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Das
vereinigte Paradies
(Leseprobe aus: Das vereinigte Paradies,
Roman, 1999, dtv)
5. Ein Neubundesbürger ist der
rechte Mann am rechten Ort und hat einen harten Handel mit einer Kreuzbergerin
Tage, an denen er sich so richtig gut gefühlt hat, nicht nur ein bißchen gut,
oder mittelgut, »so gerade mal okäi«, sondern »rundum gut« bis »echt-super!«,
so daß nur noch ein winziges Quentchen zum Glücklichsein fehlte, an solche
Tage kann sich Frank kaum mehr erinnern. Die letzte gute Zeit, an die Frank
Zaunig zurückdenken kann, war noch zu Lebzeiten der DeeDeeErr, in Mecklenburg,
in seinem Sibirien, in Anklam...
Das erste Mal seit der Wende ist er »häppie«. Frank Zaunig ist endlich in
Deutschland angekommen!
Ganz in Festtagslaune schlendert Frank durch die Lebensmittelabteilung des
KaDeWe, das jetzt zum ersten Mal auch »sein« Kaufhaus ist. An seinem Arm
baumeln bereits etliche Einkaufstüten mit Champagner und schottischem
Wildlachs. Jetzt hält er Ausschau nach Austern.
Schon der Gedanke an lebende Austern im Mund bereitet ihm Brechreiz, aber
Claudia ist nun mal verrückt nach dem Zeug. Leider sind ihre Geschmäcker nicht
nur beim Essen so verschieden... Aber darüber will er jetzt nicht nachdenken,
heute nicht. Heute wird gefeiert. Frank Zaunig hat einen Dschopp! Einen regulären
Dschopp mit gesichertem Monatsgehalt, einem dreizehnten dazu, Weihnachtsgeld,
Urlaubsgeld, und es ist nicht irgendein Dschopp, es ist eine Stellung, eine
Position, wie man im Westen sagt. Das erste Mal seit der Wiedervereinigung hat
er wieder eine »Perspektive«. Seit zwei Stunden ist das Leben wieder überschaubar.
Und das alles verdankt er Antek.
Sein alter Kumpel Antek, mit dem er damals im »Scharfen Eck« in Anklam
Kampftrinken zum Hamlet-Monolog abgehalten hatte, bis einer von ihnen den Text
nicht mehr artikulieren konnte oder einfach lang auf die Dielen des Wirtshauses
schlug, dieser Antek hat nach seiner Ausreise in den Westen vor drei Jahren bei
der »Pallas« Karriere als Chefdramaturg gemacht und ihm dort einen Dschopp
angeboten. Dabei war's purer Zufall, daß er Antek in der »Meisengeige«
getroffen hatte. Dort säuft normalerweise nur die Babelsberger Filmbranche den
Jammer über bessere Zeiten nieder und vermerkt Abgänge nach München, Köln
und Hamburg wie Fahnenflucht.
Eigentlich wollte Frank nur auf ein Bier... Wie es dann dazu kam, daß Antek und
er am nächsten Morgen in einem tschechischen Puff bei Beelitz aufgewacht sind,
darüber konnten sie sich auch gestern nicht einig werden, wohl aber über den
Arbeitsvertrag als Dramaturg für die Sparte »Kriminal- und Action-Serien«.
Angesichts der zehn Sorten Austern wird Frank nicht mehr verlegen wie früher.
Souverän läßt er sich die verschiedenen Vorzüge erklären. Er entscheidet
sich gegen Belong- und Sylt-Austern für Bretonische Baby-Austern vom Felsen,
womit er sich (unter Zuzahlung von hundertzwanzig Mark) die Achtung des Verkäufers
erwirbt. Ihm fällt ein, daß er sich neu einkleiden muß. Außer einem
schwarzen Anzug hat er nur ein Tweed-Sakko und drei Paar Dschiens. Für einen
derartigen Posten entschieden zu wenig. Im Schnellgang wählt er in der
Herrenabteilung einen grauen Anzug und zwei Jacken, die er auch zu seinen alten
Hosen tragen kann. Vier Krawatten! Einen »Würger« hat er außer zu
offiziellen Gelegenheiten nie getragen. So etwas ist aber in einer Westfirma
unerläßlich. Das mußte ihm Antek nicht erst sagen. Das königsblaue Sakko und
die dezent blau-gelb gemusterte Krawatte, die ihn bis an die Grenze seines Überziehungskredits
führt, behält er gleich an. Mit Sack und Pack fährt er zwei Stationen weiter
nach Ost-Berlin zum Friseur, erstens weil Friseur Vertrauenssache ist und
zweitens weil der im Osten immer noch ein Drittel billiger ist.
Ein neuer Mensch! Er sieht jetzt eindeutig nach »Oberliga« aus. Einen Moment
lang überlegt er, ob er Claudia nicht vielleicht auch die Ohrringe mitbringen
sollte, die ihr letztens so gefallen haben. Andererseits soll man Frauen nicht
zu sehr verwöhnen. Die halten das für Schwäche und werden maßlos. Über
Blumen für sechs Mark freut die sich genauso. Aber auch diesen Gedanken
verwirft er sogleich. Wann hatte er jemals einer seiner zahllosen »Bräute«
Blumen geschenkt? Zum Geburtstag - wenn er daran gedacht hatte... Aber auch nur
wenn der Geburtstag zufällig in die erste Frisch-Phase der Beziehung fiel, also
in die ersten acht bis zehn Wochen.
Seine Eduscho-Uhr zeigt halb sechs, und er hat wieder nicht angerufen, daß er
später kommt! Entweder wird Claudia wieder so kühl und unnahbar wie ein
Gletscher sein, oder gar nicht erst aufmachen. Es ist immer dasselbe! Frank
denkt wehmütig an seine letzte »Flamme«, an Heidi. Stundenlang hat Heidi am
Fenster auf ihn gewartet und war froh, wenn er überhaupt kam... nachts
irgendwann und meist besoffen.
Quatsch, keine Blumen! Als ob Lachs, Austern und der Schampus nicht genug wären?!
Irgendwann gegen sieben, halb acht biegt er mit seinen Tüten in den Torbogen
ein, der immer nach hundert Jahren Pissoir riecht. Die Beleuchtung ist hier so
trüb wie in einer Wartehalle der Reichsbahn in der Nachkriegszeit. Doch ein
Blick nach oben im Hof genügt: Claudia ahndet die Verspätung ohne Anruf wieder
einmal mit demonstrativer Abwesenheit. Stockdunkel und verwaist liegt das
Fenster in der dritten Etage. Jetzt ist Frank heilfroh, daß er nicht wie ein
Obertrottel mit einem Blumenstrauß in der Hand vor Claudias Tür auf der Treppe
sitzt. Denn rein kann er nicht. Claudia will ihm keinen Schlüssel geben.
Normalerweise sind Frauen aus Liebe nachgiebig wie Wachs. Man muß nur
sentimental und stur genug sein! Das war immer seine Devise. Nur bei Claudia
kommt er damit nicht durch. Aber wahrscheinlich liebt sie ihn auch nicht
richtig. Vielleicht sind alle Westbräute so? Klar, natürlich nicht alle, aber
tendenziell...? Er müßte mal Antek fragen, wie er mit den Bräuten hier drüben
so klargekommen ist, als er in den Westen kam. Sonst kennt er keinen Ossi mit
West-Braut. Det hält ja auch keiner aus, denkt er. Dieses ständige
Minne-Getue: Händchen halten, Türaufhalten, in den Mantel helfen und am
Wochenende Blumen, unbedingt!
»Ein Dschentelmän macht das halt«, behauptet Claudia. Sie sei das von ihren
Verflossenen so gewohnt.
»Ich bin aber kein Dschentelmän«, hat er ihr erklärt und wie ihn das alles
ankotzen würde. »Dschentelmän war kein Erziehungsziel in der DeeDeeErr.
Dschentelmän und Proletarier is' ein Antagonismus«, legte er ihr dar, weil sie
sonst immer auf den »historischen Kontext« Wert legt. Nur Lasalle war ein
Genosse und Dschentelmän. Der war aber bloß 'n Revisionist und ist anstatt für
die Revolution in einem Duell gestorben. Wegen einer Frau! Was für ein lächerlicher
Tod! Gar kein Vorbild für die Helden der Arbeiterklasse! Außerdem fehlen ihm
natürlich vierzig Jahre Gehirnwäsche durch Hollywood für's
Romantik-Repertoire, das für westliche Damen offenbar Mindeststandard ist.
Frank steht von der Treppe auf und macht jetzt wohl schon zum fünfzehnten Mal
Licht. Die Automatik rattert schneller werdend durch und klingt zum Ende hin
immer irgendwie höhnisch.
Claudia hat einen ganzen Katalog von Verhaltensregeln für »Helden der
Arbeiterklasse« entwickelt:
Erstens: Von »Fidschis« zu reden, ist verboten! Sie hat ihn sogar ins Völkerkundemuseum
geschleppt und ihm echte Fidschis gezeigt. Natürlich sehen die ganz anders aus
als Vietnamesen. Claudia dachte wirklich, dieser DeeDeeErr-Ausdruck sei
lediglich auf die mangelnde Weltkenntnis von hinter Mauer und Stacheldraht
Eingesperrten zurückzuführen. Sie legte sich pädagogisch mächtig ins Zeug,
und er dachte nur: Die spinnt!
Zweitens: Im Stehen pinkeln ist verboten! Ein Witz! Mal ehrlich, ein Mann, der
sich zum Pinkeln hinhockt, ist doch ein Fatzke, oder? Als Claudia ihn dann beim
dritten Mal Standpinkeln ertappt hatte, mußte er das Klo putzen, den Klodeckel
und die gesamte Klowand. Darauf hatte er natürlich auch keinen Bock, also hat
er sich lieber hingehockt. Erst später hat er erfahren, daß West-Frauen den
Grad ihrer Emanzipation daran messen, ob die männlichen Familienmitglieder
stehend oder hockend urinieren. So gesehen ist Claudia emanzipiert.
Drittens: Es ist verboten, eine Kaffeetasse ohne Untertasse zu benutzen, Milch
und Saft in Tüten auf den Tisch zu stellen oder Wurst und Käse im Papier!
Claudia duldet keine »Proletarisierung« ihrer Küche.
Viertens: Es ist verboten, Bier im Schlafzimmer zu trinken und die Flaschen und
Büchsen am Bettrand aufzureihen! Aus der Bierflasche trinken wird gerade noch
geduldet, aus der Büchse trinken aber nicht. Das ist Prol und kommt nicht in
die Tüte.
Fünftens: Es ist verboten, in Unterhemd, Jogginghosen und Latschen »herumzuhängen«,
oder gar so aus der Wohnung zu gehen! Sie schämt sich angeblich vor den
Nachbarn... In Kreuzberg! Das muß man sich mal vorstellen! Außerdem muß er täglich
ein Deo benutzen. »Ost-Männer erkennt man immer daran, daß sie riechen«,
sagt Claudia. Er riecht jetzt nur noch nach Deo.
Sechstens: Es ist verboten, in ihrem Beisein anderen Frauen nachzuschauen! Sie
hat ihn da mitten auf der Straße stehen lassen und ist im Taxi auf und davon.
Siebentens: Impotenz ist total verboten! Gelbe Karte, bei Wiederholung
Platzverweis. Darf einem Ehemann zwar passieren, einem Liebhaber aber nicht. Er
sei nur ein Liebhaber und darum solle er sich gefälligst vorher überlegen, ob
er Lust hat oder sie sonst in Ruhe lassen. »Erst mit der Wurst wackeln und dann
nicht liefern, fällt unter vorsätzliche Täuschung, bestenfalls unter Rücksichtslosigkeit
oder Provokation.« Das läßt Claudia nicht durchgehen. Zur Belehrung hat sie
sich tatsächlich, als er kurz vor dem Orgasmus stand, einfach umgedreht und
gesagt: »Siehste so isses!«, ist in die Küche gegangen und hat sich ein
Wurstbrot geschmiert. Seitdem denkt er vor jedem Bumsen nach.
Die normale Strafzeit müßte erfahrungsgemäß in zehn Minuten um sein. Mehr
als dreißig Minuten läßt sie ihn eigentlich nie schmoren. Ob er nicht unten
in der Kneipe vielleicht auf ein kleines Bierchen...? Besser nicht, sonst
stinken die neuen Klamotten gleich nach Kneipe. Morgen bei der »Pallas« ist er
der neue Mann. Der Mann der Zukunft hat einfach keine Bierfahne, ist nicht
verkatert und riecht höchstens nach Duschgel, Deo und Erfolg. Gott sei Dank ist
er seit der Wende nikotinfrei. Denn nur Verlierer rauchen!
Das letzte Mal hatte Frank geraucht, als er Claudia kennengelernt hat. Damals im
Februar 1990, im Haus der Sowjetischen Kultur in der Friedrichstraße auf dem
Filmball. Diese wüsteste Fete, die die Stadt beidseits der Mauer je sah, hätte
Fellini nicht besser inszenieren können. Allerdings führte dort nur das blanke
Chaos Regie. Frank stand da an eine Säule gelehnt und sah dem Treiben ungläubig
zu. Neben ihm stand Claudia und stammelte ständig: »Das ist alles nicht wahr!«
Ab und zu schlug sie entsetzt die Hände vors Gesicht. Um irgendwie auf sich
aufmerksam zu machen, nahm er die bewährte Humphrey-Bogart-Pose beim Rauchen
ein: Mit einem in Kopfhöhe angewinkelten Arm lässig an der Säule zu lehnen,
in der anderen Hand die Zigarette mit Daumen und Mittelfinger in der Innenwölbung
der Hand zu halten und dazu mit verengten Augen sinnierend durch den Rauch zu spähen,
das scheint auf Frauen ähnlich zu wirken wie eine Trillerpfeife auf Fußballspieler.
Sie sind dann zusammen auf die Galerie gegangen, um nicht in die Szenerie
hineingezogen zu werden, denn das größte Spektakel fand nicht auf der Bühne,
sondern im Saale statt.
Am Eingang, wo West-Sponsoren arglos Empfangsgeschenke verteilen wollten,
schlugen festlich gekleidete Damen aus Ost und West mit Abendhandtaschen
aufeinander ein und rissen an den Kartons der Damenspenden, so wie tollwütige Hündinnen
sich um Kalbsknochen balgen. Mittendrin posierte in Woolworth-Ramsch gehüllt
eine fast kahle West-Berlinerin, die sich für Joan Collins aus dem
›Denver-Clan‹ hielt. Nebenan zerfloß die Eisplastik des Kreml, in dem die
überwiegend kulturschaffenden Gäste Bier und Wodkaflaschen kühlten. An den Büffets
verschwand das gesamte Besteck im Handumdrehen in den Jacken- und Gesäßtaschen
von Abendanzügen, also griff man mit bloßen Händen in die Salate und führte
sich mit beiden Händen ganze Räuchermakrelen zu Munde. Die Hummer und Lachse
wurden von der Roten Armee requiriert: Das Offizierskorps war pro Mann mit
jeweils drei Tabletts voller erlesener Räucherwaren in den Soldatenfäusten und
mindestens je zwei Wodkaflaschen in Rock- und Hosentaschen angetreten und erkämpfte
sich in keilförmiger Formation den Rückzug über die verstopften Fahrstühle.
Das Personal ergriff mit schreckensgeweiteten Augen samt und sonders die Flucht
und führte dabei
so viele Gläser und Sektkübel mit sich, wie jeder nur tragen konnte.
Nur die Musiker erwiesen sich als die letzten Garanten von Disziplin und
Ordnung: Sie hielten an Rhythmus, Takt und Noten fest. Analogien zur legendären
Tanzkapelle auf der »Titanic« drängten sich auf. Frank und Claudia waren sich
einig, bei künftigen Katastrophen sollte man sich eher an Musiker als an Militärs
halten. Während der West-Berliner Fleischermeister Manske (»Wurst und wieder
Wurst«) für seinen Vorgarten in Berlin-Frohnau ein Stück Mauer für
viertausend Mark ersteigerte, tanzte nebenan eine gesamtdeutsch bekannte
Fernsehansagerin Striptease. Mit der Nacktheit kam die Ohnmacht. Die
gesamtdeutsche Duse der Nachrichtenverlese krachte besinnungslos der Länge nach
auf den Tanzboden.
»Hier würde selbst Harald Juhnke im Delirium nicht auffallen«, meinte Claudia
mehr oder weniger trocken. Eine Antwort fiel Frank nicht ein, denn auf Schulterhöhe
hatte er gerade die blauesten Augen entdeckt, die er je gesehen hatte und
darunter einen Mund wie von der Garbo. Als der Krankenwagen für die
Fernsehansagerin kam, hatten sie »du« gesagt und sich geküßt. Erste Hilfe!
Zufällig hatte Frank damals am Prenzlauer Berg eine »sturmfreie Bude« an der
Hand, von 'nem Kumpel, der im Oktober über Ungarn »in den Westen gemacht«
hatte. (Irgendwo auf dem Balkan ist er dann mit dem Wohnwagen einer versoffenen
Kanadierin verschütt gegangen, erzählte ein anderer Kumpel, der später über
Österreich zurückgekommen ist.) Ob sie denn nicht noch auf einen Schluck
mitkommen wolle? Claudia lächelte mokant. Sie fand es »stillos«, gleich
mitzukommen, und sagte irgendwas Englisches. »Stillos« hat ihn beeindruckt, hätte
ihn aber damals schon hellhörig machen sollen.
Wenn Frauen je Einwände gegen sofortiges Abschleppen erhoben, und das war sehr
selten (vorausgesetzt man hielt sich an die Reihenfolge: Kultur, Essen,
Alkohol), dann wurden höchstens gefühlige oder gesundheitliche Ausflüchte
vorgetragen. Nie kam ihm da eine mit Formfragen! Damals fand er das aber ebenso
exotisch wie ihr Parfum und den Schmelz ihrer Haut, der nur durch jahrelanges
Benutzen von Luxusprodukten der westlichen Kosmetikindustrie entsteht. Claudia
schien ihm zu leuchten wie der Westen selbst. Bis zum »Tränenpalast« am
Bahnhof Friedrichstraße hatte er sie gebracht. Langer Abschied. Als sie hinter
den Kontrollabsperrungen verschwunden war, wußte er, es hatte ihn erwischt.
Schwer!
Stundenlang hat er sich in den nächsten Tagen am Es-Bahnhof Schönhauser Allee
die Finger wundgewählt. Hier standen die einzigen Telefonzellen am Prenzlauer
Berg, die wirklich funktionierten. Von einer konnte man gelegentlich tatsächlich
in den Westen telefonieren, vorausgesetzt man hatte sich vor acht Uhr morgens
angestellt und genügend Kleingeld und Geduld. Nach nur einer Stunde Warten und
vierzig Minuten Wählscheibe drehen, hatte er endlich das ersehnte Rufzeichen im
Hörer. Sein Puls verdoppelte die Frequenz und Schweißperlen rollten ihm wie
Glasbucker den Rücken runter.
»Guten Tag!« begrüßte ihre Stimme ihn förmlich. »Hier ist der Anschluß
von Claudia Unhoch-Dreisörner. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem
Piepton. Ich rufe umgehend zurück. Danke! Hello, juh rietscht se ansäringmäschin
off Claudia Unhoch-Dreisörner. Pliehs, liew ä mässätch ahfter se biehp. Ei
will korl juh bäck imidjätli. Sänk juh for korling änd guhd bai. Piiiieehhhp!«
»Äh, Claudia? Äh, Hier ist Frank, äh, hallo?... Ja, also... Hallo?... Hm!...
Würd' dich gern wiedersehen und...« - weiter kam er nicht.
»Danke, das Gerät schaltet jetzt ab. Sänk you, se automät iß dißckonneckting
se lain nau.« Verwirrt und mit hochrotem Kopf legte er auf. Für den Rest des
Tages drückte ihm die Last des Systemunterschieds aufs Gemüt. Wie der tumbeste
Hinterwäldler der östlichen Hemisphäre kam er sich vor und hoffte nun auf ein
Zeichen, ein Telegramm, auf einen Boten, auf sie selbst. Nichts dergleichen
geschah. Nach der dritten Begegnung mit ihrem Anrufbeantworter ist er dann »rüber«
gefahren. Claudia war nicht da.
»Frau Unhoch-Dreisörner? Gartenhaus, dritter Stock??« fragte der Schankwirt
der Kneipe im Vorderhaus belustigt und spähte mit Röntgenblick über seinen
Brillenrand. »Na, die hält sich doch ooch für was Besseres. Und zu der wollen
Sie??« Halb ungläubig, halb mitleidig grinste er Frank an und zapfte bedächtig
an seinem Pils herum. »Sie sind wohl von drüben, wa?« Frank nickte. »Denn
jeht det Bier uffs Haus, Wohlsein!« Sorgenvoll stierte der Wirt auf seine
zwiebelgroße Armbanduhr. »Um diese Zeit ist doch die Unhoch-Dreidings imma in
Florida. Vor Ende März ist die nie zurück.« Seine argwöhnischen Budikeraugen
schienen Frank bis in die Eingeweide durchleuchten zu wollen, doch dann glimmten
sie belustigt auf. »Iss aber trotzdem keen Grund, die Wohnung auszuräumen...
Hahaha!... Aber Sie sind ooch nich' die Mutta! Hahaha!« Offenbar war das ein
Witz für Eingeweihte. Die gesamte Kneipenbesatzung röhrte vor Lachen. Krachend
schlug der Wirt Frank auf die Schulter und wieherte, bis ihm die Tränen runter
liefen.
Es wurde März, Mitte März, Ende März. Nichts! Gerade als Frank auf dem besten
Wege war, Claudia mit einer Ines aus Stuttgart zu vergessen, da stand sie plötzlich
eines Freitagnachmittags braungebrannt vor der Tür, lächelte so ergreifend wie
die Garbo persönlich und wollte mit ihm an die Ostsee fahren, weil sie die noch
nicht kannte.
Sie haben Hannes und Lisa in Ahrenshoop besucht. Hannes und Lisa sind ein ständig
streitendes Malerehepaar, das wie er Ende der siebziger Jahre nach Mecklenburg
»geschickt« wurde. Hannes hatte sich dann aber durch die Erfindung des »Sibirischen
Wodka-Festes« sehr um die Deutsch-Sowjetische Freundschaft verdient gemacht und
durfte wieder ausstellen, was ihm Lisa allerdings nie verzieh. Es kam, wie es
kommen mußte:
Gegen Abend fingen Hannes und Lisa sich so heftig an zu streiten, daß sie darüber
ihre Gäste vollkommen vergaßen. Claudia schlug deshalb vor, nach Warnemünde
ins Hotel Neptun zu gehen. Sie blieben vier Tage und vier Nächte und waren
einmal am Strand.
Unten geht die Haustür. Claudias Schritte hört er unter Tausenden heraus. Sie
hat eine ganz eigene Art, die Füße aufzusetzen: katzenhaft vorsichtig, aber
ohne unsicher zu sein oder zu schleichen, eher so, als ob ihre Füße denken.
Frank erhebt sich von der Treppe und beschließt, das Affentheater mit der
Strafwarterei heute einfach zu übergehen.
»Ach, wartest du schon lange?« Mit gespielter Überraschung blinzelt Claudia
ihn an.
»Wahrscheinlich genauso lange wie du«, erwidert er und küßt sie, weil sie
auf Zehenspitzen gereckt darauf wartet.
»Sag mal, ist der Wohlstand ausgebrochen? Du siehst toll aus. Waohh! Und beim
Friseur warst du auch... Euhj!« Sie schnüffelt an ihm herum, und ihr Blick
geht fragend zu den Tüten.
»Heute wird gefeiert!« verkündet Frank stolz, legt drei Champagnerflaschen
ins Eisfach und zieht triumphierend seinen Arbeitsvertrag aus der Tasche. »So,
Schluß mit Porno-Synchron und anderem Elend!«
Erwartungsvoll nimmt Claudia das Schriftstück zur Hand, wird plötzlich kalkweiß
und bekommt einen bitteren Zug um den Mund. Als wären es heiße Kohlen, wirft
sie die Papiere auf den Tisch. »Es ist nicht zu fassen!« schreit sie empört
auf und fuchtelt mit den Armen in der Luft herum. »Um diese Stelle hatte ich
mich beworben und war schon in der letzten Auswahl! Warum hast du mir
verschwiegen, daß du dich auch beworben hast? Ja, und überhaupt! Welche
Qualifikation für den Posten hast du denn dafür eigentlich? Das ist ja wohl
ein Unding!!!...« Vor Wut verfärben ihre Augen sich veilchenblau.
Frank schluckt. Siedendheiß fällt ihm ein, daß Claudia ein abgeschlossenes
Hochschulstudium über Theaterwissenschaften, Publizistik und Germanistik hat,
auch noch auf der Film- und Fernsehakademie war, man ihr sogar schon für einen
Kurzfilm einen Preis verliehen hatte und so weiter... Vor Bestürzung ist es ihm
plötzlich ganz taub im Hirn. »Aber Claudia, ich hatte doch nicht die gerinste
Ahnung, daß du... Und beworben habe ich mich überhaupt nicht! Mensch, so'n bißchen
Dramaturgie hatten alle Schauspieler auf der Akademie für Unterhaltungskunst im
Osten... Ja, Mensch, was soll ich sagen? Ich stand einfach nur richtig... zur
richtigen Zeit am richtigen Tresen. Also, wenn ich gewußt hätte...«
Doch plötzlich beruhigt sich Claudia und lächelt hinterhältig, als hätte sie
einen besonders guten Einfall.. »Na ja«, verkündet sie und blinzelt ihn
verschmitzt an, »es bleibt ja in der Familie.« Frank atmet erleichtert auf.
Obgleich er dem plötzlichen Frieden nicht traut. »Und ich meine wirklich
Familie«, fährt Claudia gutgelaunt fort. »Wenn wir nämlich heiraten, Frank,
dann hätte ich keinen Grund mehr, gegen deine Einstellung wegen erwiesener
Diskriminierung zu klagen. Dann ist es doch egal, wer von uns beiden den Dschopp
hat!«
»Wo du recht hast, hast du recht!« pflichtet er Claudia mit schiefem Wolfslächeln
bei und denkt: Kommt Zeit, kommt Rat...
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