Die Freundin von Marina Zwetajewa, 2002, Ammann

Marina Zwetajewa

Die Freundin
(Leseprobe aus: Liebesgedichte, 2002, Ammann - Übertragung Ralph Dutli)

1


Sind Sie jetzt glücklich? Kein Wort kommt von Ihnen!
Auch gut -- so stumm!
Mir scheint, Sie küßten wohl schon viel zu viele.
Sind traurig -- darum.
Alle Heldinnen aus Shakespeares Tragödien
In Ihrer Gestalt.
Rettung gabs keine, junge tragische Lady,
Keinen -- der half.
Sie sind es müde, all das Liebesgerede
Zu alt, zu schwer.
Der eiserne Reif an der Hand, der blutleeren --
Sagt so viel mehr.
Ich liebe Sie! Die Sünde: Wolkenfetzen
Über Ihrer Stirn,
Weil Sie so ätzend sind und so verletzend --
Und besser als wir.
Weil wir, weil unsre Leben sich nie gleichen
In dieser Nacht,
Für die Verführungskünste, Ihre reichen,
Für die fatale Macht,
Weil ich einst Ihnen, jähgestirnter Dämon,
Sage: Verzeih,
Weil Sie unrettbar sind -- noch über Gräbern! --
Reiß dich entzwei!
Für dieses Zitternde -- muß ich jetzt träumen?
Ist alles leer? --
Für diese Ironie, den Reiz, den neuen:
Sie sind -- kein Er.

16. Oktober 1914


2

Unter dem Plüschplaid, mich liebkosend,
Denk ich an gestern, an den Traum.
Was war das? Mein Sieg, dein Sieg? Bloß die
Besiegte Frau?
Ich überdenke alles, leide
Noch immer alles nochmals neu.
In dem, wofür's kein Wort gibt, keines!
War Liebe wohl dabei?
Wer war der Jäger? Wer die Beute?
So teuflisch alles und verrannt!
Was -- lange schnurrend -- wohl der Kater
Von alledem verstand?
In jenem Zweikampf zweier Willen
Wer war der Ball in wessen Hand?
Und wessen Herz -- das meine, Ihres --
Ist plötzlich durchgebrannt?
Und -- was nur war das? -- immer wieder:
Was will man bloß, das dann nur trügt?
Ich weiß es nicht: bin ich die Siegerin?
War ich besiegt?

23. Oktober 1914


3

Tauwetter jetzt, so daß ich heute
Am Fenster lange-lange stand.
Nüchtern der Blick, ich atme freier,
Besänftigt wieder, nach dem Brand.
Ich weiß gar nicht warum. Die Seele
Ist jetzt ganz einfach abgespannt,
Nicht mal den Bleistift, den Rebellen,
Möcht ich berühren mit der Hand.
So stand ich denn -- fast wie im Nebel --
So weit von Gut und Böse, daß
Ich mit dem Finger sachte trommle
Ans kaum erklirrende Fensterglas.
Die Seele schlechter nicht, nicht besser
Als der Erstbeste, der da tappt --
Als schillernd alle Perlmutt-Pfützen
In die der Himmel sich verschwappt,
Als der vorüberfliegende Vogel
Oder der letzte Hund, verirrt.
Nicht mal die Sängerin, die bettelt,
Hat mich zu Tränen jetzt gerührt.
Die liebe Kunst namens Vergessen
Hat sich die Seele eingesaugt.
Und ein Gefühl, irgendein großes,
Hat heute tief in mir getaut.

24. Oktober 1914


4

Sich anzuziehen -- keine Lust,
Sie wollten nicht mal aufstehn aus den Sesseln.
-- Doch jeder Ihrer künftigen Tage muß
Von meiner Freude froh sein bis zum letzten.
Besonders waren Sie abgeneigt,
Noch rauszugehn in Nacht und Kälte.
-- Doch jede Ihrer künftigen Stunden sei
Von meiner Freude jung-erhellte.
Sie haben das so ohne Falsch getan,
Unschuldig und nie gutzumachen.
-- Ich war nur Ihre Jugend, kann
Nichts als vorübergehn, verlassen.

25. Oktober 1914


5

Heut abend war's, gegen acht,
Hinweg über die Große Lubjanka,
Wie Schneebälle, Kugeln -- sacht
Sausten die Schlitten und wankten.
Ein Lachen, das schon einmal war ...
Mein Blick wie erstarrt, ohne Leben:
Das rötliche Fell -- ihr Haar,
Und Jemand sitzt aufrecht daneben!
Mit einer Andern schon waren Sie,
Zogen Ihre Schlittenfährten,
Begehrten und lieben -- wie?
Viel stärker als ich -- begehrten!
Oh, je n'en puis plus, j'étouffe! --
Sie riefen es hell und laut
Und schoben schwungvoll mit dem Ruf
Die Pelzdecke an ihr hinauf.
Fröhlich die Welt, der Abend -- schlimm!
Aus dem Muff Ihre Einkäufe wälzend ...
So sausten Sie im Schneewind hin,
Blick an Blick, und Pelzchen an Pelzchen.
Ein Aufruhr, grausamster Schlag,
Der Schnee -- weißes Weiß, niedertaumelnd.
Ich stand, zwei Sekunden lang --
Nicht mehr -- hinterher euch schauend.
Und strich übers lange Haar
Meines Pelzchens -- nicht zornig.
O Schneekönigin, jetzt ist es klar:
Dein kleiner Kay ist erfroren!

26. Oktober 1914


6

Überm Kaffeesatz schaut nachts dann
Weinend sie zum Orient.
Unschuldsmund, Mund voller Laster --
Ungeheure Blume: brennt.
Bald der Mond, ein junger, schlanker,
Löst die Purpurdämmrung ab.
Wieviel Ringlein, wieviel Spangen
Schenk ich dir -- soviel ich hab!
Junger Mond zwischen den Zweigen
Schützt, behütet keinen mehr.
Wieviel Armbänder und Kettchen
Schenk ich liebend gerne her!
Unter einer schweren Mähne
Blitzen die Pupillen weich.
Eifersucht deiner Gefährten?
Vollblutpferde sind so leicht!

6. Dezember 1914


7

Wie fröhlich leuchtete von Flocken
Ihr graues und mein Zobelfell,
Als durch den Weihnachtsmarkt wir zogen
Und Bänder suchten, lockend-hell.
Wie ich an rosig-ungesüßten
Waffeln mich vollaß -- wieviel? Sechs!
Und mich die roten Pferdchen rührten,
Mich rührten doch nur Sie zunächst.

Als rote Mäntel, groß wie Segel,
Schwatzten die uns bloß Lumpen auf,
Und staunten über Moskaus Mädchen --
Die Bauernweiber dumm und laut.
Und dann, als sich das Volk verstreute,
Gingen wir zögernd da hinein,
Wo auf der alten Gottesmutter
Ihr Blick verharrte ganz allein.
Wie das Gesicht mit trüben Augen
So gütig schien und ganz erschöpft,
Mit runden Amorputten auf dem
Ikonenschrein Elisabeths.
Wie Sie dann meinen Arm anhielten
Und sagten: »Oh, ich will sie, sehr!«
Behutsam stellten Sie die gelbe
Kerze hinein ins Lichtermeer ...
O weltliche, mit dem Opalring
Geschmückte Hand! Mein Mißgeschick!
Und ich versprach, noch diese Nacht dir
Zu stehlen das Ikonenstück.
Dann in den Gasthof jenes Klosters
-- Die Glocken dröhnten vor der Nacht --
So selig wie Geburtstagskinder
Krachten wir wie Soldatenpack.
Wie ich dann schwor, bevor ich alt bin
Noch hübsch zu werden -- Salz verstreut! --
Und dreimal fiel -- Sie wurden grantig --
Der Herzkönig mir zu erneut.
Wie Sie mich faßten, meinen Kopf mir
Liebkosten -- jede Locke glüht --
Und die Emailblume der Brosche
Hat meine Lippen mir gekühlt.
Wie ich entlang den schmalen Fingern
Mit meiner schläfrigen Wange strich,
Sie neckten mich, ich sei ein Junge,
Ihnen gefiel's, Sie mochten mich ...

Dezember 1914

Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © Ammann