Maurice mit Huhn von Matthjas Zschokke, 2006, Ammann

Matthias Zschokke

Maurice mit Huhn
(Leseprobe aus:
Maurice mit Huhn, Roman, 2006, Ammann)

Irgendwann hat Maurice damit begonnen, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Je länger er sich darin übte, desto schwerer tat er sich damit. Zu allem fiel ihm das eine oder andere ein, gleichzeitig aber auch immer dessen Gegenteil, weswegen er, weil er sich immerzu selbst ins Wort fiel, schließlich die Lust verlor, überhaupt noch etwas zu sagen. Andere, die mit ihm älter geworden waren, redeten im Unterschied zu ihm mehr und mehr. Flavian Karr zum Beispiel, dem vor Verzweiflung mit den Jahren sämtliche Haare oben auf dem Kopf ausgefallen waren, hatte sich angewöhnt, so lange auf seine Gegenüber einzureden, bis die beim besten Willen nicht mehr zuhören mochten und sich gemartert auf ihren Stühlen zu winden begannen. Obwohl Flavian seine verheerende Wirkung jeweils durchaus registrierte, scha‡te er es nicht, mit dem Reden aufzuhören. Er war in die entgegengesetzte Richtung von Maurice gerannt. Beide wußten sich nicht weiterzuhelfen. Wenn sie aufeinandertrafen, redete der Redner zwar durchaus interessant, doch der Schweiger wollte partout nicht einmal mehr das Interessanteste hören, weil er längst gesättigt war von all dem Interessanten, das er im Lauf der Jahre erzählt bekommen hatte und das ihm hochzukommen oder, freundlicher ausgedrückt, über den Kopf zu wachsen drohte. Viele können, werden sie mitten in eine Gesellschaft geschmissen und fangen dort in ihrer Not an zu sprechen, damit nicht mehr aufhören. Ihr Redefluß reißt sie mit. Trinken sie außerdem noch Alkohol dazu, schwillt ihre Rede an zu einem tosenden Strom. Das dumme Zeug selbst auszuhalten, das einem unter anderem in diesem Strom mit aus dem Maul stürzt, ist fast noch schwerer, als den Mund zu halten und es, das dumme Zeug, in seinem Inneren einzusperren und es dort drin glucksen zu hören.

Wenn Maurice durch die dunklen Straßen geht, auf dem Weg zum Restaurant, in dem er sich mit Flavian zum Abendessen verabredet hat, grübelt er deswegen darüber nach, wie um alles in der Welt er bloß die kommenden Stunden überstehen könnte ?
Wonach könnte ich mich bei Flavian erkundigen, damit er ins Erzählen gerät? Und falls er nicht anspringt, was könnte umgekehrt ich ihm berichten, das uns den Abend erträglich machen würde ? Zwar liebe ich ihn und er liebt mich, nur: warum bloß müssen wir uns tre‡en? Es wird einmal mehr entsetzlich. »Wir wollen unseren Freunden nicht lästig fallen«, genau, genau. Ich habe die letzten Monate wieder mit nichts als Aufstehen und Insbettgehen vertrödelt, ohne daß mir auch nur eine Minute daraus zur Erzählung geronnen wäre. Und er? Er wird sich ebenso hohl zu diesem Tre‡en schleppen wie ich. Jetzt haben wir uns vielleicht länger als ein Jahr nicht mehr gesehen – oder sind es zwei, oder möglicherweise erst ein paar Wochen –, und trotzdem weiß ich beim besten Willen nichts Neues mitzuteilen. Umgekehrt will ich auch nichts von ihm wissen. Und doch ist er mein bester Freund. Ich weiß, was und wie er denkt, und er weiß, was und wie ich denke. Wir verwirren einander nicht mehr durch überraschende Äußerungen. Im Gegenteil: Der Vorwurf oder das Kompliment, hin und wieder noch nie dagewesene Ansichten ans Tageslicht zu befördern, perlt an ihm wie an mir aufs entschiedenste ab. Wir reden, wie man in unserem Alter, unserer Region, unserem Milieu halt so redet. Denken und fühlen tun wir womöglich anderes, aber es gelingt uns nicht, unser Denken und Fühlen in eigene Worte zu fassen. Diejenigen, die sich bemühen, in eigene Worte zu fassen, was sie denken und fühlen, halten wir für ausgemachte Einfaltspinsel. Manchmal steigt das gärende Gemenge aus meinem Innern hoch und würgt mich im Hals. Ich möchte dann blöken wie ein Schaf, muhen wie ein Rind, winseln wie ein Hund, um dem Empfinden, das mich plagt, Ausdruck zu verleihen. Aber ich tue es nicht. Und wenn ich Flavian in die Augen schaue – was man nicht tun sollte, einem guten Bekannten oder gar einem Freund in die Augen schauen, weil man dabei oft furchtbar erschrickt –, sehe ich, daß auch er schier an sich erstickt und nicht weiß, wie sich ausdrücken. Er sehnt sich wie wir alle nach einem Zustand, in dem sein Inneres mit seinem Äußeren im Einklang ruht. Er denkt, vielleicht sei so ein Zustand woanders zu finden, in Burma beispielsweise. Er weiß nichts von Burma. Gegen Mitternacht wird er fragen: Trinken wir noch ein Glas zum Abschluß? Und ich werde sagen ja, gern.

In orientalischen Dampfbädern, in denen man dem Vernehmen nach von Bademeistern eingeseift, geschrubbt, geknetet und gewalkt wird, soll sich, wie ich gelesen habe, der Türsteher am Ausgang vom frisch Gereinigten mit der Redewendung verabschieden: Werde gesund schmutzig. So irgendwo verabschiedet zu werden würde mir gefallen. Ich mag ö‡entliche Badehäuser. Einmal habe ich mich in der Adresse vertan und geriet in eine Art dämmriges Schlachthaus, wo etwa fünfzig nackte ältere Herren, zum Teil übereinander, in verschieden warmen Bottichen lagen und gemeinsam irgendein Firmenjubiläum zu feiern schienen. In der kleinsten, heißesten Wanne sah es geradezu aus, als steckten die Kollegen vor lauter Platzmangel ineinander drin. Ich wußte kaum, wohin mit mir, und blieb, erstarrt wie ein verschämtes Schulmädchen, am Eingang stehen. In der Ho‡nung, in der Dampfstube etwas mehr Raum für mich zu finden, suchte ich die auf. Doch dort, im dichten Dunst, war das Gedränge noch größer, so daß einem nichts anderes übrigblieb, als sich beherzt zwischen der vielen schlüpfrigen Haut durchzuzwängen, um von der einen Ecke in die andere zu flutschen und in die Sauna zu gelangen, wo es den meisten o‡enbar zu trocken und zu heiß war. Da setzte ich mich auf eine Pritsche und tropfte verwirrt vor mich hin. Neben mir saß ein bejahrter Einzelgänger, wohl der Prokurist der Firma, der kurz vor seiner Pensionierung zu stehen schien, und musterte traurig unsere beiden Bäuche, während ihm die Hitze mehr und mehr zu Kopf stieg. Als er blau anzulaufen drohte, wurde mir unheimlich zumute, und ich machte mich, um nicht fremdem Sterben beiwohnen zu müssen, aus dem Staub. Seither frage ich mich, ob das möglicherweise einer dieser berüchtigten Sexclubs gewesen war, von denen man manchmal liest, und ob ich wohl die einmalige Gelegenheit verpaßt habe, an einer sodomitischen Orgie teilzunehmen. Falls ja, muß ich gestehen, daß ich mir diese immer irgendwie prickelnder vorgestellt habe. Das fiel mir eben ein zum »Werde gesund schmutzig «, erzählt Maurice seinem langjährigen Freund zum Abschied, nachdem sie beide müde, ja zu Tode erschöpft sind von der Erkenntnis, leer und nichtssagend zu sein. Flavian nimmt ihn in seine Arme und sagt gerührt, du auch, mein Lieber, mein Allerliebster, du auch, werde gesund schmutzig.

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