Hans Christian Andersen, Foto: Thora Hallager, Kopenhagen Okt.1867 (hf 1004, artefakt)Der Märchenonkel aus dem Armenhaus.
200. Geburtstag von Hans Christian Andersen
Von Bernhard Windisch aus den Nürnberger Nachrichten vom 29.03.2005:

Es war einmal ein bettelarmer Schusterssohn, dem wurde das Leben zum Märchen. Er stieg zum Liebling von Fürsten und Königen auf, wurde zum gefeierten Gast in all den vielen Landen, die er bereiste, kam zu hohen Ehren und wurde durch seine Märchen unsterblich.

Wer kennt sie nicht, diese kleinen Dichtungen, scharf in Gedanke und Form wie Sprichwörter, dabei so anschaulich wie Wald und Feld und See, Melodien vergleichbar, die einem wie Ohrwürmer haften bleiben: „Das hässliche Entlein“, „Des Kaisers neue Kleider“, „Die Prinzessin auf der Erbse“ ... ?

Hans Christian Andersen, der große Verzauberer nicht nur von Kinderherzen wurde am 2. April 1805 in Odense auf der dänischen Insel Fünen geboren. Er stammte aus dem Subproletariat. Die Familie lebte in einer einzigen Stube unter dem Dach eines hoffnungslos übervölkerten Armenhauses. Den größten Teil des Zimmers nahm die Schusterwerkstatt des Vaters ein, das Ehebett war aus einem Sarg gezimmert, und Andersen selber musste sich mit einer Ruhebank als Schlaf- und Spielplatz begnügen. Seine Großeltern hatte das Leben verrückt gemacht, sie endeten auf dem Armenfriedhof.

Andersens ganzes Umfeld schien aus einem sozialen bzw. asozialen Kolportageroman zu stammen: Trunksucht, Irrenhaus, Armenspital, Armenschule, das Zuchthaus gleich in der Nachbarschaft - es wäre kein Wunder gewesen, wenn der kleine Hans Christian den Weg seiner Altvorderen genommen hätte. Aber es sollte anders kommen. Mit nichts als der Prophezeiung einer Wahrsagerin, ihm sei eine „illuminierte Zukunft“ beschieden, und einer hypertrophen Fantasie ausgestattet, zog die „lange, schlotterige, lemurenhaft-eingeknickte Gestalt mit einem ausnehmend hässlichen Gesicht“ (Hebbel), die reinste Karl-Valentin-Figur also, hinaus ins Leben.

Schwieriger Anfang

Der Anfang in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen war noch bitter. Er trieb sich in Kaschemmen herum und hungerte wie nachmals der berühmte Held aus Knut Hamsuns epochalem Roman „Hunger“. Andersen versuchte es beim Theater: als Schauspieler, als Verfasser von schauerlich vaterländischen Tragödien - mit dem einzigen Erfolg, dass sich ein rechtschaffener Beamter in der Theaterdirektion seiner erbarmte und den Dichter mit der „grauenhaftesten Orthographie“ erst einmal auf die Schule schickte.

Hier musste der Achtzehnjährige mit zwölfjährigen Zöglingen die Bank drücken. Wäre er anfangs beinah körperlich zugrunde gegangen, so drohten ihn jetzt, die Schule und ihr sadistischer Rektor, bei dem er auch noch wohnte, seelisch umzubringen. „Meine starke Phantasie bringt mich ins Tollhaus, mein heftiges Gefühl macht mich zum Selbstmörder ...“, stöhnt er und lässt sich von der Frau des Rektors, seiner Hausherrin, einer dem Trunk ergebenen, fettleibigen Madame mit falschen roten Locken, verführen.

Es war sein erstes sexuelles Erlebnis und schlug ihm offenbar so aufs Gemüt, dass er nie wieder eine Frau anrührte. Zwar schwärmte er später hin und wieder für die eine oder andere berühmte Schauspielerin und Sängerin und besuchte auf seinen Reisen nach Paris das Bordell, wo er sich der höflichen Konversation mit nackten Prostituierten erfreute. Als die aber etwas von ihm wollten, reagierte er schockiert und angeekelt.

Nach der Schule schienen die lebensbedrohlichen, existenziellen Misslichkeiten tatsächlich überstanden. Andersen war nicht mehr zu bremsen, Buch um Buch erschien, Romane, Reiseerzählungen und Theaterstücke. Die Märchen brachten ihm dann den ungeahnten Durchbruch. Schon zu seinen Lebzeiten wurden sie in viele Sprachen übersetzt.

„Es war, als ob von diesem Tag an die Frühlingssonne in meinem Leben beständiger scheinen soll; ich empfand eine größere Sicherheit, denn schaute ich zurück, so sah ich klarer, dass eine liebevolle Vorsehung über mir wachte, dass alles, wie durch höher Gewalt, für mich zum Besten gelenkt wurde ...“

So weit so gut. War Andersen also ein Götterliebling? Vollzog er den sprichwörtlichen und von zahllosen Unglücklichen erträumten Lebenslauf vom Unglück der Geburt zum Glück des Lebens? Machte er die Superkarriere, die bei Literaten eher die Ausnahme als die Regel ist? Gewiss. Trotzdem blieb Andersen auch auf der Höhe seines Ruhmes ein Rastloser und Umherirrender. Er wurde nicht heimisch in den Kreisen, die ihn europaweit gönnerhaft empfingen. Das Unbehagen wollte ihn nicht verlassen, dass er eigentlich anderswo hingehörte: in den sozialen Unterstand.

Unablässig witterte er Kränkungen und Zurücksetzungen in der Gesellschaft und schützte sich mit Stolz und Eitelkeit davor. Immer wieder suchten ihn Anfälle hypochondrischer Verzweiflung heim, er wurde die Schattenseite des Daseins einfach nicht los, Depressionen umdüsterten ihn, gegen die er die verklärende Idylle seiner Märchen schon rein selbsttherapeutisch einsetzen musste.

Elende Gesundheit

Zudem machte ihm seine elende Gesundheit fortwährend zu schaffen, große Teile seiner Tagebücher lesen sich wie die reinsten Krankenjournale. Auf seinem Nachttisch lag ein Zettel, auf dem zu lesen stand: „Ich sehe nur tot aus“, so ängstigte er sich vorm Lebendigbegrabenwerden. Er fühlte sich dauernd reizbar, schlechter Laune, trübsinnig, unglücklich erregt und fürchtete, das eine um das andere Mal wie seine Großeltern verrückt zu werden. Seinen Lesern aber machte er weis:

„Mein Leben ist ein schönes Märchen, so reich und hold! Hätte ich, als Junge, da ich arm und allein in die Welt hinausging, eine mächtige Fee getroffen, und die hätte gesagt: Wähle deine Bahn und dein Ziel, und alsdann, der Entwicklung deines Geistes gemäß, und wie es vernünftigerweise in dieser Welt zugehen muss, werde ich dich behüten und dich führen, mein Schicksal hätte dann nicht glücklicher, klüger und besser gelenkt sein können, als es der Fall ist. Die Geschichte meines Lebens wird der Welt sagen, was sie mir sagt: Es gibt einen liebevollen Gott, der alles zum Besten führt.“

Bis zuletzt blieb der äußerst beliebte, mit Herzensgüte und Hilfsbereitschaft ausgestattete Märchenerzähler, erfolgreiche Reiseautor und fleißige Romanschriftsteller auf die Gunst der Oberen angewiesen: Seine weltweit verbreiteten Bücher brachten nicht genug Geld ein, dass er davon leben konnte. Er starb, mit Orden dekoriert, siebzigjährig 1875, kurz nachdem er für seine Statue im Königlichen Garten in Kopenhagen Modell gesessen hatte.

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