Aufsaugen und durchlässig
sein
Geschwister-Scholl-Preis für Soazig Aaron
Von Christine Diller aus dem Münchner
Merkur, 23.11.2004:
Ein Schwamm sei sie, wenn sie arbeite, sagt
Soazig Aaron. Im Schwammzustand würden ihrer Meinung nach Romane geschrieben.
Dieses Selbstbild ist nicht nur auf die Bescheidenheit zurückzuführen, mit der
die Französin auch am Pult steht und ihre Dankesrede hält. Aaron, die am
Montag in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität den
Geschwister-Scholl-Preis verliehen bekam, hat dieses Schwammprinzip - aufsaugen
und wieder von sich geben, durchlässig sein - zur Grundvoraussetzung ihrer
Tagebuch-
Erzählung "Klaras NEIN" gemacht.
Das Neue, bisher nie so Gehörte, für manche
Unerhörte an dieser Autorin ist, dass sie, die übrigens unter einem Pseudonym
auftritt, keine Zeitzeugin des Holocaust mehr ist, auch ihre Eltern keine Opfer
waren und sie trotzdem - ausschließlich fiktional - darüber schreibt. Und dass
ihre Figur Klara, die Auschwitz überlebt hat und nun in den
Tagebuchaufzeichnungen ihrer Schwägerin beschrieben wird, für die Mitmenschen
eine Zumutung geworden ist mit ihren Lügen, ihrer Herzlosigkeit und
Unerbittlichkeit. Das "Schwamm"-Sein habe Aaron einen
"Unschulds-, nicht aber Naivitätszustand" erlaubt: "Sich zum
Zensor über eine Figur zu erheben, wäre aus meiner Sicht eine
Geschmacklosigkeit, wenn nicht gar ein Beweis für Feigheit und
Ungerechtigkeit."
"Darf man", fragte Christoph Buchwald in seiner hervorragenden
Laudatio stellvertretend, "eine Jüdin, eine fast zu Tode geschundene Überlebende
so darstellen?" Die Antwort überließ er den Lesern und lobte stattdessen
die literarische Meisterschaft, mit der sich die Autorin vor Urteil und
Vorverurteilung hüte und mit der sie sich über "Denkbeschränkungen des Gutmenschentums und der Political Correctness" hinwegsetze. Er halte
"Klaras NEIN" für "das bislang überzeugendste Argument gegen
die Doktrin eines fernsehbekannten Literaturkritikers, der meinte, über die
Erfahrungen von Auschwitz dürfe überhaupt nur schreiben, wer sie mitgemacht
habe".
Anlässlich der 25. Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises durch die
Landeshauptstadt München und den Börsenverein des deutschen Buchhandels
erinnerte Oberbürgermeister Christian Ude daran, dass noch bei jedem Festakt
eine Warnung vor Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus
aktuell gewesen sei. Im Vorjahr habe der vereitelte Anschlag auf die
Grundsteinlegung des Jüdischen Gemeindezentrums aufgeschreckt, diesmal sei es
der Wahlerfolg rechtsextremistischer Parteien in Brandenburg und Sachsen.
Es sei leider modern geworden, Wahlenthaltung zu predigen, um sich nicht mit
unpopulären Beschlüssen der Politik gemein machen zu müssen. Und weil dieser
Preis unter anderem "Impulse für das verantwortliche
Gegenwartsbewusstsein" auszeichnet, appellierte Ude, die demokratischen
Institutionen und Prozesse zu stärken. Denjenigen, die sich für den
Geschwister-Scholl-Preis interessieren, brauchte er das vermutlich nicht zu
sagen.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
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