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Zwölf jüdische Erzählungen
(Leseprobe aus: Zwölf jüdische Erzählungen, 2009,
Wieser-Verlag).
Gerhard Kamintzky kam auch als Rentner nur selten nach Wien. Was hatte er hier zu tun gehabt?
Wenn er nach Wien kam, dann nur, um auf dem Zentralfriedhof am Grab der Witwe Konigstetter Blumen niederzulegen.
Einmal irrte er in der Innenstadt herum und gelangte vom Stephansdom unversehens zur Synagoge in der Seitenstettengasse. Als er hineingehen wollte, um Gott um Gnade fur die Mame und den Tate zu bitten, wurde er von zwei jungen Türstehern angehalten: ≫Weshalb kommen Sie hierher?≪
≫Ich möchte beten.≪
≫In der Synagoge?≪
≫Ja.≪
≫Aber Sie sind doch kein Jude!≪
≫Kein Jude?≪ wunderte er sich.
≫Doch, eigentlich schon.≪
≫Was soll das heisen: eigentlich?≪
Man bat ihn zu einem Seiteneingang. Wie sollte er ihnen verdeutlichen, was er mit ≫eigentlich≪ gemeint hatte?
≫Vielleicht gehe ich besser wieder≪, meinte er.
Sie hielten ihn nicht davon ab. Beim Weggehen hörte er einen Wächter zum anderen sagen: ≫Das war wohl ein Provokateur oder eher ein Meschuggener. Wenn ein Goj plötzlich ein Jude sein will, dann ist das ein Fall für die Psychiatrie.≪
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