Jurij Andruchovyc,2010,  Foto: Ekko von Schwichow

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Die Ukraine auf dem Weg nach Europa.
Ein Gespräch mit dem Schriftsteller und Übersetzer Juri Andruchowytsch über sein Land
Interview von Wolf Scheller aus den Nürnberger Nachrichten vom 11.08.2007:

Juri Andruchowytch (Jahrgang 1960) gilt als eine der wichtigsten kulturellen und intellektuellen Stimmen der Ukraine. Im vergangenen Jahr erhielt er den Leipziger Buchpreis für Verständigung. Unser Mitarbeiter sprach mit ihm über die politische Situation in seinem Land, die Fußball-WM und das Verhältnis der Ukraine zu Europa.

Herr Andruchowytsch, die innenpolitische Situation in der Ukraine erscheint auch nach der Einigung auf vorgezogene Neuwahlen ziemlich unübersichtlich. Wie dieser Verfassungskonflikt, dieser Machtkampf ausgehen wird, weiß niemand. Wie stabil ist die Lage in Ihrem Land?

Juri Andruchowytsch: Das ist irgendwie ambivalent. Das alltägliche Leben ist ganz normal, alles sieht ruhig aus, und das ist am wichtigsten. Gleichzeitig gibt es eine intensive Auseinandersetzung auf der politischen Ebene. Das kann man aber nicht mit der Situation Ende 2004 vergleichen, als wir alle als Bürger in diese politischen Spannungen involviert waren. Heute läuft das alles irgendwie neben uns. Das habe ich auch im April, als die Spannung am höchsten war, bei einer Lesereise durch die Ostukraine gespürt. Diese Spannungen waren nirgendwo ein Thema, weder unter Kollegen, noch beim Publikum. Natürlich sind die heutigen Kämpfe die Fortsetzung des früheren Konflikts, aber sie werden von den Menschen nicht mehr so leidenschaftlich angenommen wie 2004. Und in diesem Sinne ist die Lage in der Ukraine stabil.

Was hat sich in der Ukraine seit der «orangenen Revolution» in Richtung Demokratie verändert?

Andruchowytsch: Fast alles. Die Situation nach dem Dezember 2004 ist wie die Situation in einem anderen Land, vor allem in der Presse- und Medienfreiheit. Das gilt auch für das Bewusstsein der Bevölkerung. Man weiß, dass die Macht jederzeit durch Manifestationen und öffentliche Proteste beseitigt werden kann. Und das bedeutet sehr viel in einem postdiktatorischen Land.

Viktor Janukowitsch, dem Regierungschef und Anführer der «Partei der Regionen» wurde 2004 Wahlfälschung vorgeworfen. Wieso ist er heute so beliebt?

Andruchowytsch: Ich denke nicht, dass er so beliebt ist. Das ist nicht anders als damals, als er für das Präsidentenamt kandidiert hatte. Damals hatte er im dritten Wahlgang um die 44 Prozent gewonnen. Heute liegt er nach den jüngsten Umfragen bei etwa 30 Prozent. Seine Opponenten – also Präsident Juschtschenko und Julia Timoschenko – haben viele Stimmen verloren. Das ist die Rechnung. Aber er kann nach wie vor auf seine Kernwählerschaft im Osten der Ukraine zählen, auch wenn er keine Ikone mehr darstellt. Aber für sie ist er ein Kämpfer gegen die Nato und gegen die Trennung von Russland. Sein Hauptslogan 2006 hieß: Verbesserung der Lebensbedingungen. Aber die ist nicht eingetreten, und deswegen sollte man die Umfragen, die heute in der Ukraine gemacht werden, auch kritisch betrachten. 30 Prozent für Janukowitsch und seine Partei ist heute das Maximum.

Kann denn die Demokratiebewegung ihre alten Galionsfiguren überhaupt noch ins Feld führen?

Andruchowytsch: Ja, natürlich. In der letzten Zeit gewinnt Juschtschenko wieder sehr viel dazu. Die große Enttäuschung mit ihm war, dass er die beiden Jahre nach der Revolution irgendwie verschlafen hat. Aber seit April dieses Jahres wächst die Unterstützung für ihn. Das merkt man auch an seinen Auftritten in der Öffentlichkeit. Man kann seine Rückkehr spüren, auch, weil die Leute wieder «Juschtschenko» skandieren. Die Menschen spüren, dass er ihre Hilfe braucht. Es gibt jetzt die Hoffnung, dass Juschtschenko und Julia Timoschenko mit ihren zwei Strömungen in einem Block antreten, der dann zusammen bei den Neuwahlen mehr als 50 Prozent auf sich vereinigt.

Werden diese Neuwahlen, wenn sie denn stattfinden, fair verlaufen?

Andruchowytsch: Vielleicht bin ich naiv, wenn ich sage, dass sie 100-prozentig fair verlaufen werden. Aber ich bin da sicher.

Was bedeutet es für die Ukraine, im Jahr 2012 gemeinsam mit Polen Gastgeber der Fußball-EM zu sein?

Andruchowytsch: Das bedeutet sehr viel. Es ist eine ganz wichtige Entscheidung, weil die Herausforderung unser Land stimuliert. Es ist auch eine schöne Chance für die ganze Gesellschaft, ein großes gemeinsames Ziel zu haben. In diesem Fall sind sich alle politischen Gegner einig. Wenn irgendeine politische Kraft dieses Projekt sabotieren wollte, wäre das das Ende dieser politischen Bewegung.

Das komplette Interview von Wolf Scheller  mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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