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| Foto: Doris Poklekowski www.foto-poklekowski.de |
Mehr Verständnis, mehr Solidarität
Der ukrainische Schriftsteller
Jurij Andruchowytsch über Russland,
Georgien und seine Heimat
Das Gespräch führte
Wolf Scheller, Münchner
Merkur, 3.9.2008:
Die Großmachtpolitik des Kreml schockt nicht allein die Georgier. Sie gibt Ursache für politische Sorgen im gesamten Westen. Begründete Furcht aber löst sie vor allem in der Ukraine aus. Der renommierte Schriftsteller Jurij Andruchowytsch weiß, wie notwendig, aber auch wie aktuell gefährdet der Weg seines Heimatlandes zu Europäischer Union und Nato ist.
Was haben Sie empfunden, als die Russen in Georgien
einmarschierten?
Natürlich war das für mich ein dramatisches Gefühl des Bedauerns, aber eben
auch von ziemlich viel Wut, was ich gar nicht bei mir erwartet hätte. Das
war jedenfalls eine sehr dramatische Erfahrung für mich. Die russische
Politik erinnert mich an das kriminelle Vorgehen von Leuten, die keine
Grenze mehr kennen für ihre Aggression, und dieses Empfinden hat mich
während dieses Krieges im Kaukasus begleitet.
Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko will
das Land in die Nato führen. Gegen den erklärten Willen Russlands. Kommen
Ihnen da nicht Bedenken, wenn Sie sich an das Vorgehen der Russen im
Kaukasus erinnern?
Natürlich war diese ganze kaukasische Strafaktion so geplant, dass sie
irgendwie auch auf die Ukraine einwirken sollte, vor allem auf ihre
Entscheidung, Mitglied der Nato werden zu wollen. Das hat aber in der
Ukraine selbst genau das Gegenteil erreicht. Die letzten Umfragen zeigen,
dass die Zahl der Ukrainer, die den Nato-Beitritt unterstützen, ständig
wächst. Und wir sind jetzt schon bei einem Verhältnis von 50 zu 50, während
früher die Zahl der Nato-Gegner in der Ukraine wesentlich größer war. Also,
als eine spezielle Angstoperation an die Adresse der Ukraine scheint das
Vorgehen der Russen gescheitert zu sein.
Was erwarten Sie denn, wenn Kiew der Nato beitritt?
Wird es dann zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Moskau kommen?
Ich kann das jetzt nicht beurteilen, aber das Verhältnis zwischen Russland
und der Ukraine ist schon heute sehr gespannt. Und ich denke, dass die
Entscheidung Russlands, Abchasien und Südossetien anzuerkennen, diese
Situation noch mehr verschärft hat.
Sie haben darauf hingewiesen, dass die Mehrzahl Ihrer
Landsleute früher gegen den Nato-Beitritt waren, sich das jetzt aber unter
dem Eindruck des Krieges im Kaukasus geändert hat. Immerhin sind der Osten
und der Süden der Ukraine russisch geprägt. Besteht die Gefahr, dass bei
einer Auseinandersetzung mit Moskau die Ukraine geteilt wird?
Ja, sicher. Das kann man jetzt ganz klar sehen. Das ist vielleicht im Moment
die wichtigste Aufgabe der ukrainischen Regierung und überhaupt der
politischen Eliten, im Innern eine Politik zu machen, die ein weiteres
Wachsen der Spaltung verhindert. Aber wir können natürlich nach diesem Krieg
den äußeren Faktor, nämlich die Haltung Moskaus, nicht ignorieren. Das ist
eine ziemlich komplizierte Aufgabe für die ukrainische Regierung.
Wo sehen Sie die Gründe für das aggressive Vorgehen
der Russen? Etwa weil sich Russland wieder als imperiale Macht begreift?
Ja, ich sehe das so. Ein Weiteres kommt dazu: Das war natürlich die
russische Antwort auf die Trennung des Kosovo von Serbien. Russland bemüht
sich immer noch darum, als zweite und gleichwertige Weltmacht neben den USA
aufzutreten. Deswegen versucht es auch, die USA in der politischen
Vorgehensweise nachzuäffen. Auch fühlen sich die Russen außerordentlich
dadurch beleidigt, dass das Kosovo-Problem ohne sie gelöst wurde. Und jetzt
kam mit dem Georgienkrieg endlich der Augenblick für eine russische Antwort.
Der Westen hat Georgien in dieser Situation nicht
geholfen. Glauben Sie, dass er der Ukraine helfen würde?
Mit der These, dass der Westen Georgien nicht geholfen hat, bin ich nicht
einverstanden. Dass Georgien als Staat heute überhaupt noch existiert,
verdankt es dem Westen. Ich finde allerdings: Der Westen hätte in der ersten
Phase dieses Konfliktes etwas schärfer reagieren können. Aber das ist nur
meine Meinung; ich bin kein Politiker und kein Diplomat. Was die Ukraine
betrifft, so sehe ich jetzt schon Versuche des Westens, im Voraus etwas zu
tun, um den Konflikt zu verhindern. Zum Beispiel wurde aus Brüssel zum
ersten Mal erklärt, dass die Europäische Union schon jetzt die
Beitrittsmöglichkeit für die Ukraine formulieren solle. Das ist für mich ein
klares Signal, dass die Ukraine ein Mitglied der EU wird.
Aber die Europäer sprechen da auch nicht mit einer
Stimme: Ein Teil der Europäer - vor allem die osteuropäischen Länder -
neigen stärker den Amerikanern zu. Die anderen Länder halten sich da eher
zurück . . .
Das macht die Situation in der Tat sehr viel schwieriger. Aber ich denke: Es
wird eine neue Einigkeit des Westens geben - und dies sehr bald. Eine schon
jetzt vorhandene Voraussetzung hierfür ist die aggressive Politik Russlands.
Eine weitere: Die Veränderungen in den USA nach den Wahlen. Der Westen hat
eben in dieser Situation keine andere Alternative, als einig zu sein.
Wünschen Sie sich auch mehr Unterstützung und
Solidarität von den europäischen Intellektuellen, von den Künstlern und
Schriftstellern?
Ja, unbedingt. Mehr Verständnis, mehr Solidarität. Und ich hoffe, dass wir
im Licht dieser jüngsten Entwicklung auch viele Übereinstimmungen finden.
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