Tauben fliegen auf von Melinda Nadj Abonji, 2010, Jung und Jung

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Melinda Nadj Abonji gewinnt den Deutschen Buchpreis für ihren Roman "Tauben fliegen auf", erschienen im österreichischen Verlag Jung und Jung
Die in Serbien geborene und in Zürich lebende Melinda Nadj Abonji wurde am Montagabend für ihren Roman "Tauben fliegen auf", erschienen im österreichischen Verlag Jung und Jung, mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.
Von Isabella Pohl in Der Standard, Wien vom 5.10.2010:

Am Donnerstag wird die verschwiegenste und geheimnisvollste Jury der Literaturwelt in Stockholm den diesjährigen Nobelpreisträger küren. Der Preis würdigt das Lebenswerk eines Schriftstellers und hat in seiner Geschichte immer wieder die Erwartungen überrascht, übertroffen oder auch enttäuscht, und manchmal konnte man seine Vergabe als klares politisches Signal lesen.

Andere Absichten verfolgt der Deutsche Buchpreis, der heuer bereits zum sechsten Mal am Abend vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal im Frankfurter Römer vergeben wird: nicht um einen Schriftsteller zu ehren, sondern primär, um einen Roman zum "Buch des Jahres" zu küren. Es geht dem Börseverein des Deutschen Buchhandels, der hier als Initiator und Veranstalter fungiert, also um ein Produkt, dessen Verkauf gefördert werden soll. Der Buchpreis ist also keineswegs ein Abbild der literarischen Saison, sondern ein groß angelegtes Vermarktungsinstrument.

Das Procedere ist werbewirksam umständlich und staatstragend aufgebaut: Der Börseverein, der als Standesvertreter für Verleger und Buchhändler gilt, ernennt eine elfköpfige Akademie des Deutschen Buchpreises, die unter anderem Kulturminister Bernd Neumann zu ihren Mitgliedern zählt und ihrerseits die jährlich wechselnde Jury bestellt. Die Jury wiederum setzt sich aus Literaturkritikern sowie Vertretern von Handel und Institutionen zusammen und hat dieses Jahr insgesamt 148 Einreichungen von Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgesehen. Im August wird daraus eine Longlist mit 20 Büchern ermittelt, vier Wochen darauf werden die sechs Finalisten auf die Shortlist gesetzt.

Empörte Kritiker

Und so empört manche Kritiker Jahr für Jahr die wirklich wichtigen Neuerscheinungen der Saison auf dieser Shortlist vermissen, so überraschend traf die Wahl in der kurzen Geschichte des Deutschen Buchpreises dann meist jüngere Autoren, die vor der Auszeichnung auf dem Markt keineswegs überpräsent waren: Vor Kathrin Schmidt 2009 waren dies Arno Geiger, Katharina Hacker, Tillmann Rammstedt, Julia Franck und Uwe Tellkamp.

Als einziger Österreicher hat es heuer Doron Rabinovici auf die Shortlist geschafft: "Andernorts" heißt sein Roman, der sich mit den großen Themen des Judentums auseinandersetzt. Ausgehend von einer Familiengeschichte debattiert Rabinovici die Shoah, das Erinnern und Vergessen. Auch im Beitrag des Salzburger Jung und Jung Verlages steht eine Familiengeschichte und die Gespaltenheit im Vordergrund: Melinda Nadj Abonji wurde 1968 in Serbien geboren und übersiedelte als Kind mit der Familie in die Schweiz. Von der Heimats- und Identitätssuche handelt ihr Roman "Tauben fliegen auf". Auch "Rabenliebe" beschreibt eine Suche nach Identität: Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek erzählt in seinem autobiografischen Roman über einen Knaben, der in Waisenheimen der DDR aufwächst und erst spät erfährt, dass seine Mutter noch lebt und ihn zurückgelassen hat, als sie in den Westen floh.

Von einer Jugend im sozialistischen Prag erzählt Jan Faktors Roman "Sorgen um die Vergangenheit", vom Großwerden in der norddeutschen Provinz jener von Judith Zander ("Dinge, die wir heute sagten"). Einzig Thomas Lehr wendet sich vom Privaten ab: "Fata Morgana" ist ein west-östlicher Monolog über die kriegerischen Folgen des 11. September.

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Tauben fliegen auf von Melinda Nadj Abonji, 2010, Jung und Jung2.)

Deutscher Buchpreis an Melinda Nadj Abonji
Am Vorabend der Frankfurter Buchmesse wurde in Frankfurt "Tauben fliegen auf" als bester deutschsprachiger Roman 2010 ausgezeichnet.
Von Peter Pisa im Kurier, Wien, 5.10.2010:

Die 300.000 Neuerscheinungen, die in Frankfurt auf 170.000 Quadratmetern aufgestellt sind, werden am Dienstag zunächst nur dem sogenannten Fachpublikum präsentiert. Ab Mittwoch dürfen Privatbesucher in die Hallen - 14 Euro kostet die Tageskarte, also nicht viel mehr als bei der Buch Wien, die im November auf rund 7000 Quadratmetern stattfindet.
Während der 62. Frankfurter Show wird, am Donnerstag um exakt 13 Uhr, in Stockholm der heurige Literatur-Nobelpreisträger bekannt gegeben.
Beim (mitunter erstaunlich richtig liegenden) Londoner Wettanbieter Ladbrokes sind diesmal die Lyriker vorne - etwa der 79-jährige Schwede Tomas Tranströmer.

Und vor der Buchmesse, am Montagabend, fiel im Kaisersaal des Frankfurter Römer die Entscheidung über den Deutschen Buchpreis. Ausgezeichnet wurde die Schweizerin Melinda Nadj Abonji für ihren Roman "Tauben fliegen auf". Das im österreichischen Verlag Jung und Jung erschienene Buch ist eine erfolgreiche Integrationsgeschichte (Vojvodina, Schweiz), mit scheinbar leichter Hand geschrieben. Ihr erster Kommentar: "Ich glaube wirklich, dass ich überrascht bin."

Die Begründung der Jury: "Melinda Nadj Abonji erzählt, aus der Perspektive der Tochter Ildiko, die Geschichte einer ungarischen Familie aus der serbischen Vojvodina, die sich eine Existenz in der Schweizer Gastronomie gründet. Sie erzählt es mit einer eigenen und äußerst lebendigen Stimme, zunächst noch mit dem Blick des Kindes auf die Welt, dem alles neu ist und sich doch von selbst versteht, dann der jungen Frau, die allmählich die Brüche in und zwischen diesen sehr verschiedenen Welten wahrnimmt, immer aber mit einer großen Empathie und Humanität. Was als scheinbar unbeschwerte Balkan-Komödie beginnt, wenn die Familie mit einem klapprigen braunen Chevrolet die sommerliche Reise in die alte Heimat antritt - darauf fallen bald die Schatten der Geschichte und der sich anbahnenden jugoslawischen Kriege. So gibt das Buch ,Tauben fliegen auf' das vertiefte Bild eines gegenwärtigen Europa im Aufbruch, das mit seiner Vergangenheit noch lang nicht abgeschlossen hat."

Die sieben Jurymitglieder hatten insgesamt 148 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2009 und dem 8. September 2010 erschienen waren. Der Preisträger erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro; die fünf Finalisten erhalten jeweils 2.500 Euro.

Die Finalisten

156 Österreicher in Frankfurt: Neben seelischer Nahrung ist Proviant dabei

Heuer sind 7000 Aussteller aus aller Welt nach Frankfurt gekommen, 156 aus Österreich. Der Klagenfurter Verleger Lojze Wieser hat immer Schinken mit.

KURIER: Warum Frankfurt?
Lojze Wieser: Wenn man hier ausstellt, ist man ein Verleger. Stellt man hier nicht aus, ist man keiner!

Also muss man.
Ja, weil man trifft in wenigen Tagen so viele maßgebliche Leute, die man übers Jahr nicht zusammenkriegt.

Was hat sich in Frankfurt in den letzten Jahren verändert?
Größere Hektik, mehr Schau, mehr Marketing, alles scheuklappenartig.

Wie schaffen Sie es, dass Ihr Buchstand schon mehrmals zum schönsten der Messe gewählt wurde?
Wenn die Brieftasche bescheidener aufgefüllt ist, versucht man es mit der Haptik der Bücher und der sorgfältigen Präsentation. Denn sowohl der "Bank Austria Literaris", der Preis für osteuropäische Literatur, als auch die "Europa erlesen und Europa erhören"-CDs und alle anderen Gruböcks, Sorias und Lipuš' ... verdienen es, sich während der Buchmesse wohlzufühlen. Darum haben wir neben seelischer Nahrung auch Proviant mitgebracht: Luftgetrockneten Schinken vom Karst, Salami und Käse aus Kobarid, Wein aus der Goriška brda und Birnenbrand von den Schwiegereltern. (P.P.)

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