Geheimreport von Carl Zuckmayer, 2002, WallsteinCarl Zuckmayer

Geheimreport
(Leseprobe aus: Geheimreport, 2002, Wallstein-Verlag)

Nach der Tragödie Furtwängler - das Satyrspiel und die Rüpelkomödie: Emil. Ich muss vorausschicken, dass ich in diesem Fall Partei bin. Ich liebe die alte Sau. - Es geht mir hier, wie dem zu früh verstorbenen Conrad Veidt, dem der Emil seine erste Frau, die grande diseuse Gussy Holl, weggeheiratet hat, und der einmal sagte: »Das Dumme ist - ohne die Holl kann man ja auskommen, - aber ohne den Emil kann man auf die Dauer nicht leben.« - Daran ist etwas Wahres, - obwohl »die Holl« eine bezaubernde und hinreissende Frau war, - ausser der Massary hatte keine andere mehr diese ganz grosse - fast noch offenbachsche - Tradition und artistische Vollkommenheit des »leichten Stils«, - dabei ist sie ein sehr natürlicher, lebensvoller, starker und leidenschaftlicher Mensch, gescheit wie der Teufel, resolut und weiblich, Dame und »Kerl« zugleich, geistvoll, reizvoll, weltläufig und mit allen Humoren gesegnet, - selbst aus ihrer »Kälte« konnte in der Beziehung zu den paar Menschen, die sie gern hatte, ein merkwürdiges, knisterfunkendes Feuer schlagen. Aber obwohl meine persönliche Freundschaft mit ihr, die ich seit 1920 kannte, im Grund tiefer und enger war als die mit dem Emil, - wenn ich mich frage wen ich von Beiden am liebsten wiedersehen möchte, würde ich unbedenklich sagen: die alte Sau - nämlich ihn. (Er trägt auch äusserlich eine Art von schmalzbäckigem Saukopf auf den mächtigen Schultern, der aber auch etwas von der kleinäugigen Verschlagenheit, der leisen Tücke und dem plumpen Charme eines Berner Bären hat.) Emil ist vielgehasst, gegen Wenige richtet sich die Unduldsamkeit der Gerechten so fanatisch und mit so humorloser Strenge. Es ist auch verständlich dass viele Emigranten - frühere Freunde die ihn als Verräter empfinden - und besonders die jüdischen - sehr böse auf ihn sind. Aber wenn er verfolgt würde, würde ich ihn wenn irgend möglich verstecken. Dies gehört durchaus zu seinem Charakterbild.
Er ist - obwohl Schauspieler - eine einzigartige Figur, von Rabelais entworfen, von Balzac ausgeführt, von Daumier gezeichnet und von Bruighel gemalt, von Moliere verspottet, von George Grosz karikiert. Dies bezieht sich nicht so sehr auf seine Meriten als Akteur, - die sehr bedeutend sind, - sondern mehr auf seine menschliche, besser gesagt: kreatürliche Erscheinung. Ob er ein Mensch ist könnte ich nicht genau sagen, - sicher aber eine der amüsantesten Creationen in Herrgotts Bestiarium und Tiergarten. Seine vulgäre Sprachphantasie (in Emils Mund bekommen die ordinärsten Gossenworte eine geradezu lutherische Ursprünglichkeit), sein pantagruelischer Appetit auf alles Fleischliche und Geniessbare, und selbst seine gerissene, reinecke-fuchs-hafte Sentimentalität, (das Häslein beweinend, während er es verspeist), - es hat alles Format, und den Reiz der Einmaligkeit. »Den gibts nur einmal, der kommt nicht wieder«, ein solches Couplet sollte - von einem Chor befrackter Statisten und röckeschwenkender Cancantänzerinnen - an seinem Grab gesungen werden, - in dem er vielleicht mit einem seiner grossen, häufig von Eccemen geplagten Füsse heut schon steht. Denn er ist trotz seiner Riesennatur kein gesunder Mensch, ja er hat neben seiner vielfach überspielten Vitalität eine Menge pathologisch-nervöser Züge, (krankhaftes Misstrauen, Verfolgungswahn, masochistische Eifersucht, hypochondrische Leiden, Angst vorm Verhungern wenn sein Jahreseinkommen einmal weniger als eine halbe Million beträgt etc.), - und er hat sich zu oft überfressen und zu viele Entfettungskuren gemacht, die dann Ausbrüche von Gicht und Herzattacken zur Folge haben. Er führt das Leben eines notorischen Grossbörsianers mit Grossgrundbesitzerallüren, aber er könnte doch wieder ohne das Theater - und den Theatererfolg - nicht existieren, und das Schauspielertum sitzt ihm so tief im Blut dass er - mit einer gewissen Schizophrenie wie alle geborenen Schauspieler - immer gleichzeitig sich selbst zuschaut und jede seiner Regungen und Handlungen auch als Rolle spielt, die er beliebig steigern oder abschwächen kann. Er ist sehr klug und er hat eine in ihren Grenzen diabolische Menschenkenntnis. Natürlich versteht er nur die »niederen Bezirke« menschlichen Wesens, - (zu den höheren hat er eine kindliche und fast abergläubische Respekts- oder Furchtbeziehung), - aber auf diesen weiss er Flöte zu spielen wie ein Virtuos: sein grösster Spass ist, Leute zu vexieren, auszuholen, aufs Glatteis zu führen, in Verwirrung zu bringen und durch plötzliche unerwartete Schalkswendungen zu verblüffen. Er hat eine unfehlbare Nase dafür, »wo es stinkt«, sodass er fast immer trifft, wenn er auf den Busch klopft. Dämonisch ist seine Beziehung zum Geld - da stecken Gobseckzüge. Sein halbes Leben beschäftigen - oder beschäftigten - ihn die Verwaltung seiner Bankkonten, die Kursnotierungen, die Steuerhinterziehung, die richtige oder falsche Anlage. Aber auch dabei beobachtet er sich selbst und weiss sich plötzlich zu ironisieren, - wenn er sich im leisesten von anderer Seite beobachtet oder durchschaut fühlt. Da trifft man ihn auf dem Salzburger Bahnhof und fragt ihn wohin er fahre. »Nach Zürich«, sagt er zwinkernd, (oder nach Amsterdam), - »an meinen Goldbarren riechen.« Er bläht dabei in einer selbstkarrikierenden Weise die Nasenflügel, und man sieht ihn wirklich an seinen tatsächlich in einem Safe versperrten Hartgoldwerten wie an einer Blume oder an einem läufigen Camembert schnüffeln. Man könnte ihn sich auch vorstellen wie einen jener Piraten, die mit ihrem Goldraub auf ein Kliff ohne Wasser und Nahrung verschlagen sind - sich dort noch um ihres Goldes willen bekämpfen und es schliesslich im Wahnsinn verschlingen und daran ersticken. Emils Geldgier hat solche - sehr materiellen und gleichzeitig schon metaphysischen - -Dimensionen. Und die Lage, in die ihn schliesslich Hitlers Krieg als Finanzmann gebracht hat, mag ja etwas von dieser Piratensituation an sich haben. Obwohl er sicher noch genug zu essen hat. Aber seine ausländischen Konten werden ihm viele schlechte Träume machen, - und es geht das Gerücht, sogar ziemlich sicher, dass bei der Besetzung Hollands die deutschen Behörden auf der Amstelbank ein unangemeldetes Gold- und Devisenkonto von ihm im Wert von mehreren hunderttausend Mark beschlagnahmt haben, und dass er nur durch gewaltige Schenkungen an die Wohlfahrtskasse der SS und durch ganz grosse Protektion um die Bestrafung herum kam. Das müssen dunkle und schmerzliche Stunden gewesen sein.
Wenn in Emils Gut am Wolfgangsee ein Schwein geschlachtet wurde, dann war er schon wochenlang vorher besonders zärtlich mit dem Tier, - wie er überhaupt eine herzliche Beziehung zu seinen Schweinen hatte, er gab ihnen Namen, lehrte sie darauf zu hören, zeigte sie immer wieder seinen Besuchern, steckte ihnen extra Maiskolben oder Rüben zu, tätschelte sie und sah sie dabei bereits in Schinken, Speckseiten und Würste zerlegt. Je näher das Schlachtefest kam, desto liebreicher wurde Emil zu dem Schwein. Noch drei Tage, dann kommt das scharfe Messerchen, sagte er genussvoll, wobei es ihm leid zu tun schien dass das Schwein ihn nicht ganz verstand. (Er führte mich einmal vor den Käfig, in dem ein einzelner Gänserich extra gefüttert wurde, und sagte laut: Der sitzt in der -Todeszelle. - - Aber er weiss es nicht, fügte er dann bedauernd hinzu.)
Kam nun der grosse Tag und wurde das Schwein in der Frühe vom Metzger in die alte Scheune gebracht, in der man es stach und brühte, dann ging Emil - fiebernd vor Erregung - in einen entfernten Raum des Hauses wo er den Schrei des Tieres nicht hören konnte, es musste aber ein Relaisdienst eingerichtet sein, der ihn sofort verständigte wenn der Stich geschehen war: dann rannte er hastig hinüber, zog sich eine grosse mit Blut bespritzte Schlächterschürze an, nahm das lange Messer in die Hand und liess sich so von seiner Stieftochter neben dem toten Schwein photographieren. War dann am Abend die Gästetafel reich besetzt, die Bierhumpen gefüllt und die Schlachtschüsseln mit frischen Würsten und Wellfleisch bedeckt, dann liess er das Bild am Tisch herumgehen und zeigte es besonders gerne zartbesaiteten Damen - vorgebend dass er wirklich sein Schwein selbst abgestochen habe. Aber er war wieder so hellhörig dabei dass er den leisesten Zweifel spürte: meinen Blick beobachtend mit dem ich das Bild betrachtete, beugte er sich zu mir herüber und flüsterte mir zu: »Natürlich Schwindel - nur für den Film undsoweiter. Ausserdem kriegt man mit sowas fast jede Frau ins Bett, besonders die prüden. Kann ich Dir sehr anraten.«
Emil hatte in der Zeit, als man in Hollywood die höchsten Gagen zahlte, den Rahm abgeschöpft, sein Geld geschickt angelegt, durch Spekulationen vervielfacht. Er ahnte den Schwarzen Freitag voraus und verkaufte rechtzeitig seine amerikanischen Stocks und Devisen. Der Bankier Ernst Wallach in Berlin, der eigentlich Emils Finanzberater war, sagte dass er sich von Emil beraten lasse. Es habe noch keinen Kurssturz gegeben, dem Emil nicht ausgewichen sei, keine Hausse bei der er nicht gewonnen habe. Emil kehrte ein paar Jahre vor Hitlers Aufstieg als reicher Mann nach Deutschland zurück, kaufte sich in Österreich ein Gut, hatte sein Vermögen überall in der Welt und in aller Art von Werten verteilt.
Warum warf er sich an die Nazis?
Er hatte immer unaufgefordert allen Leuten erzählt, dass seine Mutter jüdischer Abstammung sei. Er rühmte sich - (häufig auch mir gegenüber) - seines »jüdischen Köpfchens«, und wenn ihm irgendein besonders schlauer Schachzug geglückt war, sagte er fast immer: »Woher hat es der Goy? Von seiner jiddischen Mamme.« Ernst Lubitsch - der zu Emils besten Freunden gehörte und ihn heute mit unversöhnlichem, alttestamentarischem Hass verfolgt, - schwört darauf dass die Mutter wirklich jüdisch war, - erzählt dass er in der Zeit, als beide zusammen junge Reinhardtschauspieler waren, jeden Samstag mit Emil nach Haus zu seiner Mutter gegangen sei weil sie den besten Schabbes-Scholeth gekocht habe. Auch wir haben die Mutter gekannt. Ich gebe nicht viel auf Aussehen - man täuscht sich da oft genug über >semitisch< oder >arisch<, - aber die Mutter Jannings - sah aus. Und zwar nicht arisch. Er selbst der nicht »aussah«, liebte es Judenmaske zu machen, schwere Augendeckel sinken zu lassen und mit einer bestimmten Kopfneigung jahrtausendealte Tragik Verfolgung und Schläue darzustellen. Er sehnte sich immer nach einer solchen Rolle. »Wer es nicht in sich hat«, sagte er oft, »kann es nicht spielen.«
Als Hitler zur Macht kam, wurde im Hause Jannings zunächst von der Mutter und alledem nervös geschwiegen, und später, als der Fall öffentlich behandelt wurde und als er in Berlin seinen »Ariernachweis« erbrachte, erzählte er plötzlich dass er die Wendung mit dem »jüdischen Köpfchen« immer nur als Witz gemeint habe, als Charakteristik und Verulkung für seine Gerissenheit, dass es aber mit Tatsachen nie etwas zu tun gehabt habe - er sagte auch gelegentlich dass er mit einer angeblich jüdischen Mutter »renommiert« habe, weil ja in dieser Zeit Niemand etwas gegolten habe der nicht wenigstens ein bischen jüdisch gewesen sei. Es wird behauptet dass er durch einen von ihm abhängigen Bruder gewisse Familienpapiere habe vernichten lassen und es wurden aus den jüdischen Vorfahren »russische« (was an sich einander nicht unbedingt ausschliessen würde.) Der betreffende Bruder und die Mutter verschwanden dann auch aus Deutschland, zunächst nach Österreich, dann wohl in die Schweiz. Inwieweit das stimmt weiss ich nicht. Ich wiederhole hier nur beides: die Gerüchte, und seine eignen - früheren und späteren - Aussagen. Ich habe mich selbst als Emils Freund auf den Standpunkt gestellt dass es mich nichts angehe - konnte mir aber nicht verkneifen, mit einem gewissen Sadismus, ganz harmlos erscheinende Bemerkungen (nur ihm selbst gegenüber) zu machen, wenn wir »gemütlich beisammen waren«, denn bei einem Akteur und Überfalstaff wie ihm waren natürlich auch die Ausbrüche von Verlegenheit, Verzweiflung, unterdrückter Wut und die daraus resultierenden Finten und Gegenzüge köstlich zu beobachten. Es wurde behauptet, er habe irgendwelche armen Teufel von Journalisten, die - in Deutschland - ein Gerücht über seine nichtarische Abstammung verbreitet hatten, ins KZ gebracht, das ist aber bestimmt nicht wahr. Aber er hat damit gedroht und sich natürlich der Hilfe »von oben« versichert.

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