Swetlana Alexijewitsch, 2011, Foto: Ekko von Schwichow

Swetlana Alexijewitsch
Foto: Ekko von Schwichow

www.schwichow.de

Literaturnobelpreis für Alexijewitsch
"...weil sie dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt". Die Werke der 67-jährigen Weißrussin haben in Deutschland viele Leser

Von Britta Heidemann in der WAZ vom 09.10.2015:

Sie gibt jenen eine Stimme, die sonst ungehört bleiben – die jeden Glauben daran verloren haben, ihre Stimme könnte wichtig sein. Der Nobelpreis für die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch ehrt eine Autorin, deren politisches und gesellschaftliches Engagement eine eigene literarische Gattung geschaffen hat: die der „chorischen  Zeugenschaft“.

Ob sie die Kriegswaisen und -witwen des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs zu Wort kommen lässt („Zinkjungen“) oder die Menschen, die im Umkreis des Tschernobyl-Reaktors leben („Tschernobyl – eine Chronik der Zukunft“): Wer ihre Bücher liest, erfährt Geschichte als Rausch von Geschichten. Dass sie dabei nicht urteilt, nicht unterscheidet zwischen den Geschichten von Opfern und Tätern, dass sie noch die traumatischsten Details unerschrocken referiert, macht die Lektüre zuweilen schwer erträglich.

In Konflikt mit der Zensur

1948 als Tochter einer Ukrainerin und eines weißrussischen Soldaten in der Westukraine geboren, wuchs Swetlana Alexandrowa Alexijewitsch in einem Dorf in Weißrussland auf – ihre Eltern arbeiteten als Lehrer. In Minsk studierte sie Journalistik und schrieb zunächst für eine Lokalzeitung, später für ein Literaturmagazin. Schon hier suchte sie die größtmögliche Annäherung an das Leben in der Vielstimmigkeit. Als 1983 ihr Werk „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ erschien, in dem russische Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg ihre Erinnerungen schilderten, geriet sie erstmals mit der Zensur in Konflikt – sie verlor ihre Arbeitsstelle. Und blieb doch ihrer Überzeugung treu, suchte weiter in der Form der Collage den Kern einer Wahrheit, für die sich zu kämpfen lohnt. Wenn auch, über viele Jahre, mit Abstand zu ihrer Heimat. Erst 2011 kehrte sie, nach längeren Aufenthalten unter anderem in Paris und Berlin, zurück; auch, weil ihre Tochter ihr eine Enkelin schenkte und sie deren Aufwachsen erleben wollte.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Dass ihre Werke in Deutschland eine breitere Leserschaft fanden, ist nicht zuletzt Elisabeth Ruge, Tochter des Journalisten Gerd Ruge, zu verdanken, die ihr zur Freundin und Förderin wurde. Als Verlegerin von Hanser Berlin veröffentlichte Elisabeth Ruge 2013 Alexijewitsch’ Opus Magnum „Secondhand-Zeit“. Im selben Jahr erhielt Alexijewitsch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Dieses sicherlich umfangreichste, aber auch vielleicht eindrucksvollste ihrer Werke lässt den „Homo Sovieticus“ zu Wort kommen und erzählt von der „Seconhand-Zeit“, die für die Menschen nach dem Zerfall der Sowjetunion anbrach, dem Leben aus zweiter Hand. Alexijewitsch’ Haltung zum Kommunismus hat sich durch die vielen Gespräche, die sie für ihr umfangreiches Werk führte, bekräftigt. In einem Interview hat sie ihn als Viruskrankheit bezeichnet: „Trotz Heilmitteln kommt er in immer neuen Varianten wieder.“

Eine Menschenforscherin

In Alexijewitsch’ Hand wird das ganz normale, zivile Leben fern von Krieg und Katastrophe zu einem Spiegel des kranken und krank machenden politischen Systems, ob es da um die Kunst, Lebensmittel zu beschaffen geht oder um die Erzählung familiärer Anekdoten. „Ich staune immer wieder, wie interessant das ganz normale menschliche Leben ist“, schildert sie ihre Herangehensweise, die auch mehrere Wahrheiten kommentarlos nebeneinanderstellt, gegen die gradlinige Geschichtsschreibung der Historiker: „Ich sehe die Welt mit den Augen einer Menschenforscherin.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1015 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Westdeutsche Allgemeine