Zum 100. Geburtstag von Theodor W. Adorno
Von Claudia Michels in der Frankfurter Rundschau, 2.4.2003:

Wo Adorno draufsteht, muss auch Adorno drin sein
Zum 100. Geburtstag des in Frankfurt geborenen Philosophen präsentiert die Stadt über Monate ein vielfältiges Programm

Frankfurt feiert Theodor W. Adorno. Oberbürgermeisterin Petra Roth persönlich steckt "sehr viel Herzblut in die Sache" seines 100. Geburtstages, wie sie bei einer Pressekonferenz am Dienstag sagte; "Wir möchten, dass Adorno neu gelesen wird." Die Jubiläumsveranstaltungen, überwiegend Vorträge, Symposien, Diskussionen und Ausstellungen, beginnen am 5. April.

Der Philosoph, Soziologe und Musiktheoretiker Adorno und Frankfurt: Diese wechselvolle Geschichte beginnt am 11. September 1903, als Theodor in einem klassizistischen Haus an der Schönen Aussicht geboren wird. Der Sohn eines jüdischen Weinhändlers macht mit 17 Jahren Abitur, studiert an der Frankfurter Universität Philosophie, Soziologie, Psychologie und Musikwissenschaft, erhält am Hoch‘schen Konservatorium Kompositionsunterricht – und wird parallel zu alledem bereits zu einem "gefürchteten und gestrengen Musikkritiker", wie die "Frankfurter Biographie" festhält. 1924 ist die Doktorarbeit fertig, 1927 die Habilitation. 1931 hält Professor Theodor W. Adorno in Frankfurt seine Antrittsvorlesung zur "Aktualität der Philosophie". Seine Lehrbefugnis währt vier Semester, dann wird sie ihm mit den Nazi-Gesetzen, die "die Entfernung der Juden von deutschen Hochschulen" verfügen, aberkannt.

Oberbürgermeisterin Petra Roth strich es gestern als "wohltuend" heraus, dass Adorno, der 1934 emigriert ist, schon 1949 nach Frankfurt zurückkehrte, "um, hier seine geistige Lehre fortzusetzen". Sie nahm das als Beleg für "die Freiheit des Geistes, die in Frankfurt zu Hause ist". Adorno, der seine Hauptwerke "Dialektik der Aufklärung" (mit Max Horkheimer) und "Minima Moralia" im US-amerikanischen Exil verfasst hatte, erhielt auf Druck der Alliierten "einen Wiedergutmachungslehrstuhl", wie es im Jargon hieß. Erst 1957 gab man Adorno eine ordentliche Professur. Petra Roth hat "seine mit hunderten von Studenten überfüllten Vorlesungen wahrgenommen, als ich 1964 nach Frankfurt kam". 1969 ist Adorno gestorben, bald nach einer ihn bedrängenden Auseinandersetzung mit einer Gruppe Studierender in seinem Institut.

Für das Ausrichten des Geburtstagsjahres hat die Stadt eine Stabsstelle eingerichtet, der die Literaturwissenschaftlerin Stefana Sabin vorsteht. So vielfältig Adorno war, so vielfältig sollte das Frankfurter Programm zu seinen Ehren sein, das am 5. April mit einem Vortrag mit Musik von Adorno in der "Denkbar", Schillerstraße 26, beginnt und Anfang Dezember endet.

Höhepunkte sind neben der Eröffnung des neu gestalteten Adorno-Platzes am 11. September die Adorno-Preis-Verleihung mit Festkonzert am 13. September. "Adorno in Frankfurt" beleuchtet eine Ausstellung in der Stadt- und Universitätsbibliothek. "Leben und Werk" des Sozialphilosophen werden im Historischen Museum präsentiert, der Kunstverein will zeigen, welche Wirkung sein Denken auf die Kunst zeigte. Schauspiel Frankfurt beteiligt sich mit einer philosophisch- literarisch-musikalischen Matinee, die Goethe-Universität mit zwei hochkarätig besetzten "Internationalen Theodor W. Adorno-Konferenzen". Das Goethe-Museum und das Jüdische Museum sind dabei wie die Musikhochschule oder das Literaturhaus.

Die Stadt verhilft dem schlecht untergebrachten Adorno-Archiv, das dem Philanthropen und Mäzen Jan Philipp Reemtsma gehört, zu einem neuen Sitz in einer Villa an der Bockenheimer Georg-Voigt-Straße 12, wie Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff bekannt machte. OB Roth kritisierte, dass das Archiv, in dessen Aufsichtsrat sie sitze, sich nicht nach außen öffne: "Da wäre unheimlich viel drin."

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