Glück kann manchmal richtig nerven von Renée Zucker, Transit

Renée Zucker

Bücher und Menschen
(aus: Glück kann manchmal richtig nerven, Skurrile Geschichten, Transit)

»Nein, ist das schrecklich. Meine Güte, wie grauenvoll«. Elzie liegt auf dem Sofa, neben ihr stehen zwei Stapel Bücher. Sie liest und kriegt sich gar nicht mehr ein. Ich schau auf den Umschlag: »Nexus« von Henry Miller.
»Warum liest du denn diesen Quatsch?« frage ich meine Freundin verwundert, »du weißt doch, was dich da erwartet.« »Ja und nein«, sagt Elzie, »als ich es mit fünfzehn las, hat es mir sehr viel bedeutet. Ich wollte unbedingt so leben wie Henry Miller, Paris, New York, Big Sur und so, und bei dem Versuch haben mich seine Romane die nächsten fünf Jahre überallhin begleitet. Zumindest so lange, bis ich Marylin Frenchs »Frauen« in die Finger bekam – dann natürlich gar nicht mehr, und alle Henry Miller-Bücher mußten im Regal hinter Doris Lessing versteckt werden – heute sind sie ja beide in die zweite Reihe gerutscht. Darin hab ich übrigens auch vorhin herumgelesen«, deutet sie auf einen der Bücherstapel, auf dem das ehemalige Kultbuch von Marilyn French zuoberst liegt, »und es sofort aussortiert – nicht mehr zum Aushalten.« Elzbietta scheint ganz betroffen über ihre eigene Erkenntnis. Ich schaue mir den Stapel näher an: »Stiller« von Max Frisch, gesammelte Theaterstücke von Brecht und Sartre, die Alexandria-Tetralogie von Lawrence Durrell, – »Was??" schreie ich entsetzt, »die ganzen Castanedas? Die hab ich gerade mühsam wieder innerhalb eines Jahres zusammengetrödelt, weil ich sie schon mal verschenkt hatte …« »Ja und?« sagt Elzie ungerührt, »hast du seitdem einmal reingeguckt?« »Einmal schon«, antworte ich, »aber ich hatte dann keine Zeit, mich zu vertiefen ...« »Siehst du,« sagt Elzie, »du wirst die Zeit nicht mehr haben – und wenn du sie hast, willst du dich in etwas anderes vertiefen, aber nicht mehr in diese strahlende Eierliteratur.
Der Mann hat seine Zeit gehabt, der Mann ist tot, Friede seiner Asche ...«, »... aber du kannst doch hier nicht mirnichtsdirnichts unsere Jugend wegwerfen!« »Wieso nicht?« fragt Elzie, »Du hast doch seinerzeit auch den ganzen Marxismus auf die Straße gestellt, nachdem er monatelang zum Verschenken bereitstand und niemand, aber wirklich niemand auch nur irgendwas davon haben wollte ... «, »aber Sachbücher sind doch was ganz anderes ...«, »...Papperlapapp«, schneidet Elzie meinen lahmen Versuch ab, »die Frage ist doch bei Büchern wie bei Platten und Menschen die gleiche: möchte ich damit alt werden? Manche gehören aus irgendeinem geheimnisvollen Grund weiter dazu. Von anderen wiederum muß man sich einfach mal verabschieden. Stumm begleiten sie dich seit Jahren von Umzug zu Aufräumaktion, weil du mal eine gute Zeit mit ihnen hattest. Wenn du sie anguckst, erinnerst du dich an diese Zeit, aber ihr Inhalt inspririert dich schon lange nicht mehr. Schon Seneca empfahl Lucilius: Lies nur bewährte Autoren – warum also nicht den Platz für die Gegenwart und Zukünftiges räumen?« »Die Gegenwart ist eine bewegliche Linie, die die Vergangenheit von einer imaginären Periode namens Zukunft trennt«, lese ich in Ambrose Bierce’ »Wörterbuch des Teufels«: »Doch ist die Vergangenheit die Zukunft von gestern, die Zukunft die Vergangenheit von morgen. Sie sind eins – das Wissen und der Traum«. »Okeh,« sagt Elzie, »vielleicht muß man ja auch zu seinen Peinlichkeiten stehen. Wir bauen einfach noch’n Regal an.«

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