|
|
Die Nacht
hinter den Wäldern
(Leseprobe aus:
Die Nacht hinter den Wäldern, Roman,
Deuticke).
In einem Wiener Antiquariat stieß ich vor einigen Jahren beim ziellosen Stöbern auf ein schmales Buch eines Doktor Arthur Nussbaum, Rechtsanwalt in Berlin. Es trug den akademischen Titel Der Polnaer Ritualmordprozess. Eine kriminalpsychologische Untersuchung auf aktenmäßiger Grundlage. Als Erscheinungsjahr war 1906 angegeben, doch die Ereignisse, die darin der Untersuchung unterzogen wurden, reichten bis ins Jahr 1899 zurück. Damals war eine junge Frau in einem Wald unweit der böhmischen Kleinstadt Polna erstochen worden. Nach mehreren Verhandlungen, die sich von einem Kreisgericht zum nächsten verschleppten und dabei jedesmal an Absurdität zulegten, kam es zu einer umstrittenen Verurteilung. Ein jüdischer Schustergeselle namens Leopold Hilsner wurde zuerst zum Tode verurteilt, dann zu lebenslanger Haft begnadigt. Man hat ihm die Tat nie nachweisen können, das Gericht mußte sich bei der Urteilsfindung also auf Indizien, die mehr als fragwürdig waren, auf widersprüchliche Zeugenaussagen und Expertisen sowie auf die mangelhaften Ermittlungsergebnisse der Polizei stützen. Nicht zuletzt wurde die Arbeit der Justiz von der antisemitischen Presse und von den tschechischen Nationalisten nicht nur kontrolliert, sondern geradezu gelenkt. Der Hilsner-Prozeß, der im September 1899 im kleinen Gerichtssaal von Kuttenberg begonnen hatte, entwuchs schnell den Grenzen der juristischen Vernunft und blähte sich zu einem bizarren Polit- und Medienspektakel auf, bei dem jedem Beobachter bald klar war, daß es nicht um Gerechtigkeit, sondern um Agitation ging. Der Hilsner-Prozeß wurde zur Bühne für hysterische Nationalisten und Antisemiten, er wurde zum schaurigen Schauspiel fürs einfache Volk und zur Niederlage für eine offiziell unabhängige, in Wirklichkeit aber parteiliche und feige Justiz.
Ich kaufte das Buch, las es einerseits mit größter Neugier, quälte mich aber andererseits durch die umständliche und ständig auf Objektivität bedachte Juristenprosa und suchte nach einigen Wochen meinen Antiquar wieder auf, um zeitgenössische Fotografien zu kaufen, die mir die Orte des Geschehens und die Physiognomie der Menschen, die in dieser grausamen Gerichtssaalkriminalposse die Haupt- und Nebenrollen spielten, deutlicher vor Augen führen sollten. Nach langer Suche fand ich einige Bilder, private Aufnahmen und Postkarten, die natürlich nicht die authentischen Orte und Menschen zeigten, die mir aber eine Annäherung an die Vorkommnisse des Jahres 1899 ermöglichten. Die Bilder legte ich zu Hause nebeneinander auf, ich montierte sie wie ein Puzzle zu einer Erzählung zusammen, so wie ich mir eben die Chronologie der Ereignisse vorstellte.
Das erste Bild, eine Fotografie aus den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, zeigte die schmale und verwinkelte Lederergasse in der Prager Altstadt. Die glatten Fassaden der zweistöckigen Häuser sind dunkelgrau, wie mit Ruß überzogen, ganz oben stoßen die einander gegenüberliegenden Dachtraufen fast aneinander, daß kaum Licht in die schmale Gassenschlucht hereinfällt. Wer in diesen Häusern wohnt, lebt im Elend. Aus den teils zerbrochenen Fenstern ist der Himmel nie zu sehen, aber wer hier wohnt, ist dem Himmel ohnehin schon näher als dem irdischen Glück. Die Elemente haben diesen kleinen Teil der Stadt erobert: die vernagelten Fenster des Erdgeschoßes lassen Spuren von Feuer erkennen; herausgebrochenes Mauerwerk hat sich auf dem Pflaster zu Erdhügeln aufgehäuft; offene, ausgewitterte Fensterflügel klappern in der Luft, und das Wasser schließlich löst den Putz auf wie Zuckerguß, zeichnet Schlieren und Flecken auf die graue Haut der Häuser, läßt sie da und dort bis zum Ziegelskelett aufplatzen. Keine Spur von Leben. Nur diese Häuserleichen. Und der Regen, leicht offenbar, doch beständig. Kurze, silbrige Fäden hängen vom Prager Himmel herunter und tragen wie kleine Kometen Lichtfunken durch den engen Spalt zwischen den Dächern bis auf den Grund der Gasse hinunter...
... Es hat zu regnen aufgehört. Die Wolkendecke, die sich tagelang zwischen Prag und die Sonne geschoben hatte, ist an mehreren Stellen aufgeplatzt und läßt gebündelte Lichtstrahlen auf die Dächer der Stadt herunterfallen.
"Schau", sagt Adriana, nachdem sie sich den Unterrock übergestreift und das beschlagene Fenster aufgestoßen hat, "wie schön. Das ist wie das Auge vom Herrgott im Katechismus, das aus dem Dreieck herausschaut und auf die Erde herunterleuchtet."
Husek blinzelt über die Bettdecke zum Fenster. Das Licht tut ihm in den Augen weh, er sieht die nicht mehr ganz junge Frau, bei der er vor sechs Jahren, als ihn nach zweiwöchigem Gefängnisaufenthalt sein alter Hauswirt Mehring vor die Tür gesetzt hatte, eingezogen war, nur als verschwommenen Scherenschnitt vor diesem Rechteck in der Wand stehen, durch das die kühle Luft hereinströmt wie Wasser aus einer geöffneten Schleuse. Ihr Bruder war damals bei den Jungtschechen aktiv gewesen, wo er, Husek, mit Baxa und Breznovsky das große Wort führte.
"Geh zu Adriana auf die andere Moldauseite, nach Smichov", hatte der Bruder gesagt, "der hat die Schwindsucht das Mädchen weggenommen, jetzt ist sie allein. Ihr Mann ist neunundachtzig nach Amerika hinübergefahren und hat nie wieder etwas von sich hören lassen. Der kommt nicht mehr wieder, da bin ich mir sicher. Bei ihr kannst du wohnen, bis du dir was Anständiges leisten kannst."
Husek ist länger geblieben, als er vorhatte, dem Bruder ist im Jahr sechsundneunzig bei einer Rauferei zwischen tschechischen und deutschen Nationalisten in Zizkov so oft in den Bauch getreten worden, daß er wenige Tage später den inneren Blutungen erlegen ist, und Adriana hat auch noch nach zehn Jahren Abwesenheit nichts von ihrem Mann gehört. "Mach das Fenster wieder zu", sagt Husek gequält, "mir kommt vor, als tät sich der April mit seinem feuchten Hintern auf mein Gesicht setzen." Husek ist ein Freund geschlossener Räume, frische Luft verwirrt ihn. Wenn die Sonne scheint, verdunkelt er sein Zimmer, wenn er ausgeht, dann meistens nach Einbruch der Dämmerung.
Rezension I Buchbestellung 0I03 LYRIKwelt © Deuticke