Eine unglückliche Liebe.
Das Märchen "Unter der Weide" spielt in Nürnberg
Von Steffen Radlmaier aus den Nürnberger Nachrichten vom 29.03.2005:

Hans Christian Andersens Märchen sind bis heute auf der ganzen Welt populär und beliebt. Weitgehend in Vergessenheit geraten ist die Tatsache, dass Andersen auch ein äußerst produktiver Reiseschriftsteller, Tagebuch- und Briefschreiber sowie Romanautor gewesen ist.

Auf seinen zahlreichen Reisen kam der dänische Dichter mehrmals durch Franken, Nürnberg besuchte er zwischen 1840 und 1873 mindestens sechs Mal. Die alte Reichsstadt machte auf den Spät-Romantiker und Eisenbahn-Fan mächtig Eindruck. Seine Nürnberg-Begeisterung gipfelte in einem Kompliment, das man bis heute gerne zitiert: „Du bist doch Bayerns Hauptstadt!“

Die Lobrede auf die Eisenbahn und die Liebeserklärung an Nürnberg finden sich in Andersens Reisebuch „Eines Dichters Basar“, das 1842 erstmals veröffentlicht wurde. „Nürnberg gleicht einem rüstigen Greis, in dem die Jugend sich noch regt, dessen Gedanken beweglich genug sind, um sich den Ideen der Jugend anzuschließen. Ein redendes Beispiel ist die Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth, die erste, die man in Deutschland baute. Das alte Nürnberg war die erste Stadt, die in den gigantischen Gedanken der jungen Zeit mit einstimmte, Städte durch Dampf und eiserne Bänder zu verbinden“.“

In Nürnberg sah Andersen zum ersten Mal Daguerreotypien, die Vorläufer der Fotografie: „In zehn Minuten, sagte man mir, entstünden diese Porträts, es kam mir vor wie Zauberei“, notierte Andersen. „Daguerrotyp und Eisenbahn, diese beiden neuen Blüten des Zeitalters, waren allein schon ein Ertrag der Reise für mich.“ In Nürnberg lernte er auch den angesehenen Buchhändler Friedrich Campe kennen, dessen Gastfreundschaft er bei späteren Besuchen zu schätzen wusste.

Nürnberg hat aber auch im Werk des Märchendichters seine Spuren hinterlassen: „Unter der Weide“ (in einer bibliophilen Ausgabe der Kleinen Fränkischen Bibliothek des Bamberger Kleebaum-Verlags erschienen) spielt teilweise in der „merkwürdigen alten Stadt“ und erzählt eine tragische Liebesgeschichte. Darin hat Andersen seine unglückliche Liebe zu der schwedischen Opernsängerin Jenny Lind verarbeitet, die von dem Dichter nichts wissen wollte.

Empfang beim König

Mindesten zwei weitere Begegnungen in Nürnberg hat der weit gereiste Autor nie vergessen: Hier traf er sich mit seinem Freund, dem Historienmaler Wilhelm von Kaulbach, und hier kam es 1855 zu einem unverhofften Wiedersehen mit seinem alten Bewunderer König Maximilian II. von Bayern, der gerade zu Besuch auf der Burg weilte.

In einem Brief schreibt Andersen über den herzlichen Empfang und bemerkt mit offensichtlicher Genugtuung, dass er als Ehrengast neben dem König sitzen durfte: „Wir speisten in dem großen Bankettsaal mit seiner herrlich geschnitzten Holztäfelung, den mittelalterlichen Mauern und Fenstern, und dort unten lag die alte Stadt im Sonnenlicht.“ 

Bevor Hans Christian Andersen als Märchendichter weltberühmt wurde, hatte er bereits als Romanautor großen Erfolg. Sechs Romane hat er geschrieben, einige davon sind jetzt in neuen Übersetzungen wieder erhältlich:

Für den Cadolzburger Verlag ars vivendi hat Erik Gloßmann die beiden Romane „Die beiden Baroninnen“ (304 Seiten, 19,90 Euro) und „Sein oder nicht sein“ (300 Seiten, 19,90 Euro) übersetzt sowie Jörg Scherzer „Der Improvisator“ (396 Seiten, 25,90 Euro). Drei sorgfältige Neuübersetzungen und schön gestaltete Leinen-Bände.

„Peer im Glück“ und „Fußreise von Holmens Kanal“ (320 Seiten, 17,90 Euro), übersetzt von Renate Bleibtreu und Gisela Perlet, im Münchner Manesse-Verlag.

„Nur ein Spielmann“ (256 Seiten, 19,80 Euro), übersetzt von Bernd Kretschmer, bei S. Fischer, Frankfurt.

Außerdem erscheinen natürlich etliche Neuausgaben von Andersens Märchen.

Günter Grass hat 30 Märchen, bekannte und unbekannte, in dem großformatigen Band „Der Schatten“ illustriert, der im Göttinger Steidl-Verlag erschienen ist. (280 Seiten, 39,50 Euro). Die sehr persönliche, humorvolle Annäherung eines Dichterkollegen mit ausdrucksstarken Lithographien.

Die Märchen in drei Bänden gibt es im Schuber als preiswertes Insel-Taschenbuch (1450 Seiten, 20 Euro).

Wolfgang Mönninghoff: Das große Hans Christian Andersen Buch. Artemis & Winkler, Düsseldorf. 288 Seiten, 29,90 Euro. Werkbiographie und Lesebuch zugleich ergibt dieses Buch ein facettenreiches Bild vom Leben und Werk des Dichters.

Märchen, Geschichten, Briefe. Ausgewählt von Johan de Mylius. Insel Verlag, Frankfurt. 432 Seiten, 25,80 Euro.

Sämtliche Märchen in zwei Bänden, übersetzt von Thyra Dohrenburg. Artemis & Winkler, Düsseldorf. Ca. 1500 Seiten, 39,80 Euro.

Andersen mal anders: Das Hörbuch „Jazz - Die wilden Schwäne“ präsentiert das bekannte Märchen mit Musik. Zu hören sind der Jazzpianist Niko Meinhold und der Schauspieler Ulrich Noethen (19,80 Euro; Megaeins Verlag, Berlin) radl

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