Der
Märchenonkel aus dem Armenhaus.
200. Geburtstag von Hans
Christian Andersen
Von Bernhard Windisch aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 29.03.2005:
Es war einmal ein bettelarmer Schusterssohn, dem wurde
das Leben zum Märchen. Er stieg zum Liebling von Fürsten und Königen
auf, wurde zum gefeierten Gast in all den vielen Landen, die er
bereiste, kam zu hohen Ehren und wurde durch seine Märchen unsterblich.
Wer kennt sie nicht, diese kleinen Dichtungen, scharf in Gedanke und
Form wie Sprichwörter, dabei so anschaulich wie Wald und Feld und See,
Melodien vergleichbar, die einem wie Ohrwürmer haften bleiben: „Das hässliche
Entlein“, „Des Kaisers neue Kleider“, „Die Prinzessin auf der
Erbse“ ... ?
Hans Christian Andersen, der große Verzauberer nicht nur von
Kinderherzen wurde am 2. April 1805 in Odense auf der dänischen Insel Fünen
geboren. Er stammte aus dem Subproletariat. Die Familie lebte in einer
einzigen Stube unter dem Dach eines hoffnungslos übervölkerten
Armenhauses. Den größten Teil des Zimmers nahm die Schusterwerkstatt
des Vaters ein, das Ehebett war aus einem Sarg gezimmert, und Andersen
selber musste sich mit einer Ruhebank als Schlaf- und Spielplatz begnügen.
Seine Großeltern hatte das Leben verrückt gemacht, sie endeten auf dem
Armenfriedhof.
Andersens ganzes Umfeld schien aus einem sozialen bzw. asozialen
Kolportageroman zu stammen: Trunksucht, Irrenhaus, Armenspital,
Armenschule, das Zuchthaus gleich in der Nachbarschaft - es wäre kein
Wunder gewesen, wenn der kleine Hans Christian den Weg seiner
Altvorderen genommen hätte. Aber es sollte anders
kommen. Mit nichts als der Prophezeiung einer Wahrsagerin, ihm sei eine
„illuminierte Zukunft“ beschieden, und einer hypertrophen
Fantasie ausgestattet, zog die „lange, schlotterige,
lemurenhaft-eingeknickte Gestalt mit einem ausnehmend hässlichen
Gesicht“ (Hebbel), die reinste Karl-Valentin-Figur also, hinaus ins
Leben.
Schwieriger Anfang
Der Anfang in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen war noch bitter. Er trieb
sich in Kaschemmen herum und hungerte wie nachmals der berühmte Held
aus Knut Hamsuns epochalem Roman „Hunger“. Andersen versuchte es
beim Theater: als Schauspieler, als Verfasser von schauerlich vaterländischen
Tragödien - mit dem einzigen Erfolg, dass sich ein rechtschaffener
Beamter in der Theaterdirektion seiner erbarmte und den Dichter mit der
„grauenhaftesten Orthographie“ erst einmal auf die Schule schickte.
Hier musste der Achtzehnjährige mit zwölfjährigen Zöglingen die Bank
drücken. Wäre er anfangs beinah körperlich zugrunde gegangen, so
drohten ihn jetzt, die Schule und ihr sadistischer Rektor, bei dem er
auch noch wohnte, seelisch umzubringen. „Meine starke Phantasie bringt
mich ins Tollhaus, mein heftiges Gefühl macht mich zum Selbstmörder
...“, stöhnt er und lässt sich von der Frau des Rektors, seiner
Hausherrin, einer dem Trunk ergebenen, fettleibigen Madame mit falschen
roten Locken, verführen.
Es war sein erstes sexuelles Erlebnis und schlug ihm offenbar so aufs
Gemüt, dass er nie wieder eine Frau anrührte. Zwar schwärmte er später
hin und wieder für die eine oder andere berühmte Schauspielerin und Sängerin
und besuchte auf seinen Reisen nach Paris das Bordell, wo er sich der höflichen
Konversation mit nackten Prostituierten erfreute. Als die aber etwas von
ihm wollten, reagierte er schockiert und angeekelt.
Nach der Schule schienen die lebensbedrohlichen, existenziellen
Misslichkeiten tatsächlich überstanden. Andersen war nicht mehr zu
bremsen, Buch um Buch erschien, Romane, Reiseerzählungen und Theaterstücke.
Die Märchen brachten ihm dann den ungeahnten Durchbruch. Schon zu
seinen Lebzeiten wurden sie in viele Sprachen übersetzt.
„Es war, als ob von diesem Tag an die Frühlingssonne in meinem Leben
beständiger scheinen soll; ich empfand eine größere Sicherheit, denn
schaute ich zurück, so sah ich klarer, dass eine liebevolle Vorsehung
über mir wachte, dass alles, wie durch höher Gewalt, für mich zum
Besten gelenkt wurde ...“
So weit so gut. War Andersen also ein Götterliebling? Vollzog er den
sprichwörtlichen und von zahllosen Unglücklichen erträumten
Lebenslauf vom Unglück der Geburt zum Glück des Lebens? Machte er die
Superkarriere, die bei Literaten eher die Ausnahme als die Regel ist?
Gewiss. Trotzdem blieb Andersen auch auf der Höhe seines Ruhmes ein
Rastloser und Umherirrender. Er wurde nicht heimisch in den Kreisen, die
ihn europaweit gönnerhaft empfingen. Das Unbehagen wollte ihn nicht
verlassen, dass er eigentlich anderswo hingehörte: in den sozialen
Unterstand.
Unablässig witterte er Kränkungen und Zurücksetzungen in der
Gesellschaft und schützte sich mit Stolz und Eitelkeit davor. Immer
wieder suchten ihn Anfälle hypochondrischer Verzweiflung heim, er wurde
die Schattenseite des Daseins einfach nicht los, Depressionen umdüsterten
ihn, gegen die er die verklärende Idylle seiner Märchen schon rein
selbsttherapeutisch einsetzen musste.
Elende Gesundheit
Zudem machte ihm seine elende Gesundheit fortwährend zu schaffen, große
Teile seiner Tagebücher lesen sich wie die reinsten Krankenjournale.
Auf seinem Nachttisch lag ein Zettel, auf dem zu lesen stand: „Ich
sehe nur tot aus“, so ängstigte er sich vorm Lebendigbegrabenwerden.
Er fühlte sich dauernd reizbar, schlechter Laune, trübsinnig, unglücklich
erregt und fürchtete, das eine um das andere Mal wie seine Großeltern
verrückt zu werden. Seinen Lesern aber machte er weis:
„Mein Leben ist ein schönes Märchen, so reich und hold! Hätte ich,
als Junge, da ich arm und allein in die Welt hinausging, eine mächtige
Fee getroffen, und die hätte gesagt: Wähle deine Bahn und dein Ziel,
und alsdann, der Entwicklung deines Geistes gemäß, und wie es vernünftigerweise
in dieser Welt zugehen muss, werde ich dich behüten und dich führen,
mein Schicksal hätte dann nicht glücklicher, klüger und besser
gelenkt sein können, als es der Fall ist. Die Geschichte meines Lebens
wird der Welt sagen, was sie mir sagt: Es gibt einen liebevollen Gott,
der alles zum Besten führt.“
Bis zuletzt blieb der äußerst beliebte, mit Herzensgüte und
Hilfsbereitschaft ausgestattete Märchenerzähler, erfolgreiche
Reiseautor und fleißige Romanschriftsteller auf die Gunst der Oberen
angewiesen: Seine weltweit verbreiteten Bücher brachten nicht genug
Geld ein, dass er davon leben konnte. Er starb, mit Orden dekoriert,
siebzigjährig 1875, kurz nachdem er für seine Statue im Königlichen
Garten in Kopenhagen Modell gesessen hatte.
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