anthologienfolge als die von Arlt verantwortlich edierten rheinischen Lesebücher (mit satt 700 beteiligten Namen; rem Verlag, Pulheim/Köln).

Jochen Arlts Heimat ist Köln, seine Wurzeln sind schlesisch. “Die gesamte Sippe stammt aus Breslau, wurde 1945 ins Norddeutsche vertrieben”, werde ich schlau gemacht, wiewohl “bereits die Großmutter der Poesie höchst zugetan war.” Geboren ist Joachim Wolfgang Martin 1948 in Langwege, publizierte bis 2000 unter dem Pseudonym Achim von Langwege – eine Hommage an “dieses Drei-Gehöfte-Anwesen nahe Dinklage und Vechta”. Eingeschult in Obermendig / Vulkaneifel, lebt er seit 1957 im Schatten der berühmten gotischen Kathedrale Cöllns. Ich denke, als ich in den Maulbacher Weg zu Houverath – Bad-Münstereifel-Highlands genannt – einbiege, dass die Nr. 21 nur das letzte Haus sein kann, ganz hinten am Waldrand, wo der Busch auf Ausdünnung wartet. Der Morgennebel ist dem ersten Sonnenlicht gewichen, beste Aussichten auf einen schönen Tag. Und im Vorgarten des in der Tat letzten Hauses der Straße hantiert ein Althippie, stutzt das Gebüsch zurecht: mittelgroß, kräftig gebaut, langes schwarzes Haar, Vollbart und salopp gekleidet wie jemand, der noch rasch finale Gartenarbeiten erledigen will bevor der Winter kommt.

Gebüsch stutzender Althippie


“Leeve Jung”, begrüßt mich Jochen, legt die Heckenschere beiseite, strammer Händedruck, lächelnder Blick, denn ein Kölscher Jung ist er durch und durch, aber auch viel mehr, und es liegt nahe, diesen Mann gezielter vorzustellen: Journalist, Schriftsteller, Rezensent, arrivierter Herausgeber wie Lyriker; aus Kölns Literaturaura so wenig wegzudenken wie Haselnusstorten aus Heinos Rathauscafé Münstereifel oder BAP aus der kölnischen Musik. Was würde den rund 700 Autoren fehlen, hätte Arlt ihre Texte nicht zum Leser gebracht? Jeweils eine Veröffentlichung weniger. Und was fehlt ihm? Scheinbar gar nichts. Hier beginnt der Weg eines Dichters, stilistischer Meister der elementaren Verknappung: "Der Regenbogen endet hinter dem Jaucheanhänger".

Gummistiefel, Dufflecoat, Schal, Wanderstock und etwa acht Kilometer weiter: Ein endlos scheinender Waldweg führt uns hoch zur geheimnisumwobenen Wensburg. Ähnlich der zwischen Tannen rechts, Tannen links asphaltierten Serpentinenstraßen, die hinter uns liegen. Freie Sicht übers rostrot bis grünorange leuchtende Lierstal.

“Ist dies der berüchtigte Knüppel, mit dem du neulich in Afrika einen Schakal erschlagen hast?”, will ich erfahren. “Ja, war notwendig.” Es folgt die Story während wir durch Schlamm stampfen, zum Schluss stellt sich heraus, dass er den schwer verletzten Steppenwolf vor einem qualvollen Verenden, vor lauernden Geiern bewahren wollte.

"Der Kopf wird in der Eifel so weit wie der Himmel"


Es geht steil bergauf, was dem Naturburschen nichts ausmacht. Wenn der 57-jährige kurz stehen bleibt dann deshalb, damit ich Luft holen kann. “Der Kopf wird in der Eifel so weit wie der Himmel”, weiß er, “dem ich zuvor in jener Breite ausschließlich auf der Namibia-Farm ehrfürchtig begegnen durfte.”
Die konservierte Ruine droben, Burg aus dem 14. Jahrhundert und Ziel unserer Wanderung, ist im Sommer gelegentlich von Gothic-Jüngern frequentiert: schwarze Messen, Lagerfeuer, verwunschene Romantik, lasse ich mir berichten. Dazu heteronome Blickwinkel, das Morbide, ein umgestürzter Baum wirkt wie eine Brücke, die übers nächste Tal geschlagen ist. "Karges Gelb dämmert aus Mauerbrüchen", versteckt zwischen Ginster, inmitten des modrigen Geruchs und der persönlichen Aufbereitung der Vergangenheit. Jochen Arlt formuliert in seiner lyrischen Prosa weiter: "Wo blieb das Burgfried-Wappen? Als Nachruf ebenfalls hier Schmauchspuren". Mir kommen gleichzeitig zwei Zeilen des geschätzten Poeten in den Sinn, zwei simple Zeilen: "Mohn blüht zwischen Dill und Kerbel / verblüht hinterm Haus ohne Aufwand".
Die Überbleibsel einer dekadenten Schlossherrschaft, vor der wir sitzen, sind ein deutlicher Spiegel der Vergänglichkeit, "ohne Mucks, ohne Regung". Wir genießen den Rest Herbstsonne des Nachmittags, und der Dichter rezitiert schräg wie ernsthaft dreinschauend, die Naturgezeiten im Kopf und Karl Kraus auf der Zunge: “Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.” Beim Abstieg durch den Eifel-Dschungel sind unsere Schatten verdeckt, später waten wir durchs Wasser des Liersbachs, halten vergeblich Ausschau nach Flusskrebsen und Forellen.

Verzicht auf Lohnarbeit und Schichtdienst


Wenn Jochen Arlt redet, hört er nicht so rasch wieder auf. Es gibt eine Menge Gesprächsstoff: über seine Kindheit, Jugend und die Musik, die ihn geprägt hat und anhaltend inspiriert, über Bekanntschaften mit – stellvertretend genannt – Ludwig Hirsch, Drafi Deutscher, Niedecken, Kölns Ex-Milieu-Häuptling Dummse Tünn oder Disco-Pionier und Schlagerdino Roland W., dessen Erfolgsheuler “Monja” sogar Beatles und Stones in den Hitparaden hinter sich ließ. Arlt spricht über die 20 Jahre dauernde Arbeit als Redakteur der Kölnischen Rundschau oder des Stadt-Anzeigers und nennt Hans Knipp, den großen Texter und Komponisten (aktiv für die Bläck Fööss über Celine Dion bis zu Gedichtvertonungen Achim von Langweges), “einen Freund, weil wir uns so selten sehen. Wenn wir telefonieren, dann selten unter zweieinhalb Stunden.”

Doch das alles ist nicht mehr als ein Neun-Zeilen-Abriss, ein äußerst knapper Blick des Erlebten auch als – Arlt über Arlt – “Freischütz” für Zeitschriften, Tageszeitungen, den Rundfunk, für Veranstaltungen in Museen und so fort. Als der Journalist beispielsweise vom Kölner Stadt-Anzeiger zur PR-Abteilung der Bayer AG wechselte und es ihm dort zu langweilig wurde, höhnte sein Chef: “Sie werden es ewig bereuen, aus dem Mutterschoß unseres Weltkonzerns rausgehüpft zu sein.”

Jochen Arlt hat es richtig gemacht. Er hat seine Vorstellungen modifiziert. Seit über zehn Jahren dem Rheinischen Literaturpreis Siegburg als Gründer und Auswahljuror verbunden – Lorbeer sowie 5000-Euro-Schecks u.a. für Petra Hammesfahr, Jürgen Becker, Karl Otto Conrady, Gisbert Haefs, Peter Maiwald, Jo Pestum, Jochen Schimmang – hat ihn der Verzicht auf Lohnarbeit oder Schichtdienst eines Redakteurs “nie wirklich gereut”. Der seit 1991 Selbstständige pflegt ohne Zwang diverse beratende, lektorierende wie organisatorische Arbeiten, hat längst erkannt, dass die Gazetten von Höhenkitsch und Tiefenquatsch beherrscht sind; die Sprache verschleiert, was mit der Sprache enthüllt werden sollte: “Gelegentlich bin ich von mir selbst fasziniert. Trotzdem muss man demütig sein: Lerne zu verlieren, so einst Herr von Langwege, und der Erfolg bleibt dir treu. Dabei sollte man seine Grenzen kennen übern Literaturbetrieb hinaus. Stürze gehören dazu. Aber immer wieder aufstehen, sich aufbäumen, immer wieder, wie ein schwimmendes Pferd.”

Er dichtet, wie man ein Kölsch trinkt


Wir sitzen vorm grünen Holzhaus auf der Raucherbank, die schlammverschmutzten Gummistiefel im Schuppen deponiert. Wir warten. Es ist kalt und dunkel geworden. Ich friere wie ehemals Kaiser Wilhelm II. in Preußisch-Sibirien. Und mich plagt ein dringliches Bedürfnis. Jochen hat keinen Haustürschlüssel, mit dem ist Tochter Christine unterwegs. “Sie wird gleich zurück sein”, beruhigt er. Aus einer Not heraus pinkele ich die Zypressen an. “Der nächste Regen wird´s schon richten”, spricht nach der soundsovielten Zigarette der Mensch Jochen Arlt: “Es landen mehr Leute im Spital, die falsch essen, als solche, die richtig rauchen”. Prinzipiell stellt der Schriftsteller heraus: “Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten so viel für die heimische Literatur getan, dass ich diesbezüglich nicht das geringste schlechte Gewissen haben muss. Es gab einen Intervall, da mochte ich nicht mehr. Wollte nicht aus dem Mund riechen nach Editor und Lyrik. Die Siege sind mir nicht mehr zu nehmen. Was jetzt kommt ist Zugabe. Und ein Gedicht hat eh keine Eile.”

Bis Frühling 2006 ist Arlt in vorläufig fünf Reclam-Anthologien präsent, hat eigene Kompendien in Arbeit, dazu einen Bildtextband mit Stadt-Land-Prosaminiaturen. Eines der längst vergriffenen Arltschen Gedichtbücher heißt "Das Fenster zum Berg". Eifelpoeme, die ohne Verklärung eine metaphorische Ebene anstreben, außerdem zeitkritsches Mahnmal sind, denn, Zitat, "unsere Geschichte riecht nach Gas". Parallel hierzu die resümierende Formel von Gerhard Zwerenz: “Das ist gedichtet wie man ein Kölsch trinkt. Lässig.”

Dem Literaturzirkus voraus


Lässig gehen auch seine Kinder ihrer Wege: Während Tochter Christine (19) im Stadt-Anzeiger für die Jugendseite schreibt, bei WDR-Liliput hospitierte und vor einigen Jahren mit einer Erzählung den Schrittmacher-Jugendpreis des Landes Rheinland-Pfalz gewann, ist Sohn Martin (16) Praktikant beim ZDF-Sportstudio und wird nun neben der Waldorfschule auch beim Westdeutschen Rundfunk aktiv. “Ich helfe den Pänz bestenfalls bei logistischen Dingen aufs Fahrrad”, sagt der Vater. “Den Restweg müssen sie selbst erfahren.”
Die Küche gehört weniger in sein System – der Sohn kocht den Kaffee, die Tochter bereitet das Abendessen. Wie schön, denke ich, lockere Erziehung, das harmoniert ja prächtig.
Der Vater ist dem Literaturzirkus auf empfehlenswerte Art voraus: “Ich schiebe den Spucknapf zur Seite, habe einen gesunden Egoismus aufgebaut, da mir früher eine nahezu masochistische christliche Ader zueigen war. Doch den Sozialarbeiter für bedürftige Kollegen gebe ich nicht mehr ab, gehörte ferner nie zur Agentenzunft ... Da kommen Anrufe von verschollen geglaubten Hallo-Sagern, die sich nicht mal erklären, und bevor ich mich an sie erinnern kann, lassen sie die Katze ausm Sack: Ach ja, mein neues Manuskript braucht den passenden Verleger ... Na, kannste sicher mal was machen!”
Bitte nicht, entgegnet der Oberhirte aller noch röhrenden Literatur-Heimathirsche, er habe etwa zur Zeit der Social-Beat-Szene zahlreiche sogenannte Hoffnungsträger protegiert, wie zum Beispiel Marc Degens, Jörg A. Dahlmeyer (“Mein ganz persönlicher Jim Morrison!”), Roland Adelmann, die wiederum andere vorschlugen – “doch, gerne, es ist mir eine Freude gewesen. Aber das war einmal, der liebe Jung”. Christine nimmt ein weiteres Stück Ziegenkäse zum Ofenbrot, ich bekomme den Teller abermals mit unverfälschter Lauch-Kartoffel-Suppe gefüllt. Jochen vertilgt letzte Oliven bevor das alte Küchenradio angeschmissen wird. Die Nachrichten bringen ein 2:2 zwischen Schalke 04 und dem 1. FC Köln. “Tadellos. Ich würde dä Poldi nich gegen fünf Kuranyis und Ailton als Zugabe tauschen.”

Das grüne Holzhaus, wo dieser Tage rundum die Zwölfender schreien wie in Kaufhausgalerien, ist sein Hochsitz, sein Nest – im Eingangsbereich die Ikeabank, allessagend Raucherbeinplatz genannt. Hinten rechts ein kleiner Gartenteich vor der Terrasse, die Grabsteinplatte seines Großvaters auf dem steinigen Hügel und stets in un/auffälliger Sichtweite “Bruno”, Hausschwein genannter Hirsch des selbsternannten Domizils HEIMATMUSEUM GRÜN n.e.V.

Schreibtisch als Steinbruch


Stellt der Normalverbraucher sich das Arbeitszimmer eines Kulturschaffenden vor, denn Jochen Arlt ist nicht auf Schriftstellerei oder Journalismus zu reduzieren, denkt er an einen überladenen Schreibtisch, bis zur Decke ragende vollgestopfte Regale, an eine scheinbar unkontrollierbare Zettelwirtschaft, trotzdem Platz für die Ellenbogen, einen vorzeitlichen Computer und eine mechanische Schreibmaschine. Genau so sieht sein “alltäglicher Steinbruch” aus. Wichtigstes Schaffensutensil, zwischen gusseiserner Adler und Microsoft-Tastatur, sein Pelikan-Füllfederhalter – "mein Lebensgefährte".

“For every solution there‘s a problem”, letzthin aufgelegte CD des unverwüstlichen Lee Hazlewood, schnarrt im Player. Der Blues einer Stimme gleich “eines räudigen Straßenköters, authentisch wie‘s Salz der Erde.” Monika Arlt betritt das Daheim, angetraute Lebensgefährtin des erdigen Padrones, den ich vor Stunden noch für den Hausgärtner gehalten hätte. Sie war mit Freundinnen Weihnachtsplätzchen backen, schleppt einen halben Korb voll an. Ihr Gemahl öffnet die verschiedenen Dosen, schnuppert, begutachtet und findet, dass es etwas weniger “an Kreativität” und von der Menge her karger sei als in 2004. Der Mann und die Frau sind seit 23 Jahren glücklich verheiratet. Monika antwortet milde, nahezu pädagogisch. “Und wie war`s in Heinos Cafe?”, fragt sie. “Gediegen”, antworte ich, “doch der Maestro ist auf Tournee, deshalb mussten wir lediglich mit dem Sohn, jedoch gedruckten Autogrammkarten vorlieb nehmen.”
Nach der Wanderung zur Burgruine, bei der wir zwei Pferde und drei Kühe sichteten, aber keinen einzigen Menschen, waren wir nach Bad Münstereifel gefahren und das Kopfsteinpflaster der malerischen Fußgängerzone zehn Minuten hoch und runter gelaufen. Ein Märchendorf, klar, im Vergleich zu Kölle. “Das nächste Mal besuchen wirs Brauhaus Päffgen oder Früh, nicht weit weg vom Dom. Du wirst Kölsch, der Welt leckerstes obergäriges Bier, schätzen, bestimmt.” Gleich darauf Endstation: Heinos Rathauscafe. Haselnusstorte und Kaffee. Jochen erzählt weiter: “Eifel-Blut und Köln-Herz oder andersrum. Ich brauche die Betonversteppung der Metropole wie die Heidefarben auf Fritz von Willes oder Adolf Molitors Gemälden.”

Alternder Federfuchser mit weißen Tauben im Kopf

1981 gab Arlt mit Konrad Kopper das Rockmagazin Szene Köln heraus, erste einschlägige Dokumentation am Rhein von A bis Z: (Turk-Rock-)Alex bis ZeltingerBand, Basement (Live-Club unter der Christuskirche) bis Kurt Rossa (Oberstadtdirektor). Wenige Jahre zuvor war der “Avrocker” in der Deutzer Sporthalle von den Rolling Stones solchermaßen enttäuscht, dass er seinen Vinylfundus von Jagger, Richards & Co. verramschte nach “diesem illusionstötenden Las-Vegas-Spektakel”. Heute ziert seine aus allen Stilrichtungen bestehende Mega-CD-Sammlung auch eine Platte mit 20 Stille-Nacht-Versionen oder 60 mal La Paloma auf zwei Tonträgern: “Als Knabe wollte ich Freddy respektive Seemann werden, wie mein geliebter Opa ... Jetzt bin ich ein alternder Federfuchser. Indes mit immer noch flatternden weißen Tauben im Kopf, und ich fliege trotz kürzlich verheiltem Beinbruch immer noch gerne.”
Rückschau zur Jugendzeit. Als da wäre der Zülpicher Platz – dort befand sich der Kaskade Club, wo als Haussänger neben Benny Quick (unsterblich durch “Motorbiene”) ein gewisser Shorty Miller wütete, der tagsüber bei Hertie älteren Herrschaften Dampfradios verkaufte, oder die Moni Bar am Kaiser-Wilhelm-Ring mit der führenden City-Musicbox, drei Schritte weiter das Storyville, wo Wayne Fontana And The Mindbanders wie andere englische Top-Twenty-Beatstars gastierten. Entscheidend aber für den Pubertierenden: “Ich hatte schlimmste Ängste, reifere Frauen, will sagen so 20-jährige, zum Tanz aufzufordern, klammerte mit feuchten Händen das Kölschglas statt eines der Mädchen ...”

Übrigens gastierten 1982 The Searchers im Bürgerhaus Troisdorf. Ein unauslöschliches Erlebnis, denn die Lieblingsband des jungen Achims erfüllte nun gar seinen Musikwunsch mitten im Konzert: “Long time ago, that we play the next song. But for the journalist from the local paper now – >Sea of Heartbreak<.”

Wie die Welt erfuhr, was nie passiert war


Ich sitze vorm Schreibtisch von joa (sein gebliebenes Rundschau-Kürzel). Das Fell des erschlagenen Wolfs im Nacken. Aus den Lautsprecherboxen tönt Herzerweichendes: “Denn et Heimwih nimms de met”, singt nachvollziehbar “Et Fussich Julche”. Text und Musik, klar, vom wunderbar feinsinnigen Hans Knipp. Wir behandeln erneut das Thema Journalismus. “Zeilenschinderei”, fasse ich mich kurz. “Moment!”, kontert mein Gegenüber, “soll es gleichermaßen im Schöngeistressort geben". Einer der vielen bis zum Bersten gefüllten Aktenordner knallt auf den Tisch. Wird durchblättert. “Hier”, grient Jochen, und “verzällt”. Heraus kommt eine Anekdote, dazu Klüngel unds Trinkverhalten unter Zeitungsmachern beleuchtend, die sich im Endeffekt darin zuspitzt, dass weder er, noch sein Pendant vom Konkurrenzblatt gewillt waren einer Gerichtsverhandlung beizuwohnen, über die beide berichten sollten. Man improvisierte. Arlt dichtete das Geschehen “nach juristischen Erfahrungswerten”, der Kollege kupferte ab, und die Sache ging in Druck. Dummerweise wurde diese Verhandlung kurzfristig vertagt und die Welt erfuhr, was nie passiert war.

Zudem: “Gott, waren das jecke Faria-ho-Zeiten! Einmal stoppte mich die Polizei gleich neben dem Rundschau-Pressehaus: bescheidene 1,21 Promille, Lappen trotzdem weg. Des Weiteren hatte ich stets viel Glück, nicht nur nach all den Kampftrinkereien. Allerdings stellte sich bald die Frage: Maria Laach oder Mariacron. Habe mich für Münstereifel-Houverath entschieden. Fühle mich hier so, dass ich kreativ sein muss. Das Eifelland setzt durch seine Kargheit schöpferische Energien frei.”
“Und, wie geht`s mit der Lyrik nun?”, möchte ich wissen.“
Wer fragt, was Lyrik ist, wird`s nie begreifen. ”Der renommierte Übersetzer Rüdiger Fischer brachte etliche seiner Gedichte ins Französische, die deutsch-französische Zeitschrift Decision veröffentlicht Arlt regelmäßig, im maßgebenden “Der Neue Conrady – Das große deutsche Gedichtbuch” oder bei Reclam ist er zwischen Luther, Goethe, Rilke oder Benn und Enzensberger zu finden. Wo er überall mitgemischt hat, erkennt der Besucher an den beiden gefüllten Regalschränken hinter seinem Rücken. Die Zeit reicht einfach nicht, jedenfalls nicht heute, um den allerstärkst betriebsamen Zeitgenossen Jochen Arlt gänzlich zu porträtieren. Ich werde wiederkommen. Denn auch seine Kundigkeit in Sachen Eifel-Handwerk klingt gut: “Wird etwas versprochen, wird`s auch gehalten. Ich versuche das seit jeher. Macht ein gutes Viertelpfund meiner Lebensphilosophie aus.”
Schnitt. Wir sind wieder draußen, rauchen genüsslich und schauen zum Himmel. Die Sterne werden nun von den Wolken verdeckt und der Vollmond, der sonst zu sehen ist, dessen phantastische Sicht mitten im Eichengeäst der Poet mir angekündigt hat, ist irgendwo zwischen uns, dem Himmel und der Erde. “Ich mag diese Unendlichkeit, das konvexe Universum und die Tatsache, dass wir im Nichts verschwinden”, sage ich. “Ach”, antwortet er, “ich beobachte lieber die sprungbereite Katze in Richtung Mondsichel im Gartenteich.” “Verdammt, mein eigener Laber hat mich müde gemacht.” Das Gelaber eines “Freischütz mit Feder” (Jürgen Röhrig, KStA) über ”eifellitarische Eskapaden”, der gefragt wird, wie viele Dichter es in Köln samt Umkreis gebe, und antwortet: “Ein halbes Tausend. Und ich kenne sie alle. Von Brune, Bender, Geisthövel über Hemau, Henning, Kettenbach, Kutsch bis Louis, Raap, Singer, Stahl oder Wellershof, Werf und Wittkämper.”

Jochen Arlt, der mir gerne einen weiteren Krug mit Oettinger Weizen eingeschenkt hätte, Verfasser des selten gewordenen Gedichtbandes Zickzack Eigelstein, aus dem es klingt: "Heute ein Husten bei Nacht / Gestern ein Kolloquium über Rindersalami / Sonst kennen sie nichts vom Leben", hat leider einen Abholtermin mit Sohn Martin (“im Einklang mit Köln wie ich in seinem Alter”): 23 Uhr 52, Bahnhof Euskirchen.

Zwangloser Abschied, dann steigen wir in unsere jeweiligen Autos, düsen los. Ich folge ihm bis zum zweiten Kreisverkehr. “Adieu”, murmel ich, als er zweimal die Bremse antippt, um mir zu zeigen wo ich abbiegen muss “ins Ruhrgebiet”.

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