1.) - 3.)
Achtung vor der Schöpfung
und dem Schöpfer
Eine bedeutende, unbequeme bayerische Stimme ist
verstummt: Zum Tod des Schriftstellers Carl Amery
Von Simone Dattenberger aus dem Münchner
Merkur, 30.05.2005:
Eine der originellsten Stimmen Bayerns ist verstummt. Dichter, Sozialkritiker, leidenschaftlicher Katholik sowie ökonomischer und ökologischer Denker, all das ist in Carl Amery gestorben. Schon am 24. Mai, wie der Luchterhand Literaturverlag jetzt bestätigte. Amery ist bereits beerdigt worden. Der Münchner wurde 83 Jahre alt. Sein Tod ist ein großer Verlust für eine Welt, die nur in Geld, in materiellen Werten denkt - und doch eine Sehnsucht nach dem ganz anderen hat. Amery war einer, der sich gegen "Mammonismus" stemmte und der Utopie Wirklichkeit verhieß.
Mit bairischer Eloquenz und ihrer barocken
Drastik, Lebenslust und Frechheit. Er traute sich, anders zu denken - an den
Konsumfetischisten vorbei, an den Frömmel-Klerikalen vorbei, an den
stumpfsinnig In-eine-Richtung-Argumentierern vorbei. Vorgeformte Urteile, Überlegungen
und Sätze waren ihm fremd. Mehr von seiner Sorte sollte es geben, und man müsste
sich auch ernsthaft mit ihnen auseinander setzen, dann hätte Deutschland mehr
Auftrieb, Neues zu probieren; gäbe es weniger verzagte Besorgnis-Erreger, die
eigentlich nur ihren Besitzstand wahren wollen, sondern frisch-freche
Innovatoren. Solche wie Amery könnten etwas bewegen.
Amery wurde als Christian Anton Mayer am 9. April 1922 in München als Sohn
eines Universitätsprofessors geboren. Er studierte in München und Washington
Literaturwissenschaften. Er war Regisseur und Dramaturg beim BR,
Bibliotheksdirektor in München - und freier Autor. Er gehörte zur Gruppe 47.
Später engagierte er sich im Verband Deutscher Schriftsteller und war von 1989
bis 91 Präsident des deutschen PEN-Zentrums.
"Der Mensch kann die Krone der Schöpfung bleiben, wenn er weiß, dass er
sie nicht ist", sagte Amery in einem Gespräch mit unserer Zeitung. In
dieser Äußerung verbinden sich seine tiefsten Anliegen: Achtung vor der Schöpfung,
vor dem Schöpfer. Seine große und kritische Religiosität war für Carl Amery
- er wuchs auch in der Domstadt Freising auf - Lebenskraft. Sie zeigte sich in
Romanen wie "Der Wettbewerb" (1954) oder "Das Geheimnis der
Krypta" (1990), aber auch in Essays wie "Global Exit" (2002) oder
"Briefe an den Reichtum" (2005). Diese Kraft trägt ihn wohl auch in
sein neues Leben.
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2.)
Rebellischer Katholik und leidenschaftlicher
Bayer
Von Wolfgang
Platzeck aus der WAZ
vom 30.5.2005:
Sein wohl berühmtester Roman, "Die Wallfahrer", endet im Jahr 44 999 868. Carl Amery entwickelt darin das komödiantisch durchwirkte Szenario einer atomaren und ökologischen Katastrophe, die der Menschheit mit ihrem fehlgeleiteten Fortschrittsglauben den Garaus bereitet hat.
Der kritische Linkskatholik aus Bayern, der, - wie erst jetzt bekannt wurde - bereits am 24. Mai im Alter von 83 Jahren gestorben ist, hat sich als Romancier, Essayist und Hörspielautor immer wieder mit Fragen der ökologischen Lebensgrundlagen, der Abrüstung und der Friedenssicherung befasst.
Einem breiten Lesepublikum bekannt wurde der gebürtige Münchner, dessen Künstlername Amery eine Umformung des Geburtsnamens Mayer ist, vor allem durch seine utopischen Romane "An den Feuern der Leyermark" und "Der Untergang der Stadt Passau" sowie durch seine Science-Fiction-Satire "Das Königsprojekt".
Daneben hat sich Amery - dessen Aufsätze und Essays über J. R. R. Tolkien zum Lesenswertesten gehören, was in Deutschland über den Schöpfer des "Herrn der Ringe" geschrieben wurde - stets intensiv mit der institutionalisierten christlichen Kirche auseinander gesetzt. Sein 1973 erschienener ökologischer Appell "Das Ende der Vorsehung" löste ebenso heftige Diskussionen aus wie seine Streitschrift "Kapitulation oder Deutscher Katholizismus" (1963). Im "Königsprojekt" versucht eine vatikanische Kongregation, die Reformation rückgängig zu machen. In den "Wallfahrern", deren Pilgerreise zur Gottesmutter von Tuntenhausen geradewegs in die Zukunft führt, nimmt er die Geschichte katholischer Frömmigkeit aufs Korn.
Persönliches Engagement gehörte zum Selbstverständnis des Mitglieds der "Gruppe 47": Amery stand lange dem bayerischen VS vor, war Vorsitzender des Bundesverbandes, initiierte den "Deutschen Literaturfonds", leitete von 1989 bis 1991 die Geschichte des deutschen PEN. Bis zuletzt blieb er hellwach und aktiv. Noch einen Tag vor seinem Tod rief er die Kirchen auf, der Vergötzung des Geldes und dem Aufstieg des Kapitalismus´ zur Staatsreligion stärker entgegen zu wirken.
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3.)
Der Geradeaus-Denker
Der kritische Katholik, Schriftsteller und
Grünen-Mitbegründer Carl
Amery starb im Alter von 83 Jahren in München.
Von JD
aus der NRZ vom
30.5.2005:
Er war politischer Christ, ein militanter Ökologe, ein bewusster Bayer und einer der letzten großen Schriftsteller, denen es um mehr geht als nur um Literatur: Carl Amery wollte mit seinen Büchern "nicht argumentieren, sondern möglichst genau die unbewussten Regionen ausfindig machen, in denen die Vorurteile kauern". Mit diesem Ziel hat er sich nicht immer Freunde gemacht - aber viel Respekt in der ganzen Republik verschafft.
Wühltische der Betroffenheits-Industrie
Der rastlos tätige und weiterdenkende Amery, der 1922 als Christian Anton Mayer
zur Welt kam, wurde Mitbegründer der Grünen, nachdem er bei der SPD
ausgetreten war. Schon bald aber zog er die bittere Bilanz, dass auch die Grünen
zu einer "Normalpartei" geworden sind, mit der die Bedrohung von
Mensch und Natur "zu einem preisgünstigen Angebot auf den Wühltischen der
Betroffenheits-Industrie" geworden sei. Amery, der linke Katholik, wurde
zum Radikal-Konservativen, wie es seine schöne Abwandlung von Marxens Elfter
Feuerbach-These ausdrückt: "Bisher hat sich der Materialismus begnügt,
die Welt zu verändern; jetzt kommt es darauf an, sie zu erhalten." Kein
Wunder, dass ihm auch die gegenwärtige Kapitalismus-Debatte viel zu oberflächlich
vorkam.
Der scharfe Klartext seiner Essay-Bände wie "Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute" (1963) konkurrierte mit der Fabulierlust seiner Romane, unter denen "Die Wallfahrer" in ihrer bajuwarisch-barocken Erzählpracht mit zivilisationskritischen Zügen herausragen. Heinrich Böll, der mit Amery seit den Tagen der "Gruppe 47" vertraut war, fand schon früh, er sei als Autor zu schade für den Katholizismus, er solle doch wieder Romane schreiben. Das hat Amery eigentlich stets getan, bis hin zu solchen verworrenen Endzeit-Szenarien wie "Das Geheimnis der Krypta" von 1990. Schon das literarische Debüt Amerys, der nach Kriegsdienst und Gefangenschaft, nach einem Literatur-Studium in den USA beim Bayerischen Rundfunk arbeitete, war ein zeitkritischer Roman: "Der Wettbewerb" von 1954 rechnete ebenso mit der Gegenwart ab wie der utopische Roman "Der Untergang der Stadt Passau" (1975).
Carl Amery, der bereits am 24. Mai im Alter von 83 Jahren in München gestorben ist, wie seine Familie gestern mitteilen ließ, war Präsident des deutschen PEN-Zentrums und Vorsitzender im Verband deutscher Schriftsteller, aber eines war er vor allem: ein überaus einflussreicher Geradeaus-Denker. Erst die Konfrontation mit der Kirche ließ das Etikett des Rebellen, des Zwischen-den-Stühlen-Sitzers und Querdenkers an diesem radikalen Katholiken haften. Er selber sah sich am liebsten "einfach" als Moralisten. Für ihn war das zeitlebens kein Schimpfwort.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]
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