Last Exit Odessa von Peter Zimmerann, 2002, Deuticke

Peter Zimmermann

Last Exit Odessa
(Leseprobe aus: Last Exit Odessa, Roman, 2002, Deuticke).

Zwanzig nach eins und keine Spur von Minski. Vereinzelt stehen Leute an der Mole und schauen hinaus auf den Horizont, schweigend und gleichmütig, als seien sie auf der Suche nach etwas, das ihnen die Langeweile nimmt. Oder die Alpträume, die Hoffnungslosigkeit, die Not der Gegenwart, was weiß ich. Nach einem Schiff zum Beispiel, anders als die Öltanker, die von Zeit zu Zeit aus östlicher Richtung auf den Hafen zugleiten. Oder nach einem Wesen, das langsam hinter der Krümmung des Planeten emporwächst, dort, wo das Wasser und der Himmel sich berühren, das Gestalt annimmt und sich zielstrebig der Stadt nähert wie seinerzeit der galante Duc de Richelieu, der auf die Handvoll Tataren in der öden Steppe, flach, staubtrocken und baumlos über Hunderte Kilometer, gespenstisch gewirkt haben muß. Aber das Meer ist glatt und grau und leer an seiner Oberfläche, geheimnislos wie das Leben in den Straßen und Häusern, die man vom Hafen aus nicht sehen kann, und wo man von morgens bis abends nur damit befaßt ist, zu Geld zu kommen oder darunter zu leiden, daß man keines hat. Wenn die Leute nach einigen Minuten merken, daß sich das Warten nicht lohnt, so wie gestern und vorgestern und die Tage zuvor, verschränken sie die Arme hinterm Rücken oder stecken die Hände in die Hosentaschen, lassen die Köpfe hängen und gehen langsam die schmale künstliche Halbinsel aus Beton zurück, zum verwaisten Fährenterminal, zur Uferstraße oder zur Potemkin-Treppe, über die sie dann unter der heißen Sonne Odessas bergauf ins Stadtzentrum steigen. Ich vermute, sie kommen morgen wieder. Und an den folgenden Tagen. Vielleicht lohnt sich das Warten irgendwann einmal.
Ich beobachte jeden von ihnen, sofern er männlichen Geschlechts und um die fünfzig ist, denn es könnte sich bei einem davon um Minski handeln, der sich mir vielleicht möglichst unauffällig nähern möchte, oder einfach nur zögert, weil er sich nicht sicher ist, ob der einsame Mensch, der da an der niederen Brüstung am Ende der Mole sitzt, tatsächlich derjenige ist, mit dem er sich treffen soll. Ich verfüge in der Tat über keine besonderen Merkmale, weder was Größe und Körperumfang, noch was Narben oder andere Verunstaltungen betrifft. Wenn Minski dich finden will, dann findet er dich auch, hat Valeria gesagt, die das Treffen arrangiert hat. Minski ist einverstanden und er weiß Bescheid, hat sie mir versichert. Jetzt, bald eine halbe Stunde nach dem vereinbarten Zeitpunkt, bin ich mir nicht mehr so sicher. Männer, die Minski sein könnten, und denen der sanfte Wind ins dünne Haar fährt, rauchen, kauen an ihren Lippen, blasen die Wangen auf, einer pfeift sogar La Paloma, das ist alles. Positioniert sich einer von ihnen in meiner unmittelbaren Nähe, zische ich Minski! Minski!, genau zwei Mal, gerade so laut, damit nur er es verstehen kann. Niemand scheint meine konspirative Geste zur Kenntnis zu nehmen. Jedesmal, wenn ich Minski! Minski! zwischen geschlossenen Kiefern hervorpresse, schließe ich die Augen und warte auf das erlösende Ich bin es. Doch alles, was ich höre, ist das Plätschern des Schwarzen Meeres an der Mole und Schritte, die sich langsam entfernen. Vermutlich halten sie mich für einen von ihnen, einer, der auch jeden Tag kommt, um zu schauen und zu warten, und der im Lauf der Zeit seinen Verstand verloren hat.
Vielleicht hat Minski der Mut verlassen, vielleicht ist er aber einem Fremden gegenüber auch nur schüchterner, als er es vor Valeria zugeben wollte. In ihrer Gegenwart trägt man gern ein bißchen dicker auf, das weiß ich selbst, nicht weil sie besonders attraktiv wäre, im Gegenteil, sie ist lang und sehnig wie ein Fußballtorwart, hat verfilztes, karottenrotes Haar am Kopf und schlechte Zähne im Mund. Die äußeren Makel werden einem aber erst im Nachhinein bewußt, wenn man, etwa abends im Bett liegend, ihre ins Gedächtnis eingebrannte Gestalt abruft. Dann erst wirkt sie verletzt und verletzlich, wie jemand mit einer gut versteckten Vergangenheit. Die leibhaftige Valeria trägt auf ihrer ukrainischen Haut ein Kleid aus Wut und Aggression, das macht sie als Mensch beinahe unsichtbar. Sie ist laut, grob und verletzend. Da steht man nicht gerne nach und spielt bestimmt nicht den sensiblen Mann, der alles versteht und alles verzeiht. Sich mit ihr einzulassen, das ist, so habe ich das zumindest erlebt, eine Art Sadomasonummer, einstecken, austeilen, einstecken, austeilen, und keiner gibt nach. Da erweist sich sogar ein schlaffer Sack als innerlich grob gewebt, ehrlich, ich habe einmal miterlebt, wie sie einen introvertierten deutschen Journalisten, der so leise gesprochen hat, daß man beinahe den Atem anhalten mußte, um ihn zu verstehen, und der an der politischen und sozialen Wirklichkeit vorbei über die Schönheiten Odessas schreiben wollte, derart zur Sau gemacht hat, daß ihm bereits die Tränen in den Augen gestanden sind …
Minski! Minski! Der Mann zieht Schleim hoch und spuckt ihn mir vor die Füße. Auffallend rot. Lungenkrank, würde ich sagen. Fehlanzeige. Ein Uhr dreiunddreißig.
… Also, kurz vor dem Zusammenbruch hat sich der Mann ein Herz gefaßt, und hat, anstatt seiner Wege zu gehen oder zurück nach Hause zu fahren, plötzlich zum Herumbrüllen begonnen und Valeria eine geklebt, daß sie der ganzen Länge nach zu Boden gekracht ist wie ein gesprengter Telefonmast. Er habe von diesem Scheißland derart die Nase voll, das könne sich gar keiner vorstellen, hat er geschrien, während Valeria mit aufgerissenen Augen, sonst aber regungslos, als habe sie sich beim Sturz das Rückgrat gebrochen, am Boden gelegen ist, und hätte ich ihn nicht zurückgehalten, hätte er wohl angefangen, auf ihren Körper, stellvertretend für das offensichtlich so verhaßte Land, einzutreten. Ein richtiger Nervenzusammenbruch. Habe ich noch nie zuvor erlebt. Dann hat sich der Deutsche ein bißchen beruhigt und mit feuchten Augen und verstopfter Nase erklärt, Odessa sei eine Tortur von Anfang an gewesen, ein Schlag ins Wasser, der ihn nur Geld gekostet habe, nicht gerade wenig obendrein, und was habe er dafür bekommen? Ein verstaubtes Hotel, dessen Direktor kürzlich von bewaffneten Männern abgeholt worden und, wie man höre, irgendwo am Stadtrand hingerichtet worden sei, was im übrigen jeden Tag vorkomme, da mache sich niemand große Gedanken. Weiters: eine wacklige Komsomolzenpritsche aus der Stalinära in einem stinkenden Zimmer, Frühstück in einem ehemaligen Parteibonzenpuff, schwachsinnige Neureiche mit geifernden Bitbullterriern an der Leine, paranoide Altkommunisten mit Armeerevolvern in der Hosentasche. Lügengeschichten von morgens bis abends, jeder Mensch habe hier scheinbar seine eigene Wahrheit. Er fühle sich … ja wie denn gleich … er fühle sich … nun ja, wie ein Hakenwurm am Rande eines Arschlochs, hat er plötzlich wieder zu schreien begonnen und sich mit den Fäusten auf die Brust geklopft, was immer diese Geste bedeuten mochte, aber nicht irgendeines Arschlochs, sondern, jawohl, des Arschlochs Europas! Wo man hinsehe: nur Scheiße! Was man sich anhören müsse: nur Scheiße! Die Schönheiten Odessas! Daß er nicht lache! Ein Taschenspielertrick! Blumen aus Odessa, wie! Lauter Nutten und Heiratsschwindlerinnen …
Valeria war in der Zwischenzeit wieder Herrin über ihre langen Extremitäten geworden und baute sich langsam wie ein unterkühltes Insekt zu voller Größe auf. Die Heuschrecken flogen hin übers Land, begann sie zu singen, mit einer für eine starke Raucherin überraschend klaren, hellen Stimme, dann gingen sie auf den Boden nieder. Fraßen alles, was sich dort fand, flogen auf, und weiter ging’s wieder. Dem Deutschen hat’s die Sprache verschlagen und mir, ehrlich gesagt, auch. Das war schon gespenstisch, weil ich annehmen mußte, daß ich es plötzlich mit zwei Verrückten zu tun hatte. Wissen Sie, was ich meine, hat mir der Journalist mit pathologisch weit geöffneten Augen zugeflüstert, ganz im Stil eines outrierenden Stummfilmtragöden, dann hat Valeria wie auf ein Stichwort laut aufgelacht, in gewohnter Rauheit, na, wer sagt’s denn, hat sie befriedigt gegen den Himmel gerufen und sich die gerötete Wange gerieben, der Deutsche hat’s begriffen. Die Heuschrecken flogen hin übers Land … Vom Regen in die Traufe, alles leergefressen und ausgeschissen … Blumen aus Odessa, sicher, Frauengesichter wie verdorrte Äcker, bereit zum Befeuchten und Besamen … dann gingen sie auf den Boden nieder … Mach die Augen ruhig noch weiter auf, Deutscher, und such’ sie, die Schönheiten der Stadt, und dann zeig’ sie mir, wenn du sie gefunden hast, aber ich weiß genau, daß du mit leeren Händen zurückkommen wirst, weil es sie nämlich nicht gibt, die Schönheiten, sondern nur den Abschaum, Blut und Scheiße …
Im Nachhinein muß ich sagen, daß mich eine Vorstellung selten so ergriffen hat, wie jene von Valerias Rage. Es war, als hätte jemand in ihrem Kopf den Vorhang hochgezogen und den Scheinwerfer angeknipst. Das hatte etwas von Maria Callas unter der Regie von Pasolini, war eine Art holzschnittartige Wirklichkeitsinterpretation, viel Geste, wenig Inhalt. Antigone, Elektra, etwas in der Art. Damals hat man ja viel Wind um die kleinen Dinge des Lebens gemacht, eine Lüge da, eine Untreue dort, und sich dann von einem Chor, der ja nichts anderes war als die menschgewordene paranoide Vielstimmigkeit im eigenen Kopf, endgültig in den Wahnsinn treiben lassen, ins Blutbad, ins Schreien und Haareraufen, ins Vergelten, in Selbstverstümmelung und Suizid. Ich fürchte, Valeria hat an nichts dergleichen gedacht, als sie wie die rasende Elektra – Es zwang das Unerhörte mich zu Unerhörtem – für wenige Augenblicke Zeit und Raum ausfüllte. Als sie mit ausgestrecktem Finger auf den Deutschen zeigte und ihm sagte, er solle sich zum Teufel scheren, und den Dreck, in dem herumzuwühlen er gekommen sei und den er Schönheit zu nennen gewagt habe, solle er gefälligst unberührt liegen lassen, wo er eben liege, es sei der Dreck der Odessiten, ihre ganz persönliche Hölle …
Na ja, Valeria, das ist so eine Sache. Ich bin nie recht schlau aus ihr geworden. Sie erinnert mich an diese schmallippigen militanten Abtreibungsgegnerinnen, die auf der einen Seite mit gramverzerrten Gesichtern den Schutz des ungeborenen Lebens propagieren und andererseits nicht zögern, in gynäkologischen Praxen Amok zu laufen. Für manche Leute ist es schwer einzusehen, daß sie eben nicht Gott sind. Enttäuschung macht neurotisch. Und Valeria ist neurotisch, daran zweifle ich keine Sekunde. Kein normaler Mensch kommt auf die Idee, seine Tochter Valeria Zwei zu nennen. Sie hat es getan. Ein Triumph harter Westwährung, nehme ich an. Hier kann man den Kindern sogar die dümmsten Namen kaufen. Monsieur Croque. Meister Proper. Bubble Jet Printer. Auslagenfenster und Speisekarten sind als Inspirationsquelle für junge Eltern sehr beliebt.
»Minski?« Jemand haucht mir diesen Namen über die Schulter, und ich zucke unweigerlich zusammen, weil ich instinktiv weiß, daß hinter mir nicht Minski steht. Niemand stellt sich mit einer Frage vor. Als ich mich umdrehe, blicke ich in das ausgezehrte Gesicht eines älteren Mannes.
»Was heißt hier Minski?« frage ich erstaunt. »Oder habe ich Sie einfach falsch verstanden?«
Der Mann rückt von mir ab und schaut mich ratlos an, als hätte ich gerade seine Familie bis ins letzte Glied verflucht. Aus der Distanz sieht er erschreckend schlecht aus, nicht im Sinn von häßlich, sondern von ungesund. Ein Krebspatient, der aus der Intensivanstalt geflohen ist. Ein arbeitsloser Marxismus-Leninismus-Professor nach drei Wochen Hungerstreik. Ein alternder ukrainischer Mafioso mit einem Steckschuß in der Lunge. Fischige, weit aus den Höhlen tretende Augen in einem fleischlosen Gesicht. Letzteres weiß wie eine frisch gekalkte Wand.
»Ich meine«, präzisiere ich, »habe ich da gerade ein Fragezeichen hinter dem Namen gehört? Oder irre ich mich?«
Er streicht sich mit einer Hand übers geölte, nach hinten gekämmte Haar. Schwarz wie Tinte. Intensivtönung, vermute ich.
»Sie sprechen deutsch?« fragt er mit kantigem Akzent. Mir scheint, ich habe ihn schon wieder verletzt.
»Ja, in der Tat. Sie übrigens auch, wie ich höre.«
Er zögert, als frage er eine unsichtbare Liste möglicher Irrtümer im Kopf ab. Dann macht er einen Schritt nach vor, setzt sich neben mich auf die Brüstung und schaut mit trauriger Miene hinaus auf den Horizont. Haut und Knochen unter dunklem Nadelstreif mit altmodisch breitem Revers. Und das bei dieser Hitze!
»Sie sind also nicht Minski?« fragt er in Richtung Süden und pfeift durch die Zähne, als hätte er mich bei einer Ungezogenheit erwischt, über deren Ahndung er sich noch nicht im klaren ist.
»Nein, ich bin nicht Minski.«
Er zieht eine verbeulte Zigarettenpackung aus der Innentasche seines Sakkos, steckt sich eine an und bläst Rauch aus der Nase. Ehe er das Päckchen wieder einsteckt, hält er es mir vors Gesicht.
»Zigarette?«
»Gern.« Ich ziehe eine heraus und lasse mir von ihm Feuer geben. Wir saugen und blasen und sagen nichts, bis die Glut den Filter anschmort, obgleich mir – und vermutlich auch ihm natürlich klar ist, daß diese Zusammenkunft kein Zufall sein kann. Zwei Männer sitzen am äußersten Punkt einer künstlichen Halbinsel aus Beton und warten auf Minski.
»Ich fürchte, er wird nicht kommen«, sage ich, was er mit einem leisen Grunzen quittiert. Den Blick immer noch auf den Horizont gerichtet, läßt er die Zigarette zu Boden fallen und zertritt sie mit der Spitze eines Schuhs, der so aussieht, als hätte er schon Tausende Zigaretten ausgetreten.
»Sie kennen Minski?« frage ich.
»Nein.«
Ich nehme zur Kenntnis: Der Mann ist kurz angebunden. Die Tatsache, daß ich nicht Minski bin, hat ihn offensichtlich aus den Geleisen geworfen. Vermutlich hat er in seinem Leben schon oft und lang gewartet, die meiste Zeit wohl vergeblich. Der famose Minski hat ihn vielleicht schon unzählige Male versetzt, vielleicht ist die Welt voll von Minskis, die genußvoll die Zeit anderer verschwenden. Gott weiß warum der erste Minski meines Lebens diesen vergreisenden stummen Fisch und mich ausgerechnet heute zur selben Zeit an denselben Ort bestellt hat. Vielleicht sitzt er irgendwo in der Nähe und lacht sich ins Fäustchen. Vielleicht hat er es satt, jeden Tag auf ein Wunder zu warten, das genauso sicher nicht eintritt, wie der Schläfer aus dem glücklichen Traum erwacht, in dem ihm alle Wünsche in Erfüllung gegangen sind. Das Leben ist eine einzige Ernüchterung. Da kann es schon einmal vorkommen, daß einer bösartig wird und andere Menschen zu sekkieren beginnt. Armut macht niederträchtig.
»Schauen Sie nur«, sagt der Mann und deutet auf das schwarze Wasser vor unseren Füßen, das mir die ganze Zeit über wie ein blinder Spiegel vorgekommen ist, glatt und bilderlos, Oberfläche ohne Grund. Jetzt ist unter der Oberfläche die belebte Tiefe zu erkennen, ein scheinbar ins Unendliche sich fortsetzender Raum, den sich eine nicht zu überblickende Masse weißer Medusen erobert hat, lautlos und langsam sich abwechselnd zu einem Knäuel verkrampfend und anschließend zu einem breiten Schirm sich aufspannend. Übereinander, untereinander, nebeneinander, so weit das Auge reicht. Ein fürchterlicher Anblick, gallertige, hauchdünne Monster mit langen Tentakeln, die an der Luft zu Schleim zerfließen, unter Wasser jedoch gleichermaßen eitel wie gelangweilt ihre körperlichen Dimensionen zur Schau stellen, verkrampfend, aufspannend, gleichförmiges Pulsieren wie ein Herz im Schlaf. Sie schweben, scheint mir, wie Blasen, vom Grund des Meeres kommend, langsam bis knapp an die Oberfläche, und sie lassen sich ans Ufer herantreiben, als wollten sie, einem kollektiven Zwang folgend, aus dem Meer heraussteigen und sich über die Küste legen wie feine Seidentücher, hügelan bis zur Muschelkalkstadt, um sie mit ihrem Gift zu zersetzen und ins Meer zu spülen … Fraßen alles, was sich dort fand, flogen auf, und weiter ging’s wieder … Ich fürchte, ich träume schon am hellichten Tag …
»Wenn Sie da drin landen, sind Sie in wenigen Sekunden tot«, sagt der Mann. Auch er hat offensichtlich Alpträume. »Ein Scheißtod, glauben Sie mir. Ein Heer lebendiger Elektroschocker.«
Elektroschocker! Ein Kerl mit düsterer Phantasie. Menschen, die sich, von Quallen gefoltert, im öligen Wasser des Schwarzen Meeres winden, jede Berührung ein Peitschenhieb, lautlose Schreie aus offenen Mündern, die nackte Panik in den getrübten Augen, zerplatzende Lungen, langsames Absinken auf den Grund … Themenwechsel, um Gottes willen.
»Sie sind aus Odessa?« frage ich, den Kopf noch voller Sterben.
»Nein«, antwortet er. Und nach einer langen Pause, während der er sich eine neue Zigarette ansteckt: »Ich komme aus Spanien.«
»Sie sind zum ersten Mal in der Stadt?«
»Zum ersten Mal, ja.« Er reibt sich die Augen und gähnt mit weit aufgesperrtem Kiefer. Verfärbte Schneidezähne wie Schieferbruch, dahinter nur mehr blaßrosa Wülste. Kaut offenbar auf dem bloßen Zahnfleisch.
»Und Minski?« frage ich, seine Müdigkeit ausnutzend.
Schwache Gegenfrage: »Was ist mit Minski?«
»Warum warten Sie auf ihn?«
»Weil er etwas weiß, was ich wissen muß.« Womit er nicht allein ist. Dieser Minski scheint mit Informationen zu handeln. Und ich habe den Geldbetrag, den Valeria mir genannt hat, sogar freiwillig verdoppelt, weil ich dachte, einem armen alten Ukrainer gegenüber, der seine endlosen Tage bei jeder Witterung und Jahreszeit im Park absitzt und der mir zufällig bei einem Problem behilflich sein kann, sollte man sich großzügig erweisen. Dollar?
D-Mark? Travellerscheck von American Express? Ist das nicht schön, wenn man einem alten Mann gleichsam aus der Portokassa den Lebensabend vergoldet?
»Und was weiß Minski, was Sie nicht wissen?«
Als wäre ich mit dieser Frage zu weit gegangen, fährt der Spanier in die Höhe, richtet sich den Kragen zurecht, läuft aber nicht, wie es zuerst den Anschein hat, weg, sondern macht bloß einen Schritt nach vor, bis an den Rand der Mole. Eine Windböe von Lee würde die magere Gestalt mit sich reißen wie einen Pappkameraden, und ihn ein Stück hinaus aufs Wasser wehen, mittenhinein zu seinen träge auf und ab flanierenden Todesmedusen. Natürlich ist auch das nur eine Phantasie, in Wirklichkeit wirft er nur den Zigarettenstummel ins Meer, steckt die Hände in die Hosentaschen und wendet sich mir zu.
»Minski weiß, wo ich Garcia Novarras Leiche finde.«
In diesem Augenblick hebt sich draußen am Horizont ein riesiger Schiffsrumpf aus dem Meer, eine Art Titanic, die nach oben gespült wird. In der nächsten Sekunde ist nichts mehr zu sehen. Schon wieder eine Sinnestäuschung? Da: eine schwarze Möwe (gibt’s so etwas?) fliegt schreiend hinter dem Rücken des Spaniers hoch in die Luft und verdeckt dabei für einen kurzen Moment die Sonne.

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