Bleibtreu von Martna Zöllner, 2003, DuMont

Martina Zöllner

Bleibtreu
(Leseprobe aus: Bleibtreu, Roman, 2003, DuMont).

Jetzt bloß nicht seitwärts äugen, in die Fensterscheibe, sonst ist die Illusion dahin.
Vorhin, zu Hause, beim Zurechtmachen, habe ich jedenfalls das optimale Schönheitsgefühl herausgeholt. Schöner, als ich mir da vorgekommen bin, kann ich mir nicht vorkommen. Mehr ist nicht drin. Ich bin sechsunddreißig, ich weiß Bescheid über mich. Für jeden Tag könnte ich eine Verlaufskurve meines Schönheitsgefühls zeichnen. Wenn ich Barbara treffe, zum Beispiel, sinkt die Kurve immer. Sobald Barbara auf mich zu kommt, duftend und mit schwingenden Locken, fühle ich mich gleich unscheinbar. Auch wenn ich eine Minute vorher, vor meinem Spiegel, noch ganz einverstanden war mit mir. So wie vorhin, als ich das Haus verließ. In etwas geraderer Haltung als sonst, vielleicht auch etwas anders gehend, weil ich den langen Rock mit dem Schlitz anhatte und mir schön vorkam. Jedenfalls beinahe. In so einem Rock stellt sich der passende Hüftschwung automatisch ein. Wie das wirkt, weiß ich natürlich nicht. Allerdings habe ich schon ein paar Männerblicke dieser speziellen Art bemerkt, als ich vor nicht ganz einer Stunde in den Zug nach Kassel stieg. Wenn Christian sagt, ich sei schön, zucke ich immer zusammen. Christian findet mich praktisch in jeder Situation schön, auch wenn ich eine Schnupfennase habe oder morgens verquollen neben ihm aufwache. Für gewöhnlich werde ich von solchen, die sich genötigt fühlen, mein Äußeres zu beurteilen, höchstens mit dem Wort attraktiv versehen. Seit Christian mich sogar auf den Abiturfotos schön gefunden hat, obwohl ich damals ein blasses Provinzpummelchen in quadratmetergroßen, selbstgestrickten Pullovern war, weiß ich , daß ich ihn, was diesen Punkt angeht, nicht ernst nehmen kann. Dabei möchte ich nichts als für ihn schön sein. Aber seit ich hier im Zug sitze und auf ihn zufahre, geht die Kurve wieder deutlich nach unten. Das Schlimmste wäre, jetzt noch auf die Toilette zu müssen. Ein Blick auf mein neonbeleuchtetes Spiegelbild, und ich käme picklig und zwei Zentimeter kleiner wieder aus der Toilette heraus. Über die menschenverachtenden Lichtverhältnisse in Zugtoiletten müßte man mal eine Glosse schreiben. Die haben sich auch im ICE nicht geändert. Zugfahren macht häßlich. Von der trockenen Klimaanlagenluft bekommt man müde Augen, oder brennende Augen, oder beides. Leider habe ich empfindliche Augen. Und meiner Haut sieht man jede Unsicherheit an, die ich noch mit beherztem Auftreten locker überspiele. Ich will diese Zugfahrt lang von meinem Spiegelbild verschont bleiben. Was gar nicht so einfach ist, weil es im ICE so viel Chrom und Glas gibt und ich dann nicht anders kann als hineinsehen. Wenn wir Zug fahren, Christian und ich, macht es ihm Vergnügen, mich dabei zu erwischen. Nur du und Laura, sagt er, schauen so oft in alles, was spiegelt. Sonst habe er eine solche Sucht noch nie erlebt. Mit sonst hat er wahrscheinlich die Legion Frauen gemeint, die im Laufe der Jahre mit ihm in Betten und wahrscheinlich auch in Züge gestiegen ist. Laura ist allerdings eine von Christians Töchtern. Ihre Zwillingsschwester heißt Agathe. Sie sind vier Jahre jünger als ich. Dann gibt es noch Alexander, den ältesten, Filmregisseur; er hat an der DFFB studiert. Schöner lieben ist allerdings sein einziger Kino-Erfolg, und der ist auch schon ein paar Jahre her. Obwohl Alexander in Schwabing eine Wohnung hat, sieht Christian ihn nicht oft. Die eine Tochter sieht er, sagt er, nie mehr, hat aber, sagt er, mit ihr lebendigsten Telefonkontakt. Laura, studierte Archäologin, gräbt mit ihrem Professor seit Jahr und Tag in Ephesus und muß jede bessere dorische Scherbe stolz dem Vater melden, und der meldet sie dann ebenso stolz mir. Agathe ist Waldorflehrerin irgendwo in München. Christian sagt, sie habe den brennenden Ehrgeiz, unauffällig zu sein. Aus der Maximilianstraße bringt er ihr ab und zu etwas Schickes mit, das Agathe dann nicht anzieht. Christian und ich haben uns vor zwei Jahren kennengelernt, als er, der vorher halbwegs bekannt war, mit seinem Buch „Kritik der Harmlosigkeit“ auf einmal richtig berühmt wurde. Als ich geboren wurde, hat er geheiratet. Heute ist er immer noch verheiratet, und immer noch mit derselben Frau. Unsere Situation ist aussichtslos. Wir lieben uns, wie sich noch nie zwei Menschen geliebt haben. 

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