Ein neuer Nachbar von Matthjas Zschokke, 2002, Ammann

Matthias Zschokke

Am Meer
(Leseprobe aus:
Ein neuer Nachbar, Prosasammlung, 2002, Ammann)

Gestern noch saß er auf der Hotelterrasse, schaute der Sonne zu, wie sie im Meer versank, versuchte, etwas dabei zu empfinden, Poetisches, Melodiöses, doch er sah nur die Kugel wegtauchen und war gleichmütig; dann stand er auf, und sie gingen zusammen essen, einen gegrillten Fisch mit Knoblauch und Bratkartoffeln, Salat, dazu tranken sie Wein; dann verließen sie das Restaurant, er schaute in den schwarzen Himmel, sah zwei, drei Sternschnuppen fallen, dachte daran, daß er sich bei der nächsten etwas wünschen sollte, überlegte, was er sich denn wünschen könnte, betrachtete das Gefunkel, sah keine weitere Sternschnuppe fallen; sie schlenderten am Ufer entlang zurück, legten sich ins Bett, hörten dem Meer zu und freuten sich aufs Einschlafen. Am folgenden Morgen war er kalt. So schnell geht das.

Sie war immer ruhig, wenn er draußen auf der Terrasse saß und der Sonne zuschaute oder den Sternen. Er guckte übelgelaunt und langweilte sich; zu Himmelskörpern fiel ihm nichts ein. Eigentlich saß er nur da, weil er nichts anderes mit sich anzufangen wußte. Er wartete auf sie, auf ihre Vorschläge. Und wenn es ihm zu lange dauerte, wurde er plötzlich wütend, sprang auf und rief hinein, er warte nicht mehr länger, er wisse, wie eine Sonne untergehe, er kenne das Meer, sie solle endlich voranmachen. Er trat ungeduldig an die Brüstung, ging auf und ab, drängelte, und sie mußte sich schnell anziehen und mit ihm das Zimmer verlassen. Doch schon im Treppenhaus verlangsamte er seine Schritte und wußte nicht weiter. Dann schaute er sie mißmutig an und erwartete, daß sie die Richtung vorgebe; kaum waren sie draußen ein paar Meter weiter gegangen, verlangte er, daß sie ihm erzählte, was sie tagsüber gedacht hatte. Ihre Sätze kommentierte er kaum. Er ging bloß neben ihr her und starrte mürrisch übers Meer. Und wenn sich im Gebüsch etwas regte, blieb er stehen, beugte sich vor, hielt den Atem an und versuchte herauszufinden, was da raschelte. Egal, ob sie gerade mitten in einem Satz steckte, er hörte ihr nicht weiter zu, um – wie nicht anders zu erwarten – jeweils eine Eidechse zu entdecken oder einen kleinen, grauen Vogel, irgendein alltägliches Tier halt, das an Straßenrändern, unter Sträuchern seine Zeit verbringt.

Jetzt sitzt er nicht mehr draußen auf der Terrasse, um der Sonne zuzuschauen, wie sie im Meer versinkt; und sie weiß nicht mehr, was die Terrasse soll, was die Sonne soll, das Meer – das kommt ihr alles leer vor, ohne Sinn, denn es muß doch von einem gesehen werden, wenn es etwas sein will.

Sie hat in der Rezeption angerufen und gesagt, ein Toter liege da. Im Nu standen zwei Männer vor der Tür, ihr kam es vor wie in Sekunden, legten ihn auf eine Bahre, zogen das Bett ab, räumten seine Sachen beiseite; sie mußte ein, zwei Formulare unterschreiben, dann trugen die Männer den Leichnam weg, und alles war verschwunden; nicht einmal der helle Fleck blieb zurück, der auf einer Tapete sichtbar wird, wenn man ein Bild entfernt – es war, als sei er nie gewesen.

Seit einiger Zeit hatte sie ihm ihre Gedanken nur noch ungern mitgeteilt; dauernd wurde sie aufgeschreckt vom Empfinden, sich zu wiederholen – das war ihr entsetzlich. Sie wurde heiser beim Sprechen, weil sie sich ärgerte über ihr vermeintlich ewiggleiches Geschwätz. Sie ließ mitten im Satz ein Wort aus, von dem sie überzeugt war, es eben gerade benutzt zu haben; sie brach die Sätze ohne Erklärung ab, weil sie den Eindruck hatte, den gleichen Gedanken vor kurzem erst geäußert zu haben; was sie sagte wurde unverständlich, hingemaulte Brocken, schlecht artikuliert, weil ihr zunehmend auch einzelne Buchstaben und Laute verbraucht vorkamen und sie sie nicht mehr über die Lippen bringen mochte. Ihm war das egal. Er blieb gleichmütig und ging darauf nie ein. Ihm war es einerlei, ob sie dumm, klug oder zweimal dasselbe sprach. Nur schweigen durfte sie nicht.

Jetzt darf sie schweigen, endlich, wird nicht mehr genötigt, ihre Erkenntnisse daherzuleiern, die ihr abgenagt und dürftig vorkommen – aber das erleichtert sie nicht. Es war ein eintöniges Leben mit ihm. Er hockte herum und wartete darauf, daß sie ihn unterhielt, und sie redete notgedrungen. Jetzt ist er weg, und sie sitzt schweigend da. Die Terrasse ist häßlich, eine große Zahnlücke, das Meer stinkt zur geö‡neten Tür herein, sie hat keine Gedanken, es wird dunkel, sie empfindet nichts, ein Vogelschwarm zieht durch den Himmel, die Bäuche glitzern silbern, ein Schwarm Fische, und sie weiß nicht, ob jetzt die Zeit gekommen ist, essen zu gehen; er hatte den Tagesablauf bestimmt; wenn er unruhig wurde, war die Zeit gekommen aufzubrechen. Jetzt ist schwarze Nacht, sie weiß nicht, ob sie Hunger hat. So schnell geht das.

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