Die Einladung nach Jerusalem von Vera Zingsem, 2001, Büchergilde Gutenberg

Vera Zingsem

aus: Die Einladung nach Jerusalem

4. "Ahlan wa sahlan, ja Miriam!"

Die Straße wurde plötzlich breiter und heller und schlängelte sich in ausladenden Serpentinen langsam bergauf. Offensichtlich war Jerusalem nicht mehr weit.
"Muhammad wird uns zuerst zum Ölberg fahren", wandte sich Nuhad mit einem Mal an Miriam.
"Ja, von dort oben hat man den schönsten Ausblick auf die Altstadt von Jerusalem", erläuterte Frau Gruner für den Rest ihrer Familie. Und Recht hatte sie, das musste Miriam zugeben, obwohl sie beinahe zu erschossen gewesen wäre, um ihre müden Knochen aus den bequemen Sitzpolstern zu erheben.
"Al-Kuds", sagte Muhammad und wies mit einer stolzen Geste auf das Panorama zu ihren Füßen. Der Anblick war überwältigend. Gegen den dunklen Nachthimmel hoben sich die Umrisse der Altstadt ab wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Jedenfalls war das der einzige Vergleich, der Miriam im Augenblick einfiel. Eingeschlossen hinter einer hohen Mauer, unter deren Schutz sich die Dächer der Wohnhäuser aneinanderschmiegten wie verirrte Schafe, wirkte das alte Jerusalem wie eine starke und uneinnehmbare Festung. Überstrahlt wurde sie durch die Kuppeln zweier Moscheen, die silbern und golden glänzten im matten Licht des Halbmonds, der gerade zur rechten Zeit die richtige Stelle erreicht hatte, um das Wunder zu beleuchten. "Der mit der goldenen Kuppel ist der Felsendom, stimmt's?" wollte Miriam wissen, die alle Müdigkeit von sich abgeschüttelt hatte. "Der ist ja in Wirklichkeit noch viel schöner als auf den Dias und Postkarten", rief sie. "Ich bin gespannt, wie er von innen aussieht."
"Wir werden ihn sicher mit dir besuchen", versprach Nuhad. "Aber jetzt fahren wir besser nach Hause. Ich denke wir haben alle Hunger!"

Muhammad parkte das Auto neben einem der zahlreichen Tore zur Altstadt, die Miriam noch nicht unterscheiden konnte.
"Dies ist das 'Herodes-Tor'", erklärte Frau Gruner ihrer Tochter, als sie mitten hindurchschritten. "Aber die Araber nennen es anders.
Sie sagen 'Bab-al-Sahira'. Sie haben für alle Tore ihre eigenen Namen, doch es reicht, wenn du dir nur die gängigsten merken kannst", versicherte sie mit einem Blick auf Miriams verwirrrten Gesichtsausdruck.

Die Wohnung lag höchstens fünf Minuten Fußweg vom Herodes-Tor entfernt. Sie gingen durch einen Innenhof, stiegen eine Treppe hinauf und befanden sich, als die Tür geöffnet wurde, gleich im Wohnzimmer, wie der festlich gedeckte Tisch verriet. Nuhad entschuldigte sich, dass es heute Abend leider nur kalte Dinge zu essen gab, und deckte auf, was sie vorbereitet hatte. Die Kinder halfen eifrig, denn sie hatten alle Hunger wie die Wölfe. Bald standen viele verschiedene Teller und Schüsseln auf dem Tisch, gefüllt mit vielerlei Dingen, die Miriam nur zum Teil kannte: Gurken- und Tomatensalat, Schafskäse und Oliven, rundes, deftiges Fladenbrot ... aber dann war sie mit ihrem Latein am Ende. Was mochte wohl diese bräunliche, unansehnliche Paste sein, die dort fein säuberlich mit sauren Gurken verziert auf zwei flachen Tellern angerichtet war? Neben zwei Tellern mit einer weißen Paste, die in grünlichem Öl ertrank und mit dunklen Oliven verziert war. Dann gab es etwas, das aussah wie Hackfleischbällchen. Miriam zeigte ratlos auf die graubraune Paste.
"Hoummous, Hoummous!" riefen Ibrahim und Suha wie aus einem Mund und rollten genießerisch mit den dunklen Augen.
"Humus? Aber das ist doch Erde!" überlegte Miriam ganz entgeistert und blickte fragend auf ihre Mutter.
"Nein, Hoummous ist hier der Name für eine Paste aus Kichererbsen", berichtigte ihre Mutter sie lachend, denn Miriam machte in ihrer Ratlosigkeit ein allzu komisches Gesicht. "Weiß gar nicht, was daran so lustig sein soll", brummte Miriam. "Und diese Bällchen, wie heißen die doch gleich ...?" "Felafel; die sind auch aus Kichererbsen, nur anders zubereitet."

Weiter kam Miriam nicht mit ihren Fragen, denn inzwischen hatten sich alle um den Tisch versammelt und warteten darauf, gemeinsam mit Essen anfangen zu können.
"Sachtéen", ermunterte Nuhad ihre Gäste zum Zulangen, und die ließen sich das nicht zweimal sagen. Erstaunt beobachtete Miriam, wie ihre Mutter einen Brotfladen vom Teller nahm, kleine Stücke davon abriss und sie abwechselnd in die verschiedenen Pasten tunkte. Mit den Fingern essen war doch zu Hause strengstens verboten! Aber hier machten es alle so. Auf diese Weise sparte man wenigstens Besteck und Abwasch. Gabeln gab es auch nicht für alle. Die Kinder häuften sich Gurken, Tomaten und Oliven und Kichererbsenbällchen mit Löffeln auf den Teller und steckten sie dann so in den Mund. "Du isst ja gar nichts", bemerkte plötzlich Nuhad neben ihr. "Hast du keinen Hunger?" Besorgt häufte sie ihr von allem auf, was auf dem Tisch stand und reichte ihr ein Brot dazu. Miriam blickte entmutigt auf ihren Teller. Und das sollte sie alles aufessen? Tapfer tunkte sie ihr Brot ein und stellte fest, dass wenigstens die weiße Paste besser schmeckte, als sie sich vorgestellt hatte. Das, was die anderen "Hoummous" nannten, schmeckte allerdings, wie es aussah. Eingeschlafene Füße wären die reinste Delikatesse dagegen. Miriam würgte und wunderte sich, dass ihre Mutter gerade diesem Gericht so kräftig zusprach. Die Felafel-Bällchen schmeckten nicht viel besser. Warm sollten sie angeblich noch köstlicher sein, aber Miriam konnte sich das beim besten Willen nicht vorstellen. Auch Oliven waren nicht gerade ihre Sache. Wenn es zu Hause griechischen Salat gab, pickte sie die Oliven immer heraus. Aber hier traute sie sich das nicht, und eingedenk der Sätze, die ihre Mutter ihr im Auto eingeschärft hatte, aß sie tapfer den ganzen Teller leer. Nur als Nuhad ihr von neuem aufhäufen wollte, streikte sie, und Nuhad ließ sie verständnisvoll in Ruhe.

Zu trinken gab es schwarzen Tee mit frischen Pfefferminzblättern und ganz viel Zucker, und der schmeckte so köstlich, dass Miriam eine Tasse nach der anderen trank. Auch ungeliebte Speisereste ließen sich damit spielend nach unten spülen. Zum Nachtisch wartete noch eine weitere Überraschung auf sie: Es gab süßen Kuchen und Wassermelone. Nachdem sie erwartungsvoll in ein Stückchen Pistazienstrudel gebissen hatte, wusste sie allerdings, dass der zu mächtig für sie war. Er troff nur so von Fett, und obwohl er nicht übel schmeckte, hatte sie schon nach zwei Bissen das Gefühl, ihr Magen habe einen Pfropfen. Hilfesuchend blickte sie nach ihren Eltern, und ihr Vater ließ das Stückchen unauffällig in seinem eigenen Mund verschwinden. Aber Wassermelone! Das war nun wirklich genau das Richtige. Miriam aß, bis sich ihr eigener Magen nach Wassermelone anfühlte und Meldung nach oben gab, er werde auf der Stelle platzen, wenn nur noch ein weiteres Stück nachgeschoben würde.

Während sie so beim Essen saßen, kam ein Mann zur Tür herein, der dick und korpulent war, mit einem leichten Stoppelbart im Gesicht. Er grüßte freundlich. "Das ist Nessim", erklärte Nuhad, "er kommt, um den Schlüssel für seinen Wagen zurückzuholen."
"War das denn nicht euer Wagen, mit dem wir gefahren sind?" fragte Miriam verdutzt.
"Nein, hast du nicht das Schild auf dem Dach gesehen. Das Auto war ein Taxi und Nessim ist Taxifahrer. Er hat uns den Wagen geliehen. Wir haben nur ein kleines Auto und meistens fahren wir mit dem Bus. Das ist billiger."
Nessim setzte sich an den Tisch, um einige Brocken mitzuessen. Dann verschwanden er und Muhammad mit einer Wasserpfeife ins Nebenzimmer.

Miriams Eltern machten Anstalten aufzubrechen. Miriam schluckte ein paar Mal, als sie zur Tür heraus waren und kam sich für eine Weile ganz verloren vor. Doch dann zog Amal sie mit sich fort in ihr Zimmer, wo schon die Matratzen zum Schlafen ausgerollt waren. Miriam erhielt das einzige Bett in dem Zimmerchen, das sie mit Amal und Suha teilen sollte. Die beiden würden auf den Matratzen am Boden schlafen, sonst schliefen sie anscheinend zusammen in dem Bett, das Miriam als Gast nun ganz für sich alleine belegen durfte. Kurz bevor ihr die Augen zufielen, entdeckte sie noch eine kleine Ameisenstraße in der Nähe des Fensters und machte Amal darauf aufmerksam. Die schien sich jedoch nichts weiter dabei zu denken, sondern legte sich seelenruhig schlafen. Miriam versuchte es ihr gleichzutun, obwohl sie am ganzen Körper schon das Kribbeln und Krabbeln von tausend Ameisen fühlte, die im Bett ihr Nachtquartier aufschlagen wollten. Nuhad gab allen Mädchen einen Gutenachtkuss und drehte das Licht aus.

"Lailah sa'idi", flüsterte Amal zu Miriam hinüber. "Das heißt auf Arabisch 'Gute Nacht'", fügte sie hinzu. "Ja, gute Nacht", flüsterte Miriam zurück, obwohl sie insgeheim überzeugt war, dass dies die schlimmste Nacht ihres Lebens werden würde. Und sie sollte nicht ganz unrecht damit haben.

Vorläufig jedenfalls war an Schlaf nicht zu denken. Die Geräusche von ganz Jerusalem schienen sich gegen sie verschworen zu haben. Hunde bellten, Katzen schrien, Schafe blökten, es summte und rumorte, als wollte sich die halbe Tierwelt ein Stelldichein unter ihrem Schlafzimmerfenster geben. Und dann gab es ab und zu ein Geräusch, das klang wie eine rostige Pumpe, die man nach langer Zeit wieder in Gebrauch nimmt. 'Komisch', dachte Miriam, 'hier in Jerusalem gibt es doch Wasserleitungen'. Dann fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Ohren: Richtig, das mussten Esel sein. Wenn man sich anstrengte, konnte man so etwas wie "Iah" aus dem Schrei heraushören, aber man musste sich schon sehr anstrengen, wenn man noch nie zuvor mit Eseln zu tun gehabt hatte. Nachdem sie wenigstens dieses Rätsel gelöst hatte, fiel Miriam endlich in den Schlaf der Gerechten.

Mitten in der Nacht schreckte sie plötzlich auf. Von allen Lautsprechern in der Stadt wurde Alarm gegeben. 'Krieg', dachte Miriam und war sofort hellwach. 'Sicher ist wieder ein Krieg unter Juden und Palästinensern ausgebrochen.' Ihr Herz hämmerte bis in den Hals hinauf. Merkwürdigerweise schien Suha und Amal der Lärm nicht im geringsten zu beeindrucken. Sie wurden nicht einmal wach davon. Aufgeregt rüttelte Miriam Amal am Arm. Die sah sie ganz entgeistert an. "Schu? - was ist?" murmelte sie schlaftrunken.
"Da, hörst du nicht, da draußen ... Alarm", keuchte Miriam, außerstande, in der Aufregung ein englisches Wort zu finden. "Oh!" lachte Amal und ließ sich erleichtert zurückfallen. "Das ist doch nur der Muezzin", erklärte sie auf Englisch. "Er ruft zum Beten!" "Mitten in der Nacht?" fragte Miriam ungläubig.
"Es wird bald Morgen", bemerkte Amal. "Schlaf nur ruhig weiter." Mit diesen Worten rollte sie sich auf die andere Seite und war im Nu wieder eingeschlafen. Die Lautsprecher schickten ihren blechernen Gesang noch eine Weile in die Nacht, dann wurde es still.

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