Vom Heimathirsch zum Steppenwolf
Jochen Arlt: Literatur aus dem Rheinland mit Köln-Herz und Eifel-Blut
Von
Hartmuth Malorny aus dem titel-magazin
vom 30.6.2008:
Beispiellos unter den Heimat-Literatur-Chronisten: Als
Jochen Arlt 1994 das elfte Mal Prosa und Lyrik von Kollegen aus Köln oder
Dortmund, aus Koblenz über Aachen bis Düsseldorf oder Wuppertal zusammentrug,
war er im Begriff, sein Jubel-Rheinland-Lesebuch Junger Westen plus
begleitender CD vorzubereiten. Bis heute hat der Literaturversammler in 30
Jahren nicht weniger als rund 30 Bücher herausgegeben und verfasst. Nirgendwo in
deutschen Landen gibt es eine dichtere regionalbezogene Anthologienfolge als die
von Arlt verantwortlich edierten rheinischen Lesebücher (mit satt 700
beteiligten Namen; rem Verlag, Pulheim/Köln).
Jochen Arlts Heimat ist Köln, seine Wurzeln sind schlesisch. “Die gesamte Sippe
stammt aus Breslau, wurde 1945 ins Norddeutsche vertrieben”, werde ich schlau
gemacht, wiewohl “bereits die Großmutter der Poesie höchst zugetan war.” Geboren
ist Joachim Wolfgang Martin 1948 in Langwege, publizierte bis 2000 unter dem
Pseudonym Achim von Langwege – eine Hommage an “dieses
Drei-Gehöfte-Anwesen nahe Dinklage und Vechta”. Eingeschult in Obermendig /
Vulkaneifel, lebt er seit 1957 im Schatten der berühmten gotischen Kathedrale
Cöllns. Ich denke, als ich in den Maulbacher Weg zu Houverath –
Bad-Münstereifel-Highlands genannt – einbiege, dass die Nr. 21 nur das letzte
Haus sein kann, ganz hinten am Waldrand, wo der Busch auf Ausdünnung wartet. Der
Morgennebel ist dem ersten Sonnenlicht gewichen, beste Aussichten auf einen
schönen Tag. Und im Vorgarten des in der Tat letzten Hauses der Straße hantiert
ein Althippie, stutzt das Gebüsch zurecht: mittelgroß, kräftig gebaut, langes
schwarzes Haar, Vollbart und salopp gekleidet wie jemand, der noch rasch finale
Gartenarbeiten erledigen will bevor der Winter kommt.
Gebüsch stutzender Althippie
“Leeve Jung”, begrüßt mich Jochen, legt die Heckenschere beiseite, strammer
Händedruck, lächelnder Blick, denn ein Kölscher Jung ist er durch und durch,
aber auch viel mehr, und es liegt nahe, diesen Mann gezielter vorzustellen:
Journalist, Schriftsteller, Rezensent, arrivierter Herausgeber wie Lyriker; aus
Kölns Literaturaura so wenig wegzudenken wie Haselnusstorten aus Heinos
Rathauscafé Münstereifel oder BAP aus der kölnischen Musik. Was würde den rund
700 Autoren fehlen, hätte Arlt ihre Texte nicht zum Leser gebracht? Jeweils eine
Veröffentlichung weniger. Und was fehlt ihm? Scheinbar gar nichts. Hier beginnt
der Weg eines Dichters, stilistischer Meister der elementaren Verknappung: "Der
Regenbogen endet hinter dem Jaucheanhänger".
Gummistiefel, Dufflecoat, Schal, Wanderstock und etwa acht Kilometer weiter: Ein
endlos scheinender Waldweg führt uns hoch zur geheimnisumwobenen Wensburg.
Ähnlich der zwischen Tannen rechts, Tannen links asphaltierten
Serpentinenstraßen, die hinter uns liegen. Freie Sicht übers rostrot bis
grünorange leuchtende Lierstal.
“Ist dies der berüchtigte Knüppel, mit dem du neulich in Afrika einen Schakal
erschlagen hast?”, will ich erfahren. “Ja, war notwendig.” Es folgt die Story
während wir durch Schlamm stampfen, zum Schluss stellt sich heraus, dass er den
schwer verletzten Steppenwolf vor einem qualvollen Verenden, vor lauernden
Geiern bewahren wollte.
"Der Kopf wird in der Eifel so weit wie der Himmel"
Es geht steil bergauf, was dem Naturburschen nichts ausmacht. Wenn der
57-jährige kurz stehen bleibt dann deshalb, damit ich Luft holen kann. “Der Kopf
wird in der Eifel so weit wie der Himmel”, weiß er, “dem ich zuvor in jener
Breite ausschließlich auf der Namibia-Farm ehrfürchtig begegnen durfte.”
Die konservierte Ruine droben, Burg aus dem 14. Jahrhundert und Ziel unserer
Wanderung, ist im Sommer gelegentlich von Gothic-Jüngern frequentiert: schwarze
Messen, Lagerfeuer, verwunschene Romantik, lasse ich mir berichten. Dazu
heteronome Blickwinkel, das Morbide, ein umgestürzter Baum wirkt wie eine
Brücke, die übers nächste Tal geschlagen ist. "Karges Gelb dämmert aus
Mauerbrüchen", versteckt zwischen Ginster, inmitten des modrigen Geruchs
und der persönlichen Aufbereitung der Vergangenheit. Jochen Arlt formuliert in
seiner lyrischen Prosa weiter: "Wo blieb das Burgfried-Wappen? Als Nachruf
ebenfalls hier Schmauchspuren". Mir kommen gleichzeitig zwei Zeilen des
geschätzten Poeten in den Sinn, zwei simple Zeilen: "Mohn blüht zwischen
Dill und Kerbel / verblüht hinterm Haus ohne Aufwand".
Die Überbleibsel einer dekadenten Schlossherrschaft, vor der wir sitzen, sind
ein deutlicher Spiegel der Vergänglichkeit, "ohne Mucks, ohne Regung".
Wir genießen den Rest Herbstsonne des Nachmittags, und der Dichter rezitiert
schräg wie ernsthaft dreinschauend, die Naturgezeiten im Kopf und Karl Kraus auf
der Zunge: “Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen auch Zwerge lange
Schatten.” Beim Abstieg durch den Eifel-Dschungel sind unsere Schatten verdeckt,
später waten wir durchs Wasser des Liersbachs, halten vergeblich Ausschau nach
Flusskrebsen und Forellen.
Verzicht auf Lohnarbeit und Schichtdienst
Wenn Jochen Arlt redet, hört er nicht so rasch wieder auf. Es gibt eine Menge
Gesprächsstoff: über seine Kindheit, Jugend und die Musik, die ihn geprägt hat
und anhaltend inspiriert, über Bekanntschaften mit – stellvertretend genannt –
Ludwig Hirsch, Drafi Deutscher, Niedecken, Kölns Ex-Milieu-Häuptling Dummse Tünn
oder Disco-Pionier und Schlagerdino Roland W., dessen Erfolgsheuler “Monja”
sogar Beatles und Stones in den Hitparaden hinter sich ließ. Arlt spricht über
die 20 Jahre dauernde Arbeit als Redakteur der Kölnischen Rundschau oder des
Stadt-Anzeigers und nennt Hans Knipp, den großen Texter und Komponisten (aktiv
für die Bläck Fööss über Celine Dion bis zu Gedichtvertonungen Achim von
Langweges), “einen Freund, weil wir uns so selten sehen. Wenn wir telefonieren,
dann selten unter zweieinhalb Stunden.”
Doch das alles ist nicht mehr als ein Neun-Zeilen-Abriss, ein äußerst knapper
Blick des Erlebten auch als – Arlt über Arlt – “Freischütz” für Zeitschriften,
Tageszeitungen, den Rundfunk, für Veranstaltungen in Museen und so fort. Als der
Journalist beispielsweise vom Kölner Stadt-Anzeiger zur PR-Abteilung der Bayer
AG wechselte und es ihm dort zu langweilig wurde, höhnte sein Chef: “Sie werden
es ewig bereuen, aus dem Mutterschoß unseres Weltkonzerns rausgehüpft zu sein.”
Jochen Arlt hat es richtig gemacht. Er hat seine Vorstellungen modifiziert. Seit
über zehn Jahren dem Rheinischen Literaturpreis Siegburg als Gründer
und Auswahljuror verbunden – Lorbeer sowie 5000-Euro-Schecks u.a. für
Petra Hammesfahr,
Jürgen Becker,
Karl Otto Conrady,
Gisbert Haefs,
Peter Maiwald,
Jo Pestum,
Jochen Schimmang – hat ihn der Verzicht
auf Lohnarbeit oder Schichtdienst eines Redakteurs “nie wirklich gereut”. Der
seit 1991 Selbstständige pflegt ohne Zwang diverse beratende, lektorierende wie
organisatorische Arbeiten, hat längst erkannt, dass die Gazetten von Höhenkitsch
und Tiefenquatsch beherrscht sind; die Sprache verschleiert, was mit der Sprache
enthüllt werden sollte: “Gelegentlich bin ich von mir selbst fasziniert.
Trotzdem muss man demütig sein: Lerne zu verlieren, so einst Herr von Langwege,
und der Erfolg bleibt dir treu. Dabei sollte man seine Grenzen kennen übern
Literaturbetrieb hinaus. Stürze gehören dazu. Aber immer wieder aufstehen, sich
aufbäumen, immer wieder, wie ein schwimmendes Pferd.”
Er dichtet, wie man ein Kölsch trinkt
Wir sitzen vorm grünen Holzhaus auf der Raucherbank, die schlammverschmutzten
Gummistiefel im Schuppen deponiert. Wir warten. Es ist kalt und dunkel geworden.
Ich friere wie ehemals Kaiser Wilhelm II. in Preußisch-Sibirien. Und mich plagt
ein dringliches Bedürfnis. Jochen hat keinen Haustürschlüssel, mit dem ist
Tochter Christine unterwegs. “Sie wird gleich zurück sein”, beruhigt er. Aus
einer Not heraus pinkele ich die Zypressen an. “Der nächste Regen wird´s schon
richten”, spricht nach der soundsovielten Zigarette der Mensch Jochen Arlt: “Es
landen mehr Leute im Spital, die falsch essen, als solche, die richtig rauchen”.
Prinzipiell stellt der Schriftsteller heraus: “Ich habe in den vergangenen
Jahrzehnten so viel für die heimische Literatur getan, dass ich diesbezüglich
nicht das geringste schlechte Gewissen haben muss. Es gab einen Intervall, da
mochte ich nicht mehr. Wollte nicht aus dem Mund riechen nach Editor und Lyrik.
Die Siege sind mir nicht mehr zu nehmen. Was jetzt kommt ist Zugabe. Und ein
Gedicht hat eh keine Eile.”
Bis Frühling 2006 ist Arlt in vorläufig fünf Reclam-Anthologien präsent, hat
eigene Kompendien in Arbeit, dazu einen Bildtextband mit
Stadt-Land-Prosaminiaturen. Eines der längst vergriffenen Arltschen
Gedichtbücher heißt "Das Fenster zum Berg". Eifelpoeme, die ohne
Verklärung eine metaphorische Ebene anstreben, außerdem zeitkritsches Mahnmal
sind, denn, Zitat, "unsere Geschichte riecht nach Gas". Parallel hierzu
die resümierende Formel von Gerhard Zwerenz: “Das ist gedichtet wie man ein
Kölsch trinkt. Lässig.”
Dem Literaturzirkus voraus
Lässig gehen auch seine Kinder ihrer Wege: Während Tochter Christine (19) im
Stadt-Anzeiger für die Jugendseite schreibt, bei WDR-Liliput hospitierte und vor
einigen Jahren mit einer Erzählung den Schrittmacher-Jugendpreis des Landes
Rheinland-Pfalz gewann, ist Sohn Martin (16) Praktikant beim ZDF-Sportstudio und
wird nun neben der Waldorfschule auch beim Westdeutschen Rundfunk aktiv. “Ich
helfe den Pänz bestenfalls bei logistischen Dingen aufs Fahrrad”, sagt der
Vater. “Den Restweg müssen sie selbst erfahren.”
Die Küche gehört weniger in sein System – der Sohn kocht den Kaffee, die Tochter
bereitet das Abendessen. Wie schön, denke ich, lockere Erziehung, das harmoniert
ja prächtig.
Der Vater ist dem Literaturzirkus auf empfehlenswerte Art voraus: “Ich schiebe
den Spucknapf zur Seite, habe einen gesunden Egoismus aufgebaut, da mir früher
eine nahezu masochistische christliche Ader zueigen war. Doch den Sozialarbeiter
für bedürftige Kollegen gebe ich nicht mehr ab, gehörte ferner nie zur
Agentenzunft ... Da kommen Anrufe von verschollen geglaubten Hallo-Sagern, die
sich nicht mal erklären, und bevor ich mich an sie erinnern kann, lassen sie die
Katze ausm Sack: Ach ja, mein neues Manuskript braucht den passenden Verleger
... Na, kannste sicher mal was machen!”
Bitte nicht, entgegnet der Oberhirte aller noch röhrenden
Literatur-Heimathirsche, er habe etwa zur Zeit der Social-Beat-Szene zahlreiche
sogenannte Hoffnungsträger protegiert, wie zum Beispiel Marc Degens, Jörg A.
Dahlmeyer (“Mein ganz persönlicher Jim Morrison!”), Roland Adelmann, die
wiederum andere vorschlugen – “doch, gerne, es ist mir eine Freude gewesen. Aber
das war einmal, der liebe Jung”. Christine nimmt ein weiteres Stück Ziegenkäse
zum Ofenbrot, ich bekomme den Teller abermals mit unverfälschter
Lauch-Kartoffel-Suppe gefüllt. Jochen vertilgt letzte Oliven bevor das alte
Küchenradio angeschmissen wird. Die Nachrichten bringen ein 2:2 zwischen Schalke
04 und dem 1. FC Köln. “Tadellos. Ich würde dä Poldi nich gegen fünf Kuranyis
und Ailton als Zugabe tauschen.”
Das grüne Holzhaus, wo dieser Tage rundum die Zwölfender schreien wie in
Kaufhausgalerien, ist sein Hochsitz, sein Nest – im Eingangsbereich die
Ikeabank, allessagend Raucherbeinplatz genannt. Hinten rechts ein kleiner
Gartenteich vor der Terrasse, die Grabsteinplatte seines Großvaters auf dem
steinigen Hügel und stets in un/auffälliger Sichtweite “Bruno”, Hausschwein
genannter Hirsch des selbsternannten Domizils HEIMATMUSEUM GRÜN n.e.V.
Schreibtisch als Steinbruch
Stellt der Normalverbraucher sich das Arbeitszimmer eines Kulturschaffenden vor,
denn Jochen Arlt ist nicht auf Schriftstellerei oder Journalismus zu reduzieren,
denkt er an einen überladenen Schreibtisch, bis zur Decke ragende vollgestopfte
Regale, an eine scheinbar unkontrollierbare Zettelwirtschaft, trotzdem Platz für
die Ellenbogen, einen vorzeitlichen Computer und eine mechanische
Schreibmaschine. Genau so sieht sein “alltäglicher Steinbruch” aus. Wichtigstes
Schaffensutensil, zwischen gusseiserner Adler und Microsoft-Tastatur, sein
Pelikan-Füllfederhalter – "mein Lebensgefährte".
“For every solution there‘s a problem”, letzthin aufgelegte CD des
unverwüstlichen Lee Hazlewood, schnarrt im Player. Der Blues einer Stimme gleich
“eines räudigen Straßenköters, authentisch wie‘s Salz der Erde.” Monika Arlt
betritt das Daheim, angetraute Lebensgefährtin des erdigen Padrones, den ich vor
Stunden noch für den Hausgärtner gehalten hätte. Sie war mit Freundinnen
Weihnachtsplätzchen backen, schleppt einen halben Korb voll an. Ihr Gemahl
öffnet die verschiedenen Dosen, schnuppert, begutachtet und findet, dass es
etwas weniger “an Kreativität” und von der Menge her karger sei als in 2004. Der
Mann und die Frau sind seit 23 Jahren glücklich verheiratet. Monika antwortet
milde, nahezu pädagogisch. “Und wie war`s in Heinos Cafe?”, fragt sie.
“Gediegen”, antworte ich, “doch der Maestro ist auf Tournee, deshalb mussten wir
lediglich mit dem Sohn, jedoch gedruckten Autogrammkarten vorlieb nehmen.”
Nach der Wanderung zur Burgruine, bei der wir zwei Pferde und drei Kühe
sichteten, aber keinen einzigen Menschen, waren wir nach Bad Münstereifel
gefahren und das Kopfsteinpflaster der malerischen Fußgängerzone zehn Minuten
hoch und runter gelaufen. Ein Märchendorf, klar, im Vergleich zu Kölle. “Das
nächste Mal besuchen wirs Brauhaus Päffgen oder Früh, nicht weit weg vom Dom. Du
wirst Kölsch, der Welt leckerstes obergäriges Bier, schätzen, bestimmt.” Gleich
darauf Endstation: Heinos Rathauscafe. Haselnusstorte und Kaffee. Jochen erzählt
weiter: “Eifel-Blut und Köln-Herz oder andersrum. Ich brauche die
Betonversteppung der Metropole wie die Heidefarben auf Fritz von Willes oder
Adolf Molitors Gemälden.”
Alternder Federfuchser mit weißen Tauben im
Kopf
1981 gab Arlt mit Konrad Kopper das Rockmagazin Szene Köln heraus,
erste einschlägige Dokumentation am Rhein von A bis Z: (Turk-Rock-)Alex bis
ZeltingerBand, Basement (Live-Club unter der Christuskirche) bis Kurt Rossa
(Oberstadtdirektor). Wenige Jahre zuvor war der “Avrocker” in der Deutzer
Sporthalle von den Rolling Stones solchermaßen enttäuscht, dass er seinen
Vinylfundus von Jagger, Richards & Co. verramschte nach “diesem
illusionstötenden Las-Vegas-Spektakel”. Heute ziert seine aus allen
Stilrichtungen bestehende Mega-CD-Sammlung auch eine Platte mit 20
Stille-Nacht-Versionen oder 60 mal La Paloma auf zwei Tonträgern: “Als Knabe
wollte ich Freddy respektive Seemann werden, wie mein geliebter Opa ... Jetzt
bin ich ein alternder Federfuchser. Indes mit immer noch flatternden weißen
Tauben im Kopf, und ich fliege trotz kürzlich verheiltem Beinbruch immer noch
gerne.”
Rückschau zur Jugendzeit. Als da wäre der Zülpicher Platz – dort befand sich der
Kaskade Club, wo als Haussänger neben Benny Quick (unsterblich durch
“Motorbiene”) ein gewisser Shorty Miller wütete, der tagsüber bei Hertie älteren
Herrschaften Dampfradios verkaufte, oder die Moni Bar am Kaiser-Wilhelm-Ring mit
der führenden City-Musicbox, drei Schritte weiter das Storyville, wo Wayne
Fontana And The Mindbanders wie andere englische Top-Twenty-Beatstars
gastierten. Entscheidend aber für den Pubertierenden: “Ich hatte schlimmste
Ängste, reifere Frauen, will sagen so 20-jährige, zum Tanz aufzufordern,
klammerte mit feuchten Händen das Kölschglas statt eines der Mädchen ...”
Übrigens gastierten 1982 The Searchers im Bürgerhaus Troisdorf. Ein
unauslöschliches Erlebnis, denn die Lieblingsband des jungen Achims erfüllte nun
gar seinen Musikwunsch mitten im Konzert: “Long time ago, that we play the next
song. But for the journalist from the local paper now – >Sea of Heartbreak<.”
Wie die Welt erfuhr, was nie passiert war
Ich sitze vorm Schreibtisch von joa (sein gebliebenes Rundschau-Kürzel). Das
Fell des erschlagenen Wolfs im Nacken. Aus den Lautsprecherboxen tönt
Herzerweichendes: “Denn et Heimwih nimms de met”, singt nachvollziehbar “Et
Fussich Julche”. Text und Musik, klar, vom wunderbar feinsinnigen Hans Knipp.
Wir behandeln erneut das Thema Journalismus. “Zeilenschinderei”, fasse ich mich
kurz. “Moment!”, kontert mein Gegenüber, “soll es gleichermaßen im
Schöngeistressort geben". Einer der vielen bis zum Bersten gefüllten Aktenordner
knallt auf den Tisch. Wird durchblättert. “Hier”, grient Jochen, und “verzällt”.
Heraus kommt eine Anekdote, dazu Klüngel unds Trinkverhalten unter
Zeitungsmachern beleuchtend, die sich im Endeffekt darin zuspitzt, dass weder
er, noch sein Pendant vom Konkurrenzblatt gewillt waren einer
Gerichtsverhandlung beizuwohnen, über die beide berichten sollten. Man
improvisierte. Arlt dichtete das Geschehen “nach juristischen Erfahrungswerten”,
der Kollege kupferte ab, und die Sache ging in Druck. Dummerweise wurde diese
Verhandlung kurzfristig vertagt und die Welt erfuhr, was nie passiert war.
Zudem: “Gott, waren das jecke Faria-ho-Zeiten! Einmal stoppte mich die Polizei
gleich neben dem Rundschau-Pressehaus: bescheidene 1,21 Promille, Lappen
trotzdem weg. Des Weiteren hatte ich stets viel Glück, nicht nur nach all den
Kampftrinkereien. Allerdings stellte sich bald die Frage: Maria Laach oder
Mariacron. Habe mich für Münstereifel-Houverath entschieden. Fühle mich hier so,
dass ich kreativ sein muss. Das Eifelland setzt durch seine Kargheit
schöpferische Energien frei.”
“Und, wie geht`s mit der Lyrik nun?”, möchte ich wissen.“
Wer fragt, was Lyrik ist, wird`s nie begreifen. ”Der renommierte Übersetzer
Rüdiger Fischer brachte etliche seiner Gedichte ins Französische, die
deutsch-französische Zeitschrift Decision veröffentlicht Arlt regelmäßig, im
maßgebenden “Der Neue Conrady – Das große deutsche Gedichtbuch” oder bei Reclam
ist er zwischen Luther,
Goethe, Rilke
oder Benn und Enzensberger zu finden. Wo er
überall mitgemischt hat, erkennt der Besucher an den beiden gefüllten
Regalschränken hinter seinem Rücken. Die Zeit reicht einfach nicht, jedenfalls
nicht heute, um den allerstärkst betriebsamen Zeitgenossen Jochen Arlt gänzlich
zu porträtieren. Ich werde wiederkommen. Denn auch seine Kundigkeit in Sachen
Eifel-Handwerk klingt gut: “Wird etwas versprochen, wird`s auch gehalten. Ich
versuche das seit jeher. Macht ein gutes Viertelpfund meiner Lebensphilosophie
aus.”
Schnitt. Wir sind wieder draußen, rauchen genüsslich und schauen zum Himmel. Die
Sterne werden nun von den Wolken verdeckt und der Vollmond, der sonst zu sehen
ist, dessen phantastische Sicht mitten im Eichengeäst der Poet mir angekündigt
hat, ist irgendwo zwischen uns, dem Himmel und der Erde. “Ich mag diese
Unendlichkeit, das konvexe Universum und die Tatsache, dass wir im Nichts
verschwinden”, sage ich. “Ach”, antwortet er, “ich beobachte lieber die
sprungbereite Katze in Richtung Mondsichel im Gartenteich.” “Verdammt, mein
eigener Laber hat mich müde gemacht.” Das Gelaber eines “Freischütz mit Feder”
(Jürgen Röhrig, KStA) über ”eifellitarische Eskapaden”, der gefragt wird, wie
viele Dichter es in Köln samt Umkreis gebe, und antwortet: “Ein halbes Tausend.
Und ich kenne sie alle. Von Brune,
Bender, Geisthövel über Hemau,
Henning,
Kettenbach,
Kutsch bis Louis, Raap, Singer,
Stahl oder
Wellershof,
Werf und Wittkämper.”
Jochen Arlt, der mir gerne einen weiteren Krug mit Oettinger Weizen eingeschenkt
hätte, Verfasser des selten gewordenen Gedichtbandes Zickzack Eigelstein,
aus dem es klingt: "Heute ein Husten bei Nacht / Gestern ein Kolloquium über
Rindersalami / Sonst kennen sie nichts vom Leben", hat leider einen
Abholtermin mit Sohn Martin (“im Einklang mit Köln wie ich in seinem Alter”): 23
Uhr 52, Bahnhof Euskirchen.
Zwangloser Abschied, dann steigen wir in unsere jeweiligen Autos, düsen los. Ich
folge ihm bis zum zweiten Kreisverkehr. “Adieu”, murmel ich, als er zweimal die
Bremse antippt, um mir zu zeigen wo ich abbiegen muss “ins Ruhrgebiet”.
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